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Jonas Viering
Zwischen Rhetorik und Realität

UNTERNEHMEN Immer mehr Firmen wollen nachhaltig produzieren. Bislang kostet sie das viel Geld, bringt jedoch nur wenig messbare Wettbewerbsvorteile. Doch grüne Konzepte beschleunigen Innovationen und bieten neue Chancen

Gelb, das ist die Farbe der Post. Grau würde auch passen. Denn längst ist aus der ehemaligene Briefträgerbehörde das weltweit führende Logistikunternehmen geworden - und damit ein Luftverschmutzer: 319 Flugzeuge sowie 120.000 Autos und Laster schickt die Deutsche Post DHL täglich auf die Strecke. Immerhin fast ein Fünftel des globalen Ausstoßes von Treibhausgasen stammt aus dem Warentransport. Grün will die gelbe Post deshalb jetzt werden. Nicht im Firmenlogo, sondern tatsächlich. Der Antreiber dabei sind nicht allein hehre Werte, es ist das Geschäft. "Das geflügelte Wort bei uns lautet: Es hilft den Profiten, es hilft dem Planeten", sagt Steffen Frankenberg, Leiter des Klimaschutzprogramms der Deutschen Post DHL. Und dies trotz der Krise.

Neue Marktchancen

Grün gewinnt, das ist die Hoffnung. In doppelter Weise: für die Umwelt und die Unternehmen. Keineswegs nur für jene Firmen, die mit ökologischen Technologien ihr Geld verdienen. Ganz normale Unternehmen wittern in dem grünen Trend Kunden und Geld. Ausgerechnet der Markt, der zuletzt soviel Misstrauen auf sich gezogen hat, könnte hier seine Stärke zeigen. Nach der Vertrauenskrise wollen die Unternehmen Verantwortungssinn beweisen. Doch was ist hier Rhetorik, was Realität? Inwieweit wird Nachhaltigkeit, die schonende Nutzung natürlicher Ressourcen, tatsächlich zum Wettbewerbsfaktor?

Die Post hat sich als erstes Unternehmen der Logistikbranche messbare Umweltschutzziele gesetzt. Das kostet erstmal. Bis zum Jahr 2020 will der Konzern seine CO2-Effizienz um 30 Prozent verbessern. So testet er jetzt LKW mit Hybridantrieb aus Diesel und Strom und bietet klimaneutralen Versand an. Wichtig ist das vor allem für Geschäftskunden. "Die Unternehmen stehen zunehmend konkret unter dem Druck von Geldgebern, Kunden, Regulierern, die alle wissen wollen: Wie ist Eure Klimabilanz?", erklärt Frankenberg. Diese Bilanz verbessert künftig, wer die grünen Produkte der Post nutzt. Mit diesem Kurs hat die Post es in den Index des Carbon Disclosure Project geschafft - ein Zusammenschluss von institutionellen Investoren mit einem Anlagevermögen von 57 Billionen Dollar. So wird auch mit Blick auf die Versorgung mit Kapital Nachhaltigkeit zum Wettbewerbsfaktor. Sie kann die Bewertung von Firmen durch die Analysten von Banken verbessern und damit die Finanzierungskosten senken.

Grüner Romantik unverdächtige Unternehmensberater verweisen vor allem auf die steigenden Energiekosten. Effiziente Produkte und sparsame Produktionsverfahren "können den deutschen Unternehmen einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil bieten - das ist eine strategische Chance gerade in Krisenzeiten", erklärt Frank Mattern, Chef von McKinsey Deutschland. Allein das Einsparpotenzial könne bis 2020 eine Summe von 53 Milliarden Euro erreichen, ein Viertel der gesamten Energiekosten im Land. Das ist die Zukunft.

Bislang allerdings kommen Wissenschaftler wie Klaus Rennings vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim oder Andreas Ziegler von der Uni Zürich zu der sehr nüchternen Aussage, dass eine Nachhaltigkeitsorientierung für die Unternehmen einen neutralen Effekt hat. Im Vergleich zu Wettbewerbern stehen grün aufgestellte Firmen aber "zumindest nicht schlechter da", so Rennings. Auch die Einführung von Umweltmanagementsystemen in Unternehmen habe erwiesenermaßen einen positiven Einfluss auf Innovationen. Im Auftrag der EU erforscht derzeit das Freiburger Öko-Institut die Wirkung von gesellschaftlich verantwortlicher Unternehmensführung, im Fachjargon Corporate Social Responsibility (CSR). Diese habe Wirkung, erklärt die Projektleiterin Regine Barth. Entscheidend sei, ob nur die Produktionsweise optimiert oder aber die Produkte selbst verändert würden. "Staatliche Regulierung ist unverzichtbar, der gute Wille von Unternehmen reicht nicht", sagt Barth. "Hilflos ist Ordnungspolitik aber, wenn es um neue und andere Produkte geht - Innovation lässt sich nicht vorschreiben." Die Unternehmerlobby zeigt sich überzeugt, dass Nachhaltigkeit ein Wettbewerbsfaktor ist: "Mittlerweile ist das eindeutig der Fall", erklärt Carolin Boßmeyer von Econsense, einer Initiative des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Dessen Präsident ist auch Chef von Econsense, dennoch ist dies eine getrennte Organisation. Die eigentümliche Konstruktion zeigt ungewollt, dass eben doch nicht alle Unternehmen sich auch für die Umwelt stark machen wollen. "Manch eine Investition in Nachhaltigkeit wird heute vom Markt noch nicht honoriert", sagt Boßmeier. "Die entsprechenden Kosten bilden zumindest kurzfristig einen Wettbewerbsnachteil."

Die Gewerkschaften sehen das kritisch. "In den Energiekosten steckt oft mehr Einsparpotenzial als in den Arbeitskosten, aber dafür sind viele Firmen blind", empört sich Heike Kauls, Abteilungsleiterin Umwelt beim DGB. In der Mehrheit der Betriebe sei das Thema Nachhaltigkeit noch nicht angekommen. Und dennoch - der Wettbewerbsfaktor übt Druck aus.

Politisches Risiko

Umweltskandale bedeuten heute für Firmen schlicht ein ökonomisches Risiko, sagt Bernhard Bauske von der Umweltorganisation WWF. Etliche Unternehmen wollten auch ihre Rohstoffbasis sichern: "Wenn die Tropenwälder abgeholzt sind, kann man keine Gartenbänke mehr bauen, so einfach ist das. Zudem gebe es "eine Art politisches Risiko". Wenn Umweltgesetze sich ändern, sind Unternehmen besser dran, die sich früh darauf eingestellt haben. Bauske leitet die Unternehmenskooperationen des WWF. Sie zertifiziert etwa Erdbeeren der Supermarktkette Rewe als ökologisch korrekt. Das sei ein Wagnis, sagt Bauske. "Aber das kann richtig was in Gang bringen." Der Einzelhandel ist an sich keine entscheidende Branche - aber er hat den direkten Kontakt zum Kunden. Wenn hier der grüne Trend wächst, hat das Auswirkungen bis tief in die industrielle Lieferkette. Und er wächst, meinen Experten von McKinsey. Supermarktketten im Ausland experimentieren bereits damit, den CO2-Fußabdruck etwa einer Tüte Chips auf der Packung zu nennen, genau wie die Inhaltsstoffe. Das Ganze mit dem Versprechen, die Klimabilanz zu verbessern. "Paradoxerweise ist Ethik heute ein Schlüssel für wirkungsvolles Marketing", heißt es in einer Studie des Marktforschungsinstituts Rheingold. "Aber nur dann, wenn man auch die unbewussten egoistischen Beweggründe der Konsumenten darin erkennt."

Wenn Unternehmen sich grün zeigen, ist das für den einzelnen Verbraucher eine Entlastung. Er muss es dann nicht mehr selbst tun; stattdessen kauft er das entsprechende Produkt. Dessen Hersteller hat damit einen Wettbewerbsvorteil. Wie es gehen kann, zeigt Bosch.

Das Traditionsunternehmen war lange Zeit vor allem ein Zulieferer der Automobilindustrie. Inzwischen setzt es Schritt für Schritt auf Umwelttechnik, von Solarzellen bis zu Wärmepumpen. 40 Prozent der Forschungsgelder des Konzerns fließen bereits in nachhaltige Produkte. Zwar baut auch Bosch in der Krise Personal ab, steht aber vergleichsweise gut da. "Indem wir Verantwortung zeigen, für die Gesellschaft ebenso wie für die Umwelt", sagt Bosch-Chef Franz Fehrenbach, "gewinnen wir beides: Geld und Vertrauen."

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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