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Claudia Heine
Die harte Schale knacken

Bundeswehr Einrichtung eines Kompetenzzentrums zur Behandlung von Trauma-Opfern geplant

Frank Eggen hatte ein Film-Erlebnis: "Vor einem Jahr habe ich auf der Berlinale den Film, Nacht vor Augen' gesehen. Das hat mir die Augen geöffnet." Der Film erzählt eine von Belastungen geprägte Rückkehrer-Geschichte, davon, dass sich ein Soldat nach seinem Einsatz in Afghanistan nicht mehr im Leben zurechfindet, von Albträumen geplagt wird, die niemand versteht. Der Hauptfeldwebel und Webmaster der Online-Redaktion des Katholischen Militärbischofsamtes (KMBA) beließ es nicht bei der bloßen Erkenntnis. Schon im Mai 2008 stellte er das Internetportal angriff-auf-die-seele.de ins Netz, das sich explizit an Soldaten wendet, die unter einer "posttraumatischen Belastungsstörung", kurz PTBS, leiden. "Im Internet kann man sich zunächst im stillen Kämmerlein die Informationen holen. Das ist extrem hilfreich, weil man eben nicht gleich den offiziellen Dienstweg gehen muss", glaubt Eggen. "Wir haben schon viele Leute auf diese Weise in eine Therapie vermittelt."

Quer durch alle Dienstgrade

Die Zahl der an PTBS leidenden Soldaten hat sich innerhalb der vergangenen drei Jahre verdreifacht. 2008 waren es nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums 245 Fälle, davon stammen allein 226 aus der ISAF-Truppe in Afghanistan. So ist es kein Wunder, dass vor allem Soldaten, die in Afghanistan täglich auf lebensgefährlicher Mission unterwegs waren, die Angebote des Portals annehmen. "Dabei spielen Hierarchien keine Rolle. Die Anfragen gehen quer durch alle Dienstgrade", sagt Eggen. Und dabei bleibt es nicht. Ein Drittel aller Anfragen kommen von Angehörigen, deren Ehemann oder Sohn verändert aus dem Ausland zurückkommt und die nicht wissen, was sie tun sollen.

Unter der Rubrik "Rat vom Fachmann" beantwortet Oberfeldarzt Peter Zimmermann vom Bundeswehrkrankenhaus in Berlin also zunächst allgemeine Fragen. Denn wer weiß schon so genau, was eine posttraumatische Belastungsstörung ist? Laut Definition ist die PTBS die schwerste aller menschlichen Stressreaktionen, deren Ursachen nicht nur in Kriegserlebnissen liegen. Auch Unfälle oder Verlusterfahrungen können dazu führen, noch nach Jahren unter Todesangst und Panikattacken zu leiden, sich macht- und hilflos zu fühlen. Im Chat des Internetportals beschreibt ein Soldat einen der Gründe dafür: "Viele, die unterwegs waren, haben das Gefühl, das Erlebte nicht mit denen, die nicht dabei waren, teilen zu können. Im Einsatz ist alles irgendwie klar, jeder hat dieselben Bedingungen, es braucht nicht viele Worte, um klar zu machen, dass es gerade nicht lustig ist. Zuhause ist alles anders. Kaum jemand versteht, was war und es jemandem zu erklären, ist fast unmöglich."

Das Problem bestehe nicht darin, dass es zu wenig Hilfsangebote gebe, erklärt Eggen. Truppenärzte, Sozialdienst, Militärseelsorge oder Familienbetreuungszentren sind potenzielle Ansprechpartner. "Aber es gibt zu viele unterschiedliche Zuständigkeiten. Man läuft von einem Ort zum anderen, bevor man Unterstützung bekommt." Und oft leider auch nicht: "Mein Sohn war bei der KSK und in Afghanistan, hat sich sämtliche Knochen gebrochen, Freund tot, er Intensivstation. Jahre habe ich für die Anerkennung des posttraumatischen Stresssyndroms gekämpft. Die Bundeswehr hat bis heute nichts für uns getan", schreibt ein Vater im selben Chat.

Am 12. Februar nun hat der Bundestag einen fraktionsübergreifenden Antrag von Union, SPD, FDP und Grünen (16/11882) auch mit den Stimmen der Linken angenommen, der die Betreuung bei PTBS verbessern will. Geplant ist unter anderem, eine anonyme Beratungshotline für Betroffene und deren Angehörige und ein Kompetenz- und Forschungszentrum zur Behandlung von PTBS einzurichten. Damit erfüllen sie alte Forderungen des Wehrbeauftragten des Bundestages, Reinhold Robbe, und des Bundeswehrverbandes.

Harmonie in der Debatte

Die Plenardebatte hatte jedoch den Anschein, als wäre dieses Thema nie kontrovers diskutiert worden. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) betonte: "Seelische Verwundungen müssen genauso ernst genommen werden, wie körperliche Verwundungen." Die FDP, die noch im vergangenen Sommer mit einem Antrag zur Schaffung eines Traumazentrums gescheitert war, äußerte sich nun zufrieden. Elke Hoff stellte klar: "Wir haben die moralische Verpflichtung, uns auch mit der Kehrseite der Einsätze zu befassen." Für die SPD erklärte Jörn Thießen, das Kompetenzzentrum müsse "ein ernsthaftes, echtes Kompetenzzentrum" werden und nicht ein "inhaltliches Nebengelass". Winfried Nachtwei (Grüne) sagte, es gehe nicht nur um den Kampf um Gesundung, sondern auch um die Anerkennung der "Wehrbeschädigung". Paul Schäfer von der Linksfraktion stellte klar, auch wenn seine Fraktion Auslandseinsätze politisch ablehne, hätten die Soldaten dennoch jede Unterstützung verdient.

Für Hauptfeldwebel Frank Eggen eine Selbstverständlichkeit: "Wenn uns der Bundestag in den Einsatz schickt und uns die Vorgesetzten Befehle erteilen, dann muss auch klar sein, dass wir abgesichert sind." Auch er fordert ein Traumazentrum, das nicht nur von einer anderen Institution "Huckepack" genommen wird. "Was wir brauchen, ist eine eigenständige, hauptamtliche Institution, die finanziell entsprechend ausgestattet sein muss, um handlungsfähig zu sein."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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