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Editorial
Claudia Heine
Epizentrum der Gesellschaft

VON CLAUDIA HEINE

Die Mittelschicht schrumpft! Mit diesem Ergebnis präsentierten, unabhängig voneinander, ein Wirtschaftsinstitut und eine Unternehmensberatung im vergangenen Jahr ihre Studien der Öffentlichkeit. Die Aufmerksamkeit war ihnen gewiss, das Erschrecken, mit vielen Prozentzahlen gefüttert, war groß. Doch wer ist "die Mittelschicht" überhaupt?

In dieser Themenausgabe werden auch wir keine einheitliche Definition dieser Bevölkerungsschicht, die immer noch die größte in Deutschland ist, präsentieren. Zu vielfältig sind die Ansätze: ökonomische, berufliche oder kulturelle. Geht man nur nach den Einkommensgrenzen, wird schnell deutlich, wie schwierig die Mittelschicht zu definieren ist. Jemand, der über ein Nettoeinkommen von 11.000 Euro im Jahr verfügt - das sind 900 Euro monatlich - gehört ebenso dazu, wie jemand, der 1.800 Euro netto im Monat verdient. Man muss zu diesen Zahlen nicht viel erklären, um zu sehen, dass hier von völlig unterschiedlichen Lebens- und Problemlagen die Rede ist.

Die Themenausgabe wagt dennoch eine Annäherung an diese Bevölkerungsgruppe, die gerade vor den Bundestagswahlen am 27. September wieder so heftig von den Parteien umworben wird. Dabei geht es nicht darum, das "Gespenst der Schrumpfung" widerlegen zu wollen, sondern darum, sehr genau hinzuschauen. Seit Jahren machen Wissenschaftler unterschiedlicher Richtungen darauf aufmerksam, dass sich die Gesellschaft wieder stärker nach ökonomischen Kriterien auseinander bewegt, und dass zum Beispiel Bildungschancen so stark wie in kaum einem anderen westlichen Land von sozialer Herkunft abhängen. Wo bleibt da das seit den Wirtschaftswunderjahren stets propagierte Motto "Aufstieg durch Bildung"? Auch darauf richtet die Ausgabe einen Blick.

Sie beschäftigt sich ferner mit dem Wandel der Arbeitswelten, denn gerade der erhöhte Flexibilitätsdruck und sich ausbreitende zeitlich befristete Arbeitsverhältnisse tragen viel zu der breit diskutierten Abstiegsangst der Mittelschicht bei.

Es geht außerdem darum, die Werte und das Denken der Mittelschicht zu skizzieren. Wo verorten sich die Menschen politisch? Wie und wo engagieren sie sich für das Gemeinwohl? Wie unterscheiden sich ihre Lebensstile?

Die Porträtserie dieser Ausgabe rückt Menschen aus der Mittelschicht ins Zentrum - in dem Wissen, dass dies nur ein kleiner Ausschnitt sein kann. Sie zeigt deren Hände, weil ihre Arbeit und ihr Zupacken es sind, die das Bild von der Mittelschicht als "tragende Säule", als Epizentrum der Gesellschaft, abrunden. Wir fragen sie danach, wie sie die Großwetterlage ihres eigenes Lebens derzeit bewerten und stellen fest: Zufriedenheit, dieses Hochdruckgebiet des Lebens, definiert jeder von ihnen anders. Ähnlich sind sich die Porträtierten aber in der Erwartung von Anerkennung und Respekt für die eigene Leistung. Eine Anerkennung, die sich nicht nur in der Größe des Geldbeutels ausdrückt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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