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Hans-Willy Bein
Vorfahrt für Stromfahrzeuge

Elektromobilität Nationaler Entwicklungsplan soll die Batterietechnik vorantreiben

Autos auf Busspuren oder kostenlose Parkplätze. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) hat viele Ideen, wie er Anreize für Autofahrer schaffen will, damit diese vom herkömmlichen Benziner auf ein Elektrofahrzeug umsteigen. Den Ministervorschlägen ist eins gemein: Sie sollen möglichst nichts kosten. Die Bundesregierung hat einen "Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität" ausgearbeitet, auf den sich die vier Ministerien Verkehr, Wirtschaft, Umwelt und Forschung verständigt haben und der auf der Kabinettssitzung am 18. August verabschiedet werden soll.

Auf ein großes Ziel konnten sich die Ressorts einigen: Deutschland soll international zum Leitmarkt für Elektromobilität werden. Strittig war aber bis zuletzt, ob es Finanzhilfen für den Kauf der teureren Stromautos gibt. Die Entscheidung wird jetzt wohl in die nächste Legislaturperiode verschoben.

Nach den Plänen des Verkehrsministeriums soll spätestens von 2017 an die Infrastruktur aufgebaut werden, um einer stärkeren Nutzung von Elektroautos den Weg zu ebnen. Die Bundesregierung will erreichen, dass 2020 eine Million mit Strom betriebene Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind. In vielen Städten Nordrhein-Westfalens (NRW) bekommen die Bürger derzeit bereits einen Vorgeschmack auf die neue Zeit. Elektroautos und mit Strom angetriebene Zweiräder schnurren durch die Gegend und mitten in den Citys gibt es Stromtankstellen. Die Stationen sind Teil einer Roadshow, mit der die Anbieter aus der Industrie unter anderem zusammen mit dem ADAC auf einer Tour durch verschiedene Großstädte sind. Dabei soll den Menschen das Thema Elektromobilität näher gebracht werden. Und so werden Besucher im Informationscenter der futuristischen "Tankstellen" auf eine Zeitreise in die mobile Zukunft geschickt und bekommen mit moderner Computertechnik technische Details vermittelt. Um zu zeigen, dass Elektroautos keine "lahmen Enten" sind, gibt es auch einen 250 PS starken Tesla Roadster, der es in 3,6 Sekunden von Null auf Hundert schafft. Der Tesla kann Probe gefahren werden, ebenso ein eRuf Greenster, ein Elektroflitzer auf Basis des Porsche 911 Targa.

Nordrhein-Westfalen ist eine von acht Modellregionen, in der der Aufbau der notwendigen Infrastruktur für Stromautos beschleunigt vorangetrieben werden soll. "NRW ist durch seine hohe Verkehrsdichte geradezu prädestiniert für Modellversuche", findet die Düsseldorfer Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU). Hier könnten Anwendungen im Pkw-Sektor, für Speditionen oder im öffentlichen Personennahverkehr getestet werden.

Fördermittel

Bereits im Juni hatte Thoben einen Förderwettbewerb "Mobile Zukunft - Elektromobilität in Nordrhein-Westfalen" gestartet. Gesucht werden Ideen zur Batterie- und Fahrzeugentwicklung, Infrastruktur (Stromtankstellen) und Netze (Laden der Batterien). Hierfür stellt das Land Fördermittel von 60 Millionen Euro bereit.

Auch die Industrie beteiligt sich - wie von der Politik verlangt. In Berlin gibt es bereits 56 Ladepunkte für Elektroautos, bis Mitte des nächsten Jahres sollen es 500 sein. Derzeit arbeiten mehr als 20 europäische Energieversorger und Autobauer daran, internationale Standards für die Schnittstelle zwischen Ladesäule und Fahrzeug zu schaffen. Neben fehlenden einheitlichen Standards gelten die Batterien, die die Reichweite von reinen Elektrofahrzeugen auf 130 bis 160 Kilometer begrenzen, als Schwachstelle.

Acht Modellregionen werden mit Mitteln des Bundesverkehrsministeriums unterstützt, das insgesamt 115 Millionen Euro zur Erprobung von Elektrofahrzeugen bereitstellt. Der Bund fördert Elektromobilität bisher mit 500 Millionen Euro aus dem vom Bundestag beschlossenen Konjunkturpaket II. Elektroautos werden wegen der Kosten von rund 5.000 Euro für die Batterie teurer sein als Benzinmodelle. Ein Teil der Kosten würde sich langfristig durch den günstigeren Betrieb amortisieren. "Doch so rechnen die wenigsten privaten Käufer. Für sie ist der Kaufpreis entscheidend", argumentiert Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Das Ministerium hat deswegen Starthilfen von je 5.000 Euro für die ersten 100.000 Autos vorgeschlagen. Das Bundesfinanzministerium will aber keine neuen Bindungen über die damit benötigten 500 Millionen Euro eingehen.

Die Opposition kritisiert, dass Milliarden für die Abwrackprämie ausgegeben werden und für die Förderung neuer Technologien kein Geld mehr da sei. Diese Politik blockiere den Absatz von Elektroautos auf absehbare Zeit, sagt Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen). Nachdem die Bürger angestiftet von der Prämie ihr Geld für alte Technologien ausgegeben hätten, könnten vorerst keine Elektromobile gekauft werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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