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Katrin Richter
Neue Perspektiven

SOFT SKILLS In Siegen trainieren Hauptschüler Benimmregeln

Das Jammern über Tugend- und Sittenverfall der jungen Generation scheint so alt wie der Mensch selbst. Derzeit ist die Häme besonders groß: "Generation Doof" heißt es, oder "Generation kann nix". Besonders Arbeitgeber bemängeln häufig Sprache und Erscheinungsbild der jungen Leute. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Schulabgänger: Das Fehlen von Stil und Etikette entwickelt sich zum Einstellungshemmnis.

Eine aktuelle Online-Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) hat ergeben, dass trotz ausreichender Anzahl von Bewerbern 15 Prozent der Unternehmen nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen können. Als Grund für die Nicht-Besetzung geben mehr als die Hälfte der Betriebe "mangelnde Ausbildungsreife" an. Ganz besonders Hauptschülern sprechen Unternehmer Sekundärtugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit und Stehvermögen ab.

Mangelnde Leistungsbereitschaft

"Das selbstbewusste, aber überhebliche Auftreten passt mir überhaupt nicht", stellt Stefan Busenbach fest. Der Ausbildungs- und Betriebsleiter der Unternehmensgruppe Rothenpieler klagt vor allem über mangelnde Leistungsbereitschaft und Motivation bei den jungen Bewerbern. Günter Kneppe von der SMS Demag AG, einem weltweit führenden Unternehmen im Bereich Hütten- und Walzwerktechnik, vermisst bei den Möchtegern-Berufseinsteigern wirkliches Interesse und Engagement. "Den jungen Menschen scheint oftmals nicht bewusst, dass sie für sich, ihr ganzes Auftreten und Verhalten, Verantwortung übernehmen müssen." Kaugummi kauen, in den Kniekehlen hängende Hosen oder "Ey, Aalta"-Vokabular könnten vielleicht bei den Teenagern untereinander wirken, sind aber bei Personalchefs nicht sehr beliebt. Gute Manieren sind dagegen nicht nur aus Sicht der Unternehmen sehr gefragt.

Dem Werteverfall durch die Rückkehr des Knigge entgegenwirken will das Berufsbildungszentrum (BBZ) der IHK Siegen. Ein den Schulunterricht ergänzender Lehrgang im "Haus der Berufsvorbereitung" soll Hauptschüler fit machen in Benimmregeln. Über ein ganzes Jahr lang wird von den Schülern gefordert, an jedem Freitag und Samstag Präsenz zu zeigen. Für die Jugendlichen beginnt der Lehrgang mit einem Theorieblock, dem dann der praktische Teil in Betrieben folgt. "Die Jugendkultur war schon immer anders, aber spätestens mit dem Einstieg in den Beruf werden die Jugendlichen an Erwachsenen-Maßstäben gemessen", erklärt Uta Fiedler, Projektleiterin im BBZ Siegen.

Respektvoller Umgang

Zum Kultur-Crash komme es bereits bei den Kleidungsvorstellungen. Wieso es falsch sein soll, die teure Hüft-Jeans mit Blick auf den Bauchnabel zum Vorstellungsgespräch anzuziehen, sehen viele nicht ein. "Solche Diskrepanzen diskutieren wir mit den Jugendlichen. Selbst wenn das Basecap zum Outfit gehört, nimmt man die Mütze aus Respekt ab", erläutert sie. Respektvoller Umgang ist überhaupt einer der zentralen Punkte: "Jegliches Verhalten anderen Personen gegenüber sollte von Achtung und Respekt geprägt sein", heißt es im BBZ-Knigge.

Klaus Gräbener, Geschäftsführer der IHK Siegen und des BBZ, wehrt sich aber dagegen, die Jugend von heute als unfähig zu diskreditieren. "Die Teens sind nicht schlechter als früher, sie sind anders. Wir können uns auch keine neuen malen, wir müssen sie dort abholen, wo sie stehen. Und ihnen dabei Richtlinien vermitteln." Wenn sie bereit sind, sich selbst zu fordern und am Ball bleiben, winkt ihnen eine konkrete Lehrstellenperspektive. Die Durchhaltequote von 90 Prozent im BZZ-Lehrgang spricht jedenfalls für die Ambitionen der Jugendlichen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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