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Nicole Tepasse
Perspektiven für den Nachwuchs

WISSENSCHAFT Junge Wissenschaftler sollen nach dem Willen aller Bundestagsfraktionen besser gefördert werden

Deutschland hat ein gravierendes Problem, sagt Wilfried Müller. Er meint damit nicht die Krise, die in aller Munde ist. Er spricht von einem anderen Problem. Einem, für das die Regierung vor gut vier Jahren mögliche Lösungen in ihren Koalitionsvertrag hineingeschrieben hat: Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Die werde allerdings nach wie vor vernachlässigt, wie Müller, Rektor der Universität Bremen und Vizepräsident für Lehre und Studium der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), im Gespräch mit dieser Zeitung sagt. "Es ist schlimm, wenn die jungen Leute erst als Doktoranden an die Hochschulen gelockt und dann aus dem Wissenschaftsbetrieb rausgeschmissen werden, weil es keine adäquaten Stellen gibt", kritisiert er die derzeitige Situation.

Viele Promovierende, wenige Stellen - so lässt sich ein Problem beschreiben, mit dem es der wissenschaftliche Nachwuchs in Deutschland zu tun hat. Das einzige ist es nicht, sagt Müller.

Zwar nimmt sich die Wissenschaftspolitik seit einigen Jahren des Nachwuchses an, wie das Beispiel der Juniorprofessur zeigt. Defizite gibt es dennoch eine Menge. Das macht etwa der Bundesbericht zur Förderung des Wissenschaftlichen Nachwuchses (BuWiN) vom März 2008 (16/8491) deutlich, den die Bundesregierung in Auftrag gegeben hat. Die Wissenschaftler der Universitäten Halle und Kassel und des Bayerischen Staatsinstituts für Hochschulforschung und Hochschulplanung empfehlen darin, eine bessere Beratung, ein besser aufeinander abgestimmtes System der Nachwuchsförderung und vor allem die Perspektive auf langfristige und bessere Karriereplanung für Doktoranden und Promovierte in der Postdoc-Phase zu schaffen.

Die Regierung hat damit noch einmal schwarz auf weiß, was sie schon 2005 auf der Agenda hatte: "Wir wollen junge Talente und Nachwuchswissenschaftler fördern und ihnen Karriereperspektiven eröffnen. Die Besten aus aller Welt müssen in Deutschland attraktive Studien- und Arbeitsbedingungen vorfinden", heißt es im Koalitionsvertrag.

18 Milliarden Paket

Wie attraktiv sie die Studienbedingungen finden, machen viele Studenten seit dem 15. Juni mit ihrem "Bildungsstreik 2009" deutlich. Aber auch die Attraktivität der Arbeitsbedingungen ist nach Ansicht aller Fraktionen im Bundestag ausbaufähig. Vier Anträge lagen dem Bundestag am 18. Juni zur Abstimmung vor.

Die Koalitionsfraktionen appellieren in ihrem Antrag (16/11883) an die Länder, die "Tenure Track"-Professuren auszuweiten. "Tenure Track": Das ist sozusagen der amerikanische Weg, um über mehrere Zwi- schenevaluationen eine unbefristete Beschäftigung an einer Hochschule zu bekommen. "Gemeinsam mit den Ländern muss ein Weg zur Stärkung der Tenure Track-Stellen gefunden werden", erklärt Marion Seib (CSU), fügt aber hinzu, dass der Bund in diesem Bereich keine oder nur sehr beschränkte Einflussmöglichkeiten hat.

Ihr Koalitionspartner Ernst Dieter Rossmann (SPD) sieht das anders: Faktisch habe der Bund nach der Gesetzgebung der Föderalismusreform I nur bei Zulassung und Abschlüssen Einfluss auf die Hochschulpolitik. Möglich sei auch eine finanzielle Förderung der Hochschulen durch den Bund . "Der Bund ist dann stark in Bildungsfragen, wenn er das Geld noch nicht zugestanden hat", sagt Rossmann. Das sei auch seine Kritik an den Verhandlungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Ministerpräsidenten der Ländern, die am 4. Juni ein Milliarden-Paket für Hochschulen und Forschung beschlossen haben. Mit 18 Milliarden Euro sollen die drei großen Bund-Länder-Programme Hochschulpakt II, die Exzellenzinitiative und der Pakt für Forschung und Innovation finanziert werden. Von den in der Exzellenzinitiative vorgesehenen Graduiertenschulen, die jährlich zwischen 1 und 2,5 Millionen Euro bekommen sollen, profitieren vor allem Doktoranden.

"Diese Trias alleine genügt nicht", kritisiert Rossmann. Ihn ärgert, dass die Parlamentarier "im Detail nicht genug darauf einwirken konnten, Verbindlichkeiten festzuschreiben". Wer viel Geld gebe - der Anteil des Bundes an den 18 Milliarden beträgt 11,8 Milliarden -, solle zumindest seine Erwartungen formulieren dürfen. Er befürchtet, dass es wegen der "Extremföderalisierung" noch viele Probleme geben wird. "Es wäre nicht gut, wenn einige Länder den Tenure Track ausbauen und andere nicht", gibt er zu bedenken.

An der Univeristät Bremen sind in den Bereichen Meereswissenschaften und Sozialwissenschaften bereits Graduiertenschulen eingerichtet worden, weitere sind geplant. Für Wilfried Müller ist das ein wichtiger Schritt, den seine Hochschule unternommen hat. Ein weiterer sind so genannte Promotionskontrakte zwischen Doktoranden und Professoren. Damit will er ein verbindliches Betreuungsverhältnis schaffen. "Ich erwarte, wenn ich Doktoranden betreue, dass wir genaue Absprachen treffen, an die sich beide Seiten halten. Dazu gehört, dass ich ihnen sagen, wenn eine Fragestellung eher eine Lebensaufgabe als ein Promotionsthema ist." Einmal pro Monat verabredet er einen festen Termin, um sich über den Stand der Arbeit auszutauschen. "Ich erlebe oft, dass Doktoranden das gar nicht wollen, sondern viele von ihnen mehr nach dem Prinzip verfahren: ,Ich finde meinen eigenen Weg'. Das kriegen nur die Genies hin", sagt Müller. Er versteht seine Betreuung als Hilfe zur Selbsthilfe. Eine enge Betreuung sei in der Praxis aber eher unüblich.

Ohne soziale Absicherung

Müller sorgt sich auch um die Doktoranden, die keine Stelle haben, sondern ihre Dissertation mit Stipendien finanzieren. "Das bedeutet ganz einfach, dass die Besten ohne soziale Absicherung ins Arbeitsleben gehen. Sie zahlen nicht in die Sozialversicherung ein." Hinzu käme, dass ein Doktorand von einem Stipendium gerade einmal seinen eigenen Lebensunterhalt finanzieren könne. "Eine Familie zu gründen, darüber können die meisten gar nicht nachdenken", sagt Müller und spricht damit zwei weitere Problembereiche an: ein wesentlich geringerer Frauenanteil beim wissenschaftlichen Nachwuchs und das Problem der Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlichem Beruf. Viele lockt deshalb das Ausland. Uwe Barth (FDP) bezeichnet es als "katastrophal", dass nur ein geringer Teil der Hoffnungsträger, die in Deutschland promoviert hätten und dann im Ausland Erfahrungen sammeln, zurückkehrt.

"Auch wenn meine Karriereplanung noch nicht auf eine bestimmte Richtung fixiert ist", erzählt eine Promovierende der HU Berlin, "sind für mich Stellenangebote im englischsprachigen Wissenschaftskontext wesentlich attraktiver. Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Gleichstellung von Männern und Frauen scheinen mir dort eher möglich oder schon verwirklicht." Familienfreundlichere Hochschulen und Chancengerechtigkeit für Frauen fordert auch Kai Gehring von den Grünen. "Die Hochschulen müssen sich zu messbaren Steigerungsquoten des Frauenanteils verpflichten."

Dass junge Wissenschaftler mit "Prekarisierungstendenzen", "Überlastung" und "Existenzangst" zu kämpfen haben, stellte jüngst die Verdi-Studie "Der wissenschaftliche Mittelbau an deutschen Hochschulen - zwischen Karriereaussichten und Abbruchtendenzen" fest. Ein neues Problem ist das nicht, wie Petra Sitte (Die Linke) mit einem Zitat von Max Weber aus dem Jahr 1919 belegt. "Denn es ist außerordentlich gewagt für einen jungen Gelehrten, der keinerlei Vermögen hat, überhaupt den Bedingungen der akademischen Laufbahn sich auszusetzen. Er muss es mindestens eine Anzahl Jahre aushalten können, ohne irgendwie zu wissen, ob er nachher die Chancen hat, einzurücken in eine Stellung, die für den Unterhalt ausreicht."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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