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Hannes Petzold
Darüber spricht die Jugend

Lauschangriff Was den Erwachsenen der Stammtisch, ist der Jugend die Umkleidekabine. Wir haben einen Tag lang zugehört

Vor der Turnhalle steht sich eine Kohorte Elftklässler schon seit Minuten die Beine in den Bauch. Der Atem klirrt bei minus zwei Grad, man flucht. Ein schmächtiger Blondschopf, Martin, zieht demonstrativ den Reißverschluss seiner Jacke zu. "Ziemlich kalt", witzelt er. "Kein Wunder. Es ist Ende November, du Volltrottel", blafft sein hoch gewachsener Stehnachbar nonchalant.

Wer die Hände nicht in den Taschen vergraben hat oder angestrengt lässig wirkt, produziert belanglosen Smalltalk. Martins Hintermann, etwas kleiner und rundlicher geraten, will "Sebastians neuen Haarschnitt" bemerkt haben. Der stehe ja Sebastian "mal so gar nicht". Martin setzt noch einen drauf: "Der sieht aus wie einer aus der Neunten. Echt peinlich." Martin grinst.

Chefplätze und verdiente Tore

Bevor das Friseur-Handwerk noch weiter in den Dreck gezogen wird, schließt der Sportlehrer die Hallentür auf - natürlich von Innen. "Der hat uns jetzt nicht wirklich in der Kälte stehen lassen, während er … - naja egal." Martins ehemaliger Stehnachbar bricht ab. Er will einen der "Chef-Plätze" in der Umkleidekabine ergattern. Jeder Zentimeter näher an der Gangtür zur Halle zählt - unter denen, die etwas auf sich halten.

Nach der mühsam erscheinenden Platzsuche endlich sesshaft geworden, streifen sich ein paar der Jungen Vereins-Trikots über. Passend stimmt einer von ihnen - offenkundig Anhänger des Clubs aus Nürnberg - den Katzenjammer an: "Gestern, also dieses Tor! Habt ihr das Spiel geseh'n?" Der Ballfetischist hat thematisch ins Schwarze getroffen: Die kabinenfüllende Debatte darüber, ob das Tor denn nun lobenswert erspielt worden ist oder nicht, kann er zweifelsohne auf seinem "Male-Talk"-Konto verbuchen.

Der Ballphilosophie überdrüssig schlägt ein hagerer Brillenträger versöhnlichere Töne an. "Die Stehgreifaufgabe gestern war ja mal echt scheiße", mosert er über die Lateinklausur vom Vortag. Zustimmendes Johlen. "Ja, klar! Vor allem - überleg dir das mal: Die Übersetzung zählt mehr als die Hälfte der ganzen Bewertung! Da ist es fast egal, ob du im Zusatzteil was weißt...", ereifert sich ein Mitstudent über Seneca, Ovid und Co.

Irgendwie klingt der Spruch bekannt: Standardausrede derjenigen, die sich einfach nicht eingestehen wollen, dass sie mit dem Ablativ und seinen Freunden wohl nie so richtig warm werden würden. Aus dem Mund des Wortführers hört sich das so an: "Na, es ist doch so: Ich meine, wir hatten jahrelang den Meier - und jetzt zieht der Giebelt auf einmal so an! Da braucht der sich gar nicht wundern, wenn jetzt nur schlechte Noten herauskommen."

Der Bewegungschinese

Die Kollegen von der Landjugend interessiert der Meier-Giebelt-Vergleich deutlich weniger. Markus, ein pickeliger junger Mann mit Stiernacken und ausladendem Gestus, erzählt von einem ganz anderen "Sach"-Verhalt. Ein Bekannter habe wohl in jugendlicher Unbeschwertheit ausprobiert, wofür sich Schock-Rocker Marylin Manson gerüchteweise extra eine Rippe hat entfernen lassen. Ein Versuch zur sexuellen Stimulation, der, ob wahr oder falsch sei dahingestellt, in der Kabine für ausgelassenes Gelächter sorgt.

"Und er ist mit dem Kopf wirklich fast bis runter gekommen?", will man wissen. "Krass, so ein Bewegungschinese. Aber dumm ist das irgendwie doch", urteilt die Traktor-Clique. Sexualität hin oder her: Mein Grundkurs Sport hat das Thema "Körper" tags zuvor noch eher pragmatisch behandelt: Nämlich mit der nüchternen Feststellung, dass ein Halspiercing wohl keine gute Idee ist.

Was mich wundert: Vor kurzem habe ich Markus auf dem Schulhof noch angeregt über die Finanzkrise und die "Zukunft des Neoliberalismus" diskutieren hören. In der Umkleidekabine scheint vom nüchternen Kritiker nichts mehr übrig - außer sein Gewinn- und Profilierinstinkt.

Plötzlich platzt ein in Mütze und Schal Gewickelter durch die Tür. "Mensch, Alex! Dass du dich auch her bemühst", begrüßt man ihn. Alex wirkt angeschlagen, sein Gesicht ist kreidebleich. "Ich mach heute nicht mit, bin krank", röchelt er betont leidend.

Darauf hat die Meute gewartet. Sie schreit Zeter und Mordio: "Boah, so ein Mist, ich hab überhaupt keinen Bock auf Bodenturnen", stöhnt Martin, "können wir das nicht wann anders machen?" Turnen scheint nicht gerade der Elfer-Liebling zu sein. "Können wir nicht einfach Fußball spielen?" Einer der Trikot-Träger gibt Alex einen Knuff in Rippen. "Mit Bällen müsstest du dich ja bestens auskennen", zischt er und trollt sich Richtung Sporthalle.

Kurz darauf sitze ich allein in der Kabine. 90 Minuten und etlichen Seiten "Emilia Galotti" später, wanken mir die Turn-Delinquenten verschwitzt und erstaunlich wortkarg entgegen. "Ich hätte wirklich nicht mitmachen sollen", flucht Alex und vergisst vor lauter Fluchen seinen Schal.

Meinem Geschichtslehrer zufolge habe ich gerade den Vorläufer des späteren Stammtischs erlebt. Nur, dass das Klassiker-Thema "Auto" noch gefehlt hat. "Aber das kommt mit der Zeit sicher noch", meint er.

Nach zehn Minuten Zwischenpause versammelt sich ein erster Pulk quirliger Achtklässler in der Kabine. Die vorhergegangene Schulstunde bewegt sie noch: Ein Schüler fühlt sich von der Lehrkraft ungerecht behandelt. "Ich habe nicht geschwätzt und bekomme trotzdem eine Strafarbeit", ärgert sich der Lockenkopf mit der dicken Brille, "das ist doch nicht fair." Trotzig schlüpft er in seine Sportklamotte. "Naja, vielleicht ringen wir ja", meint einer seiner Klassenkameraden, der so aussieht, als sei Ringen seine Lieblingsdisziplin.

Was auch immer passiert sein mag: Seinen Frust hat der Strafarbeitler auch zwei Schulstunden später noch nicht ausgeschwitzt. "Ich bin fix und fertig. Und jetzt soll ich noch Hausaufgaben und Strafarbeiten machen...", stöhnt er.

Brenzlige Situationen

Während der letzten beiden Stunden tummeln sich die Vereinsspieler und Amateure des Grundkurses Basketball in der Umkleidekabine. Die letzte Kollegstufenfeier wird lauthals nachbereitet. "Wir sollten nochmal mit den Verantwortlichen vom Sicherheitsdienst reden. Die haben in vier brenzligen Situationen nichts gemacht, das ist ganz klar ein Vertragsbruch; eigentlich sollten wir denen von der Rechnung ein gehöriges Sümmchen abziehen", fordert Achselshirt-Träger und Sportskanone Fabian. Der Rest sieht's ähnlich: "Da sollte sich wirklich mal jemand drum kümmern." Fünf Minuten nach Unterrichtsbeginn scheucht Fabian die letzten Nachzügler zur Halle: "Kommt Jungs, bewegt euch! Nicht dass ihr noch zu fett für eure Freundinnen werdet."

In der Kabine wird es wieder still, nur die Leuchtstoffröhren an der Decke summen. Bis Fabian noch einmal den Kopf zur Tür herein steckt: "Denk dran, es ist kalt draußen!" Ich schalte das Licht aus, ziehe die Jacke an und schließe die Tür. Zur Not habe ich ja noch Alex' Schal.

Der Autor steht kurz vor seinem Abitur. Er ist 19 Jahre alt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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