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AUFGEKEHRT
Susanne Kailitz
Mein Kind wird Landesfürst

Wer Kinder hat, überlegt sich früh, zu welchem Beruf er ihnen raten soll. Immerhin möchte man sicherstellen, dass die Sprösslinge in einigen Jahrzehnten solvent genug sind, den altersverarmten Eltern unter die Arme zu greifen. Prestige soll der Job haben, ein sicheres Einkommen bringen und möglichst einigermaßen spannend sein, damit er über Jahre ertragbar ist.

Nun konnte man früher guten Gewissens zu Medizin oder Jura raten, aber in beiden Branchen sind die Gehälter dramatisch gesunken, das Renommee sowieso. Auch Banker stehen heute lange nicht mehr so gut da wie früher und müssen künftig gar damit rechnen, mit den hartverdienten Boni für Fehler einstehen zu müssen. Das ist nichts für Rentnereltern, die auf berechenbare Unterstützung angewiesen sind. Auch im öffentlichen Dienst wird gespart - und so bleibt verantwortungsvollen Mamis und Papis nichts anderes, als dem Nachwuchs den Gang in die Politik zu empfehlen. Dafür braucht man nicht zwingend akademische Abschlüsse, auch eigene Lebenserfahrung im Arbeitsgebiet ist zwar nicht von Schaden, aber doch verzichtbar. Während Kanzler- und Ministerjobs eher stressig und reichlich unsicher sind, gibt es Posten, die einfach bestechen: die der Landesfürsten. Das klingt gut und macht jede Menge Spaß: Man darf offiziell im Bundesrat schauspielern, kann darüber bestimmen, was die eigenen Landeskinder lernen müssen, wo geraucht werden darf und welche Umweltstandards gelten. Wer höher hinaus will, stänkert regelmäßig gegen die in Berlin und kassiert dafür entweder gleich Bargeld oder wenigstens Zugeständnisse. Zugegeben: Wer sich zu unbeliebt macht, riskiert, nach Brüssel weggelobt zu werden - aber das wiederum muss die Ministerpräsidenteneltern ja nicht betrüben. Immerhin soll die Restaurantszene in der belgischen Hauptstadt Weltspitze sein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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