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Annika Joeres
Die Tonspur der Strohhalme

Jedem Kind ein Instrument Gratis-Musikunterricht für Erstklässler in Nordrhein-Westfalen - ein Projekt auf Erfolgskurs

Najas Gesicht läuft rot an. Mit voller Lungenkraft pustet die Siebenjährige in einen Strohhalm mit abgeschnittener Spitze. Ein quietschender Ton erschallt in den Räumen der Robert-Koch-Schule in Oberhausen. Naja setzt das Plastikröhrchen ab und strahlt. Sie und 24 weitere Erstklässler lernen heute die Oboe kennen. Das ebenholzfarbene Instrument mit den metallenen Tasten thront auf dem Schreibtisch der Lehrerin und ist so fast so groß wie die kleinen Musikanten. "Musik ist schön", sagt Naja. Sie hat im vergangenen Jahr viele Instrumente zum ersten Mal in ihrem Leben gesehen und angefasst. Die Robert-Koch-Schule ist eine von inzwischen 522 Grundschulen, die in Nordrhein-Westfalen Musikgeschichte schreiben.

Kostenlos soll bis Ende des Jahres jedes Kind im Ruhrgebiet vom sogenannten Jeki-Programm profitieren. Jeki, das steht für "Jedem Kind ein Instrument" und für das vielleicht erfolgreichste Projekt der schwarz-gelben Landesregierung unter NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU). Bis Ende diesen Jahres sollen nahezu alle Erstklässler kostenlos eine Stunde pro Woche Instrumente kennenlernen und sie auch selbst spielen. In der zweiten Klasse dann können die Schüler in Gruppen üben, je nachdem, welches Instrument sie aus der Fülle der 16 angebotenen auswählen. Seit dem Start im Sommer 2007 hat man im Ruhrgebiet viel Geld in die Hand genommen, um das ehrgeizige Projekt zu stemmen. Rund 50 Millionen Euro sollen bis 2010 in die Initiative fließen. Allein das Land Nordrhein-Westfalen stellt dafür mehr als 15 Millionen Euro bereit. Auch die Kulturstiftung des Bundes, die Revier-Städte und Sponsoren zahlen in den Topf ein.

Eine Geige für eine Region

Auf der Top Ten der Musikinstrumente erobere regelmäßig die Gitarre den ersten Platz, sagt Barbara Kreibich. Die studierte Musikschullehrerin mit den langen braunen Haaren unterrichtet an zwei Oberhausener Grundschulen. "Die Musik beflügelt die Kinder", sagt sie. Gerade in ärmeren Stadtteilen könnten Kinder musizieren, die sonst nie mit einem Instrument in Berührung kämen. Auch Kinder aus türkischen Familien können endlich einmal ohne das Sprachhindernis teil nehmen. "Beim Musizieren sind alle gleich", sagt Kreibich.

Das war auch die Idee des Projekts. Nicht zufällig ist es für Kinder im Ruhrgebiet gedacht, für die vielen ärmeren Familien und Schüler mit Migrationshintergrund, die in der Industrie-Region zwischen Duisburg und Dortmund wohnen. "Eine Melodie zu spielen, ist für jedes Kind eine unschätzbare Erfahrung", sagt Manfred Grunenberg. Der ehemalige Musikschulleiter hat in Bochum gegenüber dem Rathaus die Zentrale des "Jeki"-Programms aufgeschlagen. Der großgewachsene Lehrer hat schon immer gerne Projekte aus der Taufe gehoben. Er glaubt an die positive Wirkung von Musik. "Ich bin überzeugt, dass ein musizierendes Kind weniger aggressiv ist als andere, dass es vielleicht ausgeglichener ist."

In der "Zukunftsstiftung Bildung" einer Bochumer Ökobank fand Grunenberg mit seiner Begeisterung dann 2005 einen Partner, der erkannte: Diese Idee ist einfach und überzeugend. Zur Vision gesellte sich ein Hauch von Märchen, denn die Stiftung versteigerte eine Stradivari-Geige, die sie aus einem Nachlass erhalten hatte. Mit dem Erlös war ein Grundstock gelegt - eine Geige brachte eine ganze Region zum Klingen.

Aber heute möchte Grunenberg das Wort "Projekt" nicht mehr hören. "Wir sind ein dauerhaftes Programm", sagt er. Ein Programm, dass bundesweit auf offene Ohren stieß. Auch in Hessen und Hamburg, in Schleswig-Holstein und dem Saarland, selbst in Polen, soll es bald schon heißen: Jedem Kind ein Instrument. Das Projekt habe bundesweit einen "Nachahmer-Effekt" ausgelöst, sagte Friederike Tappe-Hornbostel, Sprecherin der Kulturstiftung. "Da sieht man, wie wichtig die Debatte um kulturelle Bildung genommen wird." Anders als beim NRW-Modellprojekt, das mit 10 Millionen Euro von der Kulturstiftung des Bundes unterstützt wird, tragen die anderen Länder und Kommunen die Kosten allerdings selbst.

Eine einmalige Chance

In Nordrhein-Westfalen ist das Jeki-Programm selbst bei der Opposition beliebt und gehört sicherlich zu den wenigen Innovationen, für die Rüttgers von allen Seiten und Parteien Beifall erhält. "Das Programm ist ein richtiger Ansatz", sagt Hannelore Kraft, die bei den Landttagswahlen im Mai versuchen wird, Jürgen Rüttgers aus dem Amt zu drängen. Die SPD-Landeschefin verspricht aber für den Fall ihres Sieges noch mehr: Dazu gehöre unter anderem ein "Kultur-Rucksack", in dem alle Kinder und Jugendlichen in NRW Gutscheine zum Besuch von Kultureinrichtungen finden.

Der Erfolg von Jeki lässt sich bereits messen: Erlernen normalerweise nur rund fünf Prozent eines Jahrgangs in der Musikschule ein Instrument, hat Jeki eine Übergangsquote von 60 Prozent ins zweite Jahr. Denn nach dem kostenfreien ersten Jahr können die Eltern selbst entscheiden, ob ihr Kind sich für ein Instrument entscheidet und weiter in einer kleineren Gruppe musiziert. Das kostet dann 20 Euro pro Monat, die Familien können sich von dem Beitrag aber auch befreien lassen. Häufig sind es wohlhabende Eltern, die ihre Kinder abmelden, so die Erfahrung von Grunenberg. "Die haben einen Zweitwagen und können ihr Kind nachmittags zum Privatunterricht bringen", sagt er. Aber für viele sogenannte bildungsferne Schichten sei das Angebot eine große Chance. "Ein Instrument spielen zu können, ist wie Schwimmen eine grundlegende Kulturtechnik. Wer Musik kennenlernt, wird für immer eine andere Haltung einnehmen können, wenn er in ein Konzert geht oder Rockmusik hört", sagt Grunenberg.

Selbstgebastelte Oboe

An den Oberhausener Kindern kann man diese gespannte Haltung gut beobachten. Lehrerin Kreibich spielt einige beschwörende Töne auf der Oboe. "Das ist das Dschungelbuch", ruft ein kleiner Junge aufgeregt aus dem Stuhlkreis. Die Kinder gucken überrascht, ihr Fußgetrappel verstummt. Nahezu andächtig gucken sie der brünetten Lehrerin zu, wie sie in das Instrument bläst. "Wollt ihr auch spielen?", fragt Kreibich und ein lautes "Ja" schallt ihr entgegen.

Weil die Oboe aber zu empfindlich und vor allem zu groß für 25 kleine Handpaare ist, basteln die Schulkinder ihre eigene. Sie stecken ihre Strohhalme durch ein kleines Schwämmchen und setzen beides auf eine kopflose Blockflöte. Innerhalb weniger Sekunden dröhnt es aus dem Klassenraum. Die improvisierten Oboen können ganz schön laut sein. "Das kitzelt an der Zunge", sagt Suden. Das zierliche Mädchen mit einem pinken Pulli voller Schmetterlinge hat am meisten Spaß an den großen Blasinstrumenten. "Die Klarinette war toll", sagt sie. Die habe auch gekitzelt und außerdem "puste ich gerne", sagt sie.

Spuren der Finanzkrise

Zum Glück für die Kulturhauptstadt 2010 pusten viele Schüler gerne: Jeki ist ein Großprojekt des internationalen Events im Ruhrgebiet und wurde als "musikalisches Leitmotiv" sogar ins Programm aufgenommen. Zur Eröffnungsgala trat das KinderOrchesterRuhr zum ersten Mal auf, im Laufe des Jahres wird es weitere Konzerte vom Nachwuchs geben. Nach Dortmund werden Anfang Juni rund 2.000 Kinder aus dem Pott anreisen und dann im Westfalenpark singen, streichen, zupfen und trommeln.

In den kommenden Jahren soll das Programm nun allen Kindern in Nordrhein-Westfalen zugute kommen. Zwar hält sich die Landesregierung mit konkreten Zusagen noch zurück, aber ab 2011 sollen nach und nach alle Grundschulen im Land die Musikkurse anbieten. "Am liebsten würden wir auch noch Dritt- und Viertklässler unterrichten", sagt Leiter Grunenberg. Aber auch das ist wohl erst einmal utopisch. Das Land NRW muss von 2014 bis 2020 dauerhaft 5,5 Milliarden Euro einsparen, um in zehn Jahren einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen zu können. Das geht aus dem ersten von Finanzminister Helmut Linssen (CDU) vorgelegten Nachhaltigkeitsbericht hervor, den das Kabinett im Januar verabschiedete.

Zumindest im Ruhrpott wird aber weiter musiziert. Und Lehrerin Kreibich kann dabei Naturtalente entdecken. In ihrem Kurs hat kürzlich ein Siebenjähriger zum ersten Mal auf einem Saxofon gespielt. "Das klang wie ein alter Jazzmusiker", sagt Kreibich lachend.

Die Autorin ist freie Journalistin in Bochum.

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