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ORTSTERMIN BEIM: DEUTSCH-FRANZÖSISCHEN PARLAMENTARIERTREFFEN
Kata Kottra
»Die eigene Position mit anderen Augen sehen«

Das Engagement Yves Burs (im Bild li.) für die deutsch-französische Zusammenarbeit ist schon in seiner Biografie angelegt: Der französische Abgeordnete der konservativen UMP ist gebürtiger Elsässer und wuchs dreisprachig - mit Französisch, Deutsch und Elsässisch - auf. Im Zweiten Weltkrieg wurde seine Familie auseinandergerissen. Sein Vater kämpfte in der französischen Armee, drei seiner Onkel in der Wehrmacht, einer fiel in Russland. Auch damit "sich so etwas nicht wiederholen kann", setzt sich Bur für die deutsch-französische Zusammenarbeit ein, seit er 1995 für seinen Wahlkreis nahe Straßburg in die Assemblée nationale, das französische Parlament, einzog. Inzwischen ist er dort Vorsitzender der französisch-deutschen "groupe d´amitié", der sogenannten Freundschaftsgruppe, die 88 Mitglieder hat.

Der Bezug seines deutschen Kollegen Andreas Schockenhoff (CDU, im Bild re.) zum Nachbarland Frankreich ist weniger dramatisch: Er studierte Romanistik in der Alpenstadt Grenoble und begann seine Laufbahn als Französischlehrer. Seit 1995 ist er Vorsitzender von 72 deutsch-französisch engagierten Parlamentariern im Bundestag.

Der Deutsche Bundestag unterhält viele Beziehungen in alle Welt. Allein 53 Parlamentariergruppen - von der deutsch-ägyptischen bis zur deutsch-zyprischen - listet die Homepage des Bundestages auf. "Auch die internationalen Beziehungen des Bundestages unterliegen bestimmten Trends", erklärt Fritjof von Nordenskjöld, ehemaliger Botschafter in Paris und heute stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. "Die deutsch-französische Aussöhnung war nach dem Krieg besonders dringlich, inzwischen ist sie zur Normalität geworden." Aber sie gehört auch zu den intensivsten Beziehungen, die der Deutsche Bundestag unterhält.

Deutlich wird das beim 7. Parlamentarierkolloquium Paris-Berlin, das vom 15. bis zum 17. Januar in Hamburg stattfand. Sein Thema: Die europäische Industriepolitik in der Luft- und Raumfahrt.

Gleich am ersten Abend steht ein Besuch im Airbus-Werk auf der Elb-Halbinsel Finkenwerder auf dem Programm. Die Abgeordneten lassen sich die Hallen zeigen, in denen die Passagiermaschinen montiert werden. Zwischen den französischen und deutschen Airbus-Standorten herrscht Aufgabenteilung: In Hamburg werden unter anderem die Systeme für Elektronik, Hydraulik und Klima in die Flugzeuge montiert, auch die Auslieferung an Kunden in Europa und im Nahen Osten erfolgt aus der Hansestadt. Fünf bauchige Transportflugzeuge des Typs "Beluga" transportieren Flugzeugteile von anderen Standorten nach Hamburg zur Endmontage. Dass die europäische und auch die deutsch-französische Zusammenarbeit beim Airbus-Mutterkonzern EADS aber keinesfalls immer reibungslos verläuft, wird während des Kolloquiums im Gespräch mit Unternehmensvertretern deutlich. Prominentester Gast ist EADS-Vorstandsvorsitzender Louis Gallois. Um den Austausch von Höflichkeiten geht es den Parlamentariern von Bundestag und Assemblée nationale nicht. Die Diskussionen um Arbeitsplätze bei Airbus, um Verzögerungen beim Bau des Militär-Transporters A400M und die Chancen und Risiken der europäischen Zusammenarbeit im Weltraum sind so leidenschaftlich, dass die Dolmetscher manchmal kaum mit dem Übersetzen nachkommen.

Bei den deutsch-französischen Kolloquien "spüren wir die Probleme, bevor sie aktuell werden", sagt der Elsässer Abgeordnete Yves Bur. So habe man 2006 die Fragen von Zuwanderung und Integration diskutiert, kurz bevor in Deutschland die Vorfälle in der Berliner Rütli-Schule eine breite Diskussion auslösten. Andreas Schockenhoff sieht die besondere Bedeutung der Treffen darin, dass Abgeordnete aus verschiedenen Ausschüssen und beiden Ländern sich intensiv mit einem Thema beschäftigen: "Dabei hat man die Möglichkeit, die eigene Position mit anderen Augen zu sehen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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