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M. Wohlrabe
Beten ist wie Medizin

Muslima Betül hat sich gegen das Kopftuch entschieden

Zwölf Uhr mittags, Gebetszeit in der Sehitlik-Moschee. Sie ist die größte in Berlin. Zum Freitagsgebet kommen mehr als 2.000 Muslime, zumeist Männer. Betül sitzt in einem Nebenraum der Mosche und lacht. Nebenan predigt ein Mann lautstark Koran-Verse. Ihr gefällt das Gebet. Eigentlich ist sie ein Mädchen, das gern die Ruhe sucht, aber hier fühlt sie sich wohl - trotz der Lautstärke und der vielen Menschen.

"Ich mag diese Gebete, sie sagen manchmal so viel über mich selbst aus und erklären mir einiges", sagt die 15-Jährige. Sie ist nur ein paar Mal im Monat in der Neuköllner Moschee. "Ich bete lieber zu Hause." Dort liest sie auch jede Woche ein paar Seiten im Koran. Etwa zweimal am Tag betet sie. "Zu den Morgengebeten, die vor der Schulzeit sind, komme ich nicht, weil ich mich da eher auf die Schule vorbereite", sagt die Gymnasiastin.

Betül sucht sich die Zeit zum Beten lieber nachmittags und abends. "Am liebsten bete ich allein in meinem Zimmer, dann bin ich ganz für mich", sagt sie. In ihrer Freizeit malt sie gern auf Leinwände, liebt japanischen Schwertkampf, und stellt selbst Tee und Salben aus Heilpflanzen her. "Aber wenn es mir schlecht geht, hilft mir das Beten immer noch am meisten", sagt sie. "Es ist meine beste Medizin."

Ein Leben ohne Religion könnte sich die Schülerin nicht vorstellen. Sie sagt das sehr überzeugt, nicht aufgesetzt. Dass Betül kein Kopftuch trägt, hat sie selbst entschieden. Zuhause bei den Eltern war es nie ein Thema. Ihr Vater ist Taxifahrer, dessen Eltern in Istanbul leben, die Mutter kommt aus Polen und ist Hausfrau.

Manchmal, wenn sie in sich hinein hört, glaubt Betül, dass ihre Freundinnen, die ein Kopftuch tragen, es besser machen. Doch nur einen Moment später verwirft sie den Gedanken wieder: "Obwohl die Kopfbedeckung in der Religion vorgeschrieben ist, habe ich mich erst einmal für ein Leben ohne Kopfbedeckung entschieden. Wichtig ist ja bloß, dass ich von der Religion überzeugt bin und mit dem Herzen daran glaube."

Noch ist Betül ratlos, was sie später werden möchte. "Wir wünschen uns sehr, dass unsere Tochter studiert", sagt ihr Vater. Sie mag Mathematik. "Mir gefällt es zu rätseln, um den richtigen Weg herauszufinden."

Eines weiß Betül schon jetzt: "Später möchte ich am liebsten arbeiten wie alle anderen, aber auch für meine Familie da sein."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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