Inhalt

Martin Machwoecz
Ein Preis zum Knutschen

wettbewerbe Abstruser Kampf um Aufmerksamkeit der Jugend. Eine kleine Polemik

Lutz hat da was zwischen den Zähnen. Seine Zunge ist es nicht. Ganz sicher auch nicht die einer Fremden. Nein! Lutz hat Dreck zwischen den Kauleisten. Aber zum Glück gibt's "Be Küssed" - Hilfe naht also.

"Be Küssed" ist, nun ja, ein Schülerwettbewerb. So sexy wie sein Name und so aufregend wie seine Erfinder, die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege: "Gestaltet Werbung oder Info-Medien, die den Zugang zum Zahnseidengebrauch in Deutschland erleichtern!" Ihr fühlt euch angesprochen? Schickt eure Speisereste nach Berlin! Schreibt auf eine Postkarte: "Klar, liebe Mundhygiene-Industrie, wir übernehmen gerne den Job eurer Promo-Agentur für ein paar Gratisboxen Mundspülung."

"Be Küssed" ist einer von fürchterlich vielen Schülerwettbewerben von "Jugend denkt Zukunft" vom Finanzministerium bis zumSchülerpreis der Gesellschaft für Fettwissenschaft. Es scheint, als denke sich jeder, der noch keinen gewonnen hat, selbst einen Preis aus. Billy Wilder hat mal gesagt, Preise seien wie Hämorrhoiden: "Irgendwann kriegt jeder Arsch welche." Und irgendwas gewinnt wahrlich jeder Depp - und wenn es nur der dritte Platz bei den Döbelner Kreismeisterschaften im Dreierhopp 1996 ist oder der Trostpreis "Topfschlagen" bei der Kindergeburtstagsmeisterschaft von Kevin.

Frühkindlich werden wir so an den Wettbewerbsgedanken herangeführt. Fürs Ellenbogenduell mit unseren Mitschülern, pardon: Wettbewerbern. Und um später auf dem Arbeitsmarkt richtig durchzuplatzen. Wer bei "Schüler schützen Regenwälder" gewonnen hat: Jawohl, der ist Elite! Der ist oben! Der ist angekommen! Jugend, forsche! Jugend, musiziere! Jugend, trainiere für Olympia! Sei dabei! Mach mit! Du wolltest schon immer mal zu den Siegern gehören?

Wettbewerbe sind verzweifelte Versuche, eine Generation zum Mitmachen zu aktivieren. Nur: Sie funktionieren nicht. Die Wettbewerbsseuche hat tausend Namen. Für Bauern-Opfer: "Bio find' ich kuh-l". Für Ex-Analphabeten: "Ich schreibe!" Für alle, die das Internationalbusinessmanagementstudium am liebsten zwischen Stufe elf und zwölf in den Sommerferien einschieben würden: "Business@School". Es gibt Gründerpreise, Ideenpreise, Wasserturm-Hochbau-Preise. Komm schon, irgendwas kannst du doch!

Später steht dann in unserem Lebenslauf: "1. Preis beim Wettbewerb ,Tee ist Klasse -tea up your class' des Deutschen Teeverbandes 2008. Im gleichen Jahr Gewinn von "Ich sehe Wasser, was du nicht siehst" und "Abenteuer Auen"?

Da sieht der Personalchef: Der steht im Tee, dem steht das Wasser nicht bis zum Hals. Der wird geküsst.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag