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Sandra Ketterer
Netzwerke entstehen

Kreativwirtschaft Die Bundesländer haben das Potenzial der Branche erkannt

Der fünf Meter lange Siebdrucktisch ist das Wichtigste, was Susan Krieger in ihrer Werkstatt zu stehen hat. Ohne den Tisch wäre ihre Geschäftsidee hinfällig. Doch aus viel mehr besteht ihre Tapetenproduktion "Lydia in St. Petersburg" auch nicht. 180 Laufmeter pro Monat könnte sie maximal mit ihrer Assistentin, dem Drucker und der freien Mitarbeiterin produzieren. Doch Krieger erschafft ihren Wandschmuck nicht für den gewöhnlichen Baumarkt-Kunden. Ihre Kreationen, mit Metall bearbeitete Stoffe, werden an Innenarchitekten weitergereicht. Die 32-Jährige produziert auf Anfrage.

2005 hat sie an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle ihr Diplom in Textildesign abgelegt. "An dem Tag, an dem ich mein Diplom erhielt, bekam ich auch gleich einen Existenzgründerantrag in die Hand gedrückt", erzählt Krieger. Zunächst erhielt sie ein Gründerstipendium des Bundes, das von der EU finanziert wird. 2007 folgte eines der Kunststiftung Sachsen-Anhalt. Beraten hat sie "Univations", ein Netzwerk für Unternehmensgründungen von Hochschulabsolventen. Die Organisation ist ein Projekt der Existenzgründungsoffensive des Landes Sachsen-Anhalt.

Der große Schnitt für Krieger kam 2007, als sie über "Univations" Kontakt zu den "Business Angels", einem Netzwerk erfahrener Unternehmer, herstellte. Sie gründete mit ihrem "Engel" als Teilhaber eine GmbH. Ein Tapetenproduzent erklärte sich bereit, weltweit den Vertrieb zu übernehmen. 2008 machte sie zum ersten Mal Umsatz. "Wenn es so weiter geht, schaffen wir dieses Jahr den Durchbruch", sagt Krieger.

2.754 kreativwirtschaftliche Unternehmen hätten in Sachsen-Anhalt im Jahr 2007 einen Umsatz von 557,5 Millionen Euro erwirtschaftet, bilanziert Karin Freistedt, Referentin im Wirtschaftsministerium. Die Branche habe sich in den vergangenen Jahren "zu einem wirtschafts- und beschäftigungspolitischen Faktor" entwickelt.

Die Designwirtschaft gehört zu den besonderen Schwerpunkten. 2007 zählte das Ministerium 467 Unternehmen im Land. Ein Schwachpunkt ist, Freistedt zufolge, die geringe Organisation der häufig kleinen Unternehmen. Künftig müsse es also darum gehen, Kontakte zu traditionellen Wirtschaftsbereichen zu fördern und die Vermarktung zu verbessern. Dabei versucht das Land zu helfen. Die Internetplattform kreativ-sachsen-anhalt.de beispielsweise bietet einen Überblick über Unternehmen, Förderung, Wettbewerbe und Ausbildung. Außerdem werde eine Anlaufstelle für Kreativwirtschaft vorbereitet, sagt Freistedt. Die solle etwa "marktbezogene unternehmerische Weiterbildung" für bestehende Firmen bieten.

Da hat selbst die Opposition im Landtag wenig zu kritisieren. "Man muss anerkennen, dass sich viel getan hat", meint Stefan Gebhardt, Sprecher für Kulturpolitik der Linksfraktion. Auch Gerry Kley (FDP) sagt: "Das Konzept ist da." Die Regierung vergesse allerdings, dass Kunst vor allem mit Freiheit zu tun habe. So hätten viele Künstler Probleme mit dem Finanzamt, weil die Einkommen von Jahr zu Jahr sehr divergierten.

Clustermanager

Ähnlich ist die Situation in Nordrhein-Westfalen. Das Land gab 1992 die europaweit erste Studie über Kulturwirtschaft heraus. Nach Schätzungen des Wirtschaftsministeriums gab es 2007 fast 50.000 Unternehmen und Selbstständige in der Kultur- und Kreativwirtschaft mit knapp 154.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Der Umsatz lag demnach bei fast 36 Milliarden Euro, was gerade einmal 2,7 Prozent der Gesamtwirtschaft ausmachen würde. Die Landesregierung setzt auf das Prinzip "Stärken stärken", unter anderem mit "Clustermanagement".

Die "Clustermanager", also Netzwerk-Organisatoren, haben 2009 mit ihrer Arbeit begonnen und sollen unter anderem die Kunst- und Werbewirtschaft in ihrer Entwicklung unterstützen. "Vernetzung und Professionalisierung" der Branchen gehört zu ihrem Arbeitsauftrag. Dabei handelt es sich nicht um ein Konzept, das allein für eine Branche entwickelt wurde. Das "Cluster Kultur- und Kreativwirtschaft" ist eines von 16, die die Landesregierung ins Leben gerufen hat. "Wir wollen starke Allianzen mit den Kreativen schließen und Wirtschaft, Politik, Stadtentwicklung und Künstlerinnen und Künstler mit ins Boot holen", sagte Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) bei der Vorstellung des Konzepts.

Als "viel Geklapper und Show" kritisiert Claudia Scheler, kulturpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, die Initiative. Es gehe zu wenig um Kultur und zu sehr um innovative Produkte. Oliver Keymis, kulturpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, lobt dagegen, in vielen Bereichen setze die Regierung die Politik von SPD und Grünen fort. Ein Schwachpunkt sei allerdings, dass es kein eigenständiges Ministerium für Kultur gebe. Die Bildung des "Clusters" bewertet er "an sich positiv", die Ziele seien aber noch unklar.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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