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Parlamentarisches Profil
Robert Radu
Der Altgediente: Jörg van Essen

Elf Jahre hat Jörg van Essen auf diesen Moment gewartet. Als am Wahlabend des 27. September die ersten Prognosen über die Fernsehbildschirme flimmern, ist der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion nur unweit vom Reichstag entfernt. Auf der Wahlparty seiner Partei in Berlin-Mitte verfolgt er das mäßige Abschneiden von CDU/CSU, die herben Verluste der SPD, dann sieht er den gelben Balken der FDP in ungekannte Höhen schnellen. Spätestens hier dürfte ihm klar geworden sein: Es reicht für das Wunschbündnis mit den Christdemokraten, das Jahrzehnt der Opposition ist vorüber.

"Nie hätte ich gedacht", hatte van Essen noch einige Wochen vor der Wahl gesagt, "dass sich auch aus der Opposition heraus so viele Dinge bewegen lassen." Wie überholt klingt der Satz an diesem Abend, der die Oppositionszeit der Liberalen beendete. Und sie kommt, so möchte man glauben, gerade noch rechtzeitig für ihn, gehört er doch nun zu den dienstältesten Abgeordneten seiner Fraktion. Geboren wird van Essen 1947 in Burscheid, einer Kleinstadt im Bergischen Land. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in Wuppertal und Siegen, wo er die Volksschule und das Gymnasium besucht. Es sind diese Kindheits- und Jugendjahre, in denen er ein reges Interesse an allem entwickelt, was mit Politik zusammenhängt: Schon im Grundschulalter habe er die Tageszeitung seiner Eltern gelesen, später sich dann von seinem Taschengeld den "Spiegel" gekauft. Auch im Fernsehen, das langsam zum Massenmedium wird, verfolgt er gebannt, was nur irgendwie politisch war. Wenn van Essen von diesen frühen, prägenden Jahren erzählt, scheint es so, als wäre sein Weg in die Politik vorgezeichnet gewesen. Doch sieht im Rückblick vieles zielgerichtet aus, was in Wirklichkeit mehr Zufall war.

Nach seinem Jurastudium arbeitet van Essen zunächst als Staatsanwalt in Münster. Eine klassische Parteikarriere durchläuft er nicht. Er steht schon fest im Arbeitsleben, als er sich der aktiven Politik zuwendet. 1980 tritt er in die FDP ein. "Ihre liberalen Prinzipien habe ich schon immer geteilt", erklärt van Essen. Den eigentlichen Anlass zu seinem Parteieintritt aber muss man außerhalb der FDP suchen, im Bundestagswahlkampf 1980. Dort heißt der Herausforderer von Helmut Schmidt Franz Josef Strauß: "Für mich war unvorstellbar, dass er Kanzler werden könnte." So wird aus van Essen in der Ablehnung des polarisierenden Strauß ein überzeugter und aktiver Liberaler. Neben seinem Beruf bekleidet van Essen zunächst nur ehrenamtliche Parteiämter, wird 1982 Vorsitzender des Landesfachausschusses für Außen-, Europa- und Sicherheitspolitik und später in den Landesvorstand der nordrhein-westfälischen FDP gewählt.

Die erste Bundestagswahl des vereinigten Deutschlands im Dezember 1990 brachte dann den Wechsel zum Berufspolitiker. Mit Blick auf seinen wenig aussichtsreichen NRW-Listenplatz 17 spricht van Essen heute ironisch von sich als einem "Zufallsabgeordneten". "Ich habe nur pro forma kandidiert und konnte nicht ahnen, dass die Gefahr besteht, dass es doch noch reicht." Die Gefahr freilich entpuppte sich als Glücksfall. Nicht anders ist zu erklären, dass van Essen seitdem in der Bundespolitik geblieben ist. Fragt man den Rechts- und Sicherheitspolitiker nach den wichtigsten Wegmarken seiner bisherigen parlamentarischen Arbeit, nennt er an erster Stelle den Opferschutz. Die Rolle der Opfer im Strafverfahren zu stärken, wurde von der Politik, wie van Essen kritisiert, "über lange Zeit völlig vernachlässigt". Wie dringlich ein verbesserter Opferschutz aber war, zeigte vor allem die medial begleitete Geiselnahme von Gladbeck 1988, die van Essen ein "prägendes Ereignis" nennt. Empört sei er damals gewesen, "dass die Mörder von ihrem Verbrechen auch noch finanziell profitierten".

Auch im 17. Deutschen Bundestag nimmt van Essen in den Abgeordnetenreihen Platz - ganz vorne. Denn seine Fraktion wählte ihn erneut zum Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer. Konnte man aus der Opposition auch viel bewegen, schöner ist es allemal, die Regierung zu stellen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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