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Gemma Pörzgen
Zone der Sicherheit

Obere Mittelschicht Ein Berliner Rechtsanwalt legt Wert auf den richtigen Stil

Ein kurzes Stirnrunzeln, dann sagt Arthur Waldenberger nachdenklich: "Meine Lebensweise ist schon irgendwie privilegiert." Der 45-jährige Rechtsanwalt führt in Berlin eine gutgehende Kanzlei auf dem Kurfürstendamm. Er ist kein lauter, auffallender Typ, sondern wirkt eher zierlich und zurückhaltend. Der dunkle Anzug sitzt perfekt, die hellviolette Krawatte passt zum seriösen Auftreten ebenso wie der kurzgehaltene Haarschnitt. Auch die etwas bieder anmutende Kanzlei vermittelt mit ihren schwarzen Ledersesseln im Eingangsbereich vor allem das Gefühl seriöser Solidität. Einzig die großformatigen Fotografien der Berliner Künstlerin Sabine Wenzel aus der Serie "Der deutsche Wald" stechen heraus und verraten den Kunstsinn des Chefs.

Bewusst hat sich Waldenberger für die Selbstständigkeit entschieden und gegen eine Laufbahn in einer international tätigen Großkanzlei. Der Jurist legt viel Wert auf seine Unabhängigkeit und die Kanzlei mit fünf erfahrenen Anwälten hat sich auf Gesellschaftsrecht, gewerblichen Rechtsschutz und Urheberrecht sowie Europarecht spezialisiert. Auf diese Weise heben sie sich deutlich ab von den vielen "Kraut- und Wiesenanwälten" im Land, wie der Berliner Jurist gleich betont.

Soziologisch gesehen gelten selbstständige Rechtsanwälte wie Waldenberger als stabiles Segment in der Gesellschaft. "Diese berufliche Oberschicht wird üblicherweise gar nicht charakterisiert, weil sie als unproblematisch gilt", sagt Professor Holger Lengfeld, der an der Fernuniversität Hagen gegenwartsbezogene Soziologie lehrt. Während in der Mittelschicht insgesamt in den vergangenen Jahren die Risiken zugenommen hätten, erfreue sich diese obere Mittelschicht der gutsituierten Selbstständigen selbst in der Wirtschaftskrise einer relativen Stabilität. "Sie erreichen die Zone der Unsicherheit nicht", beobachtet Lengfeld.

Diskret im Hintergrund

Das gilt weitgehend auch für die Kundschaft der Berliner Kanzlei. "Ein Teil der Menschen, die ich berate, sind Leute, die deutlich wohlhabender sind als ich", sagt Waldenberger. Während er noch arbeite für sein Geld, hätten viele Mandanten schon lange ausgesorgt. Die meisten von ihnen sind Mittelständler, die bei Waldenberger sicher spüren, dass auch er sich als selbständiger Unternehmer fühlt. "Wir arbeiten mit Vorständen, Geschäftsführern und Eigentümern zusammen", sagt er mit Nachdruck. Es ist ihm wichtig zu betonen, dass er etwas erreicht hat und etwas darstellt. In seiner Kanzlei gehe es vor allem darum, wie eine "Manufaktur" Einzelfälle sehr individuell zu betreuen.

Wichtig ist dabei auch der richtige Stil. "Mittelständler wollen keine Anwälte, die sich in die erste Reihe drängen", ist Waldenbergers Erfahrung nach vielen Berufsjahren. Es erzeuge eher Vertrauen, wenn der Rechtsbeistand sich als verlässlicher Dienstleister diskret im Hintergrund halte. Schon sein Auftreten und das Ambiente seiner Umgebung zeigen, hier ist jemand sehr selbstbewusst, aber nicht völlig abgehoben. Trotz eines überdurchschnittlichen Einkommens und gehobener Lebensverhältnisse scheint sich der Berliner Rechtsanwalt eine gewisse Bodenhaftung bewahrt zu haben. Deshalb setzt Waldenberger auch gerade in der Wirtschaftskrise darauf, seinen Mandanten reelle Stundensätze anzubieten, die einiges unter dem liegen, was große internationale Kanzleien verlangen würden. Was eine Stunde bei ihm kostet, will er aber nicht gedruckt in der Zeitung sehen. "Über eine maßvolle Behandlung von Mandanten erwirbt man sich Vertrauen, gerade bei Mittelständlern", sagt er. Auch deshalb ist Berlin für ihn ein guter Standort, da sich schon allein die im Bundesvergleich niedrigen Büromieten so auswirken, dass Stundensätze niedriger kalkuliert werden können. Die fünf Anwälte von "Waldenberger Rechtsanwälte" wirken in Berlin an Gesetzgebungsverfahren mit, beraten Verbände und die Politik. Aber die Mandanten kommen aus dem ganzen Bundesgebiet und aus dem europäischen Ausland. "Der Kurfürstendamm ist dafür eine sehr gute Adresse."

Die Krise als Chance

Auch privat wohnt Waldenberger mitten im alten West-Berlin: Nicht weit entfernt von der Kanzlei im gleichen Stadtteil Charlottenburg-Wilmersdorf lebt er mit seiner Frau in einer großzügigen Wohnung. Sie arbeitet als Justiziarin bei einem großen Unternehmen und teilt viele seiner Interessen. "Wir können alle gut leben von unserer Arbeit", sagt Waldenberger mit Blick auf seine Kanzlei. Dennoch spüre auch er den harten Wettbewerb und eine große Verantwortung für seine Angestellten. "Aber unsere Arbeitsplätze sind wirklich sicher", zeigt sich der Jurist überzeugt.

Von der Wirtschaftskrise hat er wie viele Berliner bislang wenig zu spüren bekommen. "Es sind eher neue Mandanten dazugekommen", sagt er. "Die Krise hat sich für uns eher positiv ausgezahlt." Auch sein Spezialthema, Urheberrecht, mit dem er als Doktorand noch eher als Exot galt, hat seit einiger Zeit Konjunktur.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise sieht der Jurist deshalb sehr gelassen: "Gier und Profitstreben finde ich nicht so schlimm, weil sich das von selbst dadurch wieder korrigiert, dass die allzu Gierigen großen Schaden erleiden", sagt er. Er selbst habe sein Geld immer sehr konservativ angelegt und deswegen kaum etwas eingebüßt. Waldenberger glaubt an das Funktionieren der Marktwirtschaft und sieht die Auswirkungen der Finanzkrise eher positiv. Wer sein Geld in Island für hohe Renditen angelegt habe, könne sich hinterher schlecht beschweren, meint er. "Ich glaube, dass das ganz heilsam war. Es wird mittelfristig weniger Schaumschläger geben." Auch Banken würden zukünftig genauer prüfen, wo sie ihr Geld anlegen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sei Deutschland als Wirtschaftstandort ohnehin gut aufgestellt. Auf den kurzfristigen Gewinn seien auch die meisten seiner Mandanten nicht ausgelegt. "Viele Mittelständler denken in Generationen."

Ausdruck von Kultur

Waldenberger wurde 1964 in Freiburg geboren und wuchs in Hamburg auf. Der Vater war Manager bei einer renommierten Plattenfirma, die Mutter Fremdsprachenkorrespondentin. Die Jugend war stark vom ungewöhnlichen musikalischen Talent des Sohnes geprägt. Bis zum 18. Lebensjahr durchlief Waldenberger eine klassische Klavierausbildung am Lübecker Konservatorium und gewann einige Wettbewerbe. Aber es war dann doch das Jura-Studium, für das er sich entschied. "Das ist Ausdruck von Kultur", sagt der Jurist über sein Fach. "Nur Hochkulturen haben hochkomplexe Rechtssysteme entwickeln können." Während des Studiums arbeitete er im Varieté, wo er zum Klavier sang oder als Moderator auftrat. "Aber das Kapitel ist nun abgeschlossen."

Waldenberger ist ein gebildeter Mann, der sich neben seinem Berufsalltag weiter seiner Musik widmet. Zuhause steht deshalb ein Flügel, doch der Jurist musiziert nur noch zu privaten Anlässen. Er geht gerne in Ausstellungen und hat begonnen, Kunst zu kaufen. Das Ehepaar pflegt in der Hauptstadt einen sehr vielfältigen Bekanntenkreis mit Künstlern, Schauspielern, Filmproduzenten und Hausfrauen. "Ich wäre aber nicht zufrieden, wenn ich nur noch in Kreisen verkehren würde, die aller finanziellen Sorgen enthoben sind", sagt der Jurist. Er kenne persönlich zwar keinen Hartz-IV-Empfänger, doch auch in seinem Bekanntenkreis hätten einige Leute in letzter Zeit ihren Job verloren. "Aber die meisten sind sehr qualifiziert und finden schnell wieder etwas Neues."

Grundeinkommen und Ehrenamt

Mit seiner eigenen Balance zwischen Arbeitsalltag und Freizeit ist Waldenberger zufrieden. Nach einem Zehn-Stunden-Tag in der Kanzlei bleibe ihm am Abend genügend Freizeit. Auch die Wochenenden versucht er sich meistens freizuhalten. "Ich gehe oft aus in Berlin, auch unter der Woche", sagt er. Auch drei bis vier Wochen Urlaub könne er sich als Selbstständiger erlauben, weil ihn während seiner Abwesenheit seine Kollegen qualifiziert verträten.

Politisch ist Waldenberger überzeugter Anhänger der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens in Deutschland. Zwar wisse er, dass dies mittelfristig nicht finanzierbar sei, halte dies aber grundsätzlich für einen richtigen Ansatz. "Das würde viel helfen, wenn es mit dem vollständigen Abbau der Sozialbürokratie verbunden wäre. Leider ist das so schnell nicht möglich."

Der Anwalt ist auch ehrenamtlich engagiert. So sponsert die Kanzlei seit etwa vier Jahren den "Literarischen Salon" in Berlin-Kreuzberg, wo zahlreiche Autoren der Gegenwartsliteratur ihre Werke vorstellen. Waldenberger ist außerdem aktives Mitglied bei "Transparency International", weil es ihm ein Anliegen ist, dass auch in Deutschland die Korruption stärker bekämpft wird. Jeder kenne jemanden, der sich über persönliche Beziehungen schon eine Baugenehmigung erschlichen habe. Aus Waldenbergers Sicht sind solche Vorgänge aber nicht nur moralisch ein Problem, sondern auch für das Funktionieren der Wirtschaft.

Wenn der Jurist in die Zukunft blickt, wünscht er sich, möglichst bis ins hohe Alter hinein beruflich aktiv zu sein. So eine Sehnsucht, als Rentner irgendwo im Süden dem unbeschwerten Müßiggang frönen zu können, kennt er nicht. "Was sollte ich da den ganzen Tag machen? Nur Yacht und Porsche fahren, fände ich unbefriedigend."

Die Autorin ist freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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