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Kirstin Wenk
Ein Abitur für alle?

BILDUNGSFOLGEN Beim Streit um ein vereinheitlichtes Schulsystem mit Zentralabitur verlaufen die Fronten quer durch die Parteien und Bundesländer

N3Tables bittet um Rat. Auf dem Abi-Internetforum von "uni-protokolle.de" fragt er, ob er mit seinen Eltern von Nordrhein-Westfalen nach Bayern ziehen soll. Oder lieber das letzte Jahr im Ruhrgebiet zur Schule gehen und sich eine Wohnung mieten? Caro90 und andere geben Tipps, wie die Hochschulreife in Bayern auch für Westfalen zu schaffen sei. N3Tables will dann doch mit seinen Eltern in den Süden ziehen, auch wenn "ich eine Klasse wiederholen muss". Die Besonderheiten der Bildungssysteme treffen auf kein Verständnis in den Schülerforen des Internets. Unterschiede empfindet man als Ungerechtigkeiten. "Warum muss ich für mein Abitur mehr pauken als Schüler aus anderen Bundesländern?", fragt Peter aus Sachsen.

Eltern für Standards

Nach Umfragen wünschen sich auch mehr als 90 Prozent der Eltern bundesweit einheitliche Bildungsstandards, mehr als 80 Prozent sind für ein Zentralabitur. In der Bundesregierung treffen sie damit auf offene Ohren. "Für ganz Deutschland ein Zentralabitur", sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), "das muss noch nicht das Ende des Kulturföderalismus sein." Bildungspolitiker in den Bundesländern sehen das anders. Ihr Argument gegen das Zentralabitur ist die Bildungshoheit der Länder. Schule ist Ländersache. Die Föderalismusreform I hat dieses grundgesetzlich verankerte Prinzip noch einmal gestärkt. Zentrale Abiturprüfungen, so die Befürchtung, führen unweigerlich zu einem Verlust an Selbstbestimmung. Wer sich auf zentrale Tests vorbereiten muss, muss auch den Unterricht und die Prüfungsordnungen anpassen.

Dem steht die Sorge des Bundes über ungleiche Bildungschancen entgegen. Das schlechte Abschneiden deutscher Schüler in internationalen Vergleichsstudien wie dem Pisa-Test und die offengelegten Leistungsunterschiede in den Bundesländern lieferten Befürwortern eines Einheitsabiturs Wasser auf ihre Mühlen. So sagt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), ein Zentralabitur würde "das eklatante Bildungsgefälle in Deutschland beheben helfen". Das Nord-Süd-Gefälle sei dauerhaft nicht akzeptabel. Deutschland müsse im internationalen Bildungswettbewerb die föderale Bildungspolitik überdenken.

Bis auf Rheinland-Pfalz führen alle Bundesländer einheitliche Prüfungen durch. Nun wagen die ersten sogar länderübergreifende zentrale Prüfungen. Fünf unionsgeführte Bundesländer, darunter Bayern, streben für 2012 ein "Süd-Abitur" an. 2010 wollen Berlin und Brandenburg gemeinsam in vier Fächern prüfen. Die Fronten zum Thema Zentralabitur verlaufen unübersichtlich und nicht nur zwischen Bund und Ländern. Generell zeichnet sich zwar eine Tendenz der Unionsparteien für ein Zentralabitur ab; SPD-Politiker, Grüne und Linke lehnen es eher ab. Abweichende Meinungen gibt es jedoch auf beiden Seiten. So fürchtet die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer (CDU) "einen immensen organisatorischen und logistischen Aufwand" durch einheitliche Prüfungs- und Ferientermine. "Ein Zentralabitur macht soviel Sinn wie die Entscheidung, dass Ostern von nun ab immer am 10. April sein soll", sagt auch Priska Hinz, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag. "Es hat nichts mit der Qualität der Ostereier zu tun." Auch die FDP streitet. So hat sich FDP-Vizechefin Cornelia Pieper für ein Zentralabitur "nach DDR-Vorbild" ausgesprochen. Prompt warnte der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Patrick Meinhardt vor einem "Zwangsabitur".

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, befürwortet zwar einheitliche Prüfungen auf Landesebene. Auf Bundesebene würde das hohe Niveau Bayerns oder Baden-Württembergs jedoch sinken, warnt er. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fürchtet negative Auswirkungen. "Wissen und Fähigkeiten, die für das Studium notwendig sind, werden nicht mehr vertieft", sagt Vizevorsitzende Marianne Demmer. Alle Lernzeit würde in die zentral geprüften Fächer investiert. Ähnlich argumentiert Rosemarie Hein von der Linksfraktion im Bundestag: "Zeitgemäße Bildung verlangt den Umstieg von einem faktenwissenzentrierten zu einem kompetenzorientierten Unterricht."

Im Gegensatz zur Kontroverse ums Zentralabitur herrscht beim Thema Bildungsstandards bereits weitgehende Einigkeit. So haben die Länder auf dem Bildungsgipfel 2008 in Dresden zugesagt, für Schüler, die 2010/11 in die Oberstufe treten, bundesweit gültige Bildungsstandards in den Fächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen einzuführen. Ab 2013 folgen die Naturwissenschaften.

Bereits 2007 hatten die Kultusminister einheitliche Bildungsstandards vereinbart. Damals waren sie einem Antrag der hessischen Kultusministerin Karin Wolff (CDU) gefolgt und wiesen so Schavans Vorstoß nach einem Zentralabitur zurück. "Ein gleichwertiges Abitur von Kiel bis Konstanz", versprach Wolff. Das Berliner Institut für Qualitätsentwicklung sollte die Standards aus den 1972 eingeführten "Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung" entwickeln. Nicht nur Schavan ist nun unzufrieden mit der Umsetzung dieser Standards. Auch die Bundes-Direktoren-Konferenz Gymnasien fordert weitere Schritte "in Richtung zentraler Abiturprüfungen".

Wird beim Thema Zentralabitur keine Einigung erlangt, sieht Bundeskanzlerin Merkel eine Gefahr: Wenn das Abitur weiter unterschiedlich bleibe, dann könnte es seine Bedeutung als Hochschulzugangsberechtigung verlieren - weil die Universitäten und Fachhochschulen eigene Tests durchführen würden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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