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Annika Joeres
Epochenwechsel im Ruhrgebiet

Kulturhauptstadt Eine Region versucht, dem Strukturwandel mit Kultur zu begegnen

Karl-Heinz Petzinka schüttelt energisch den Kopf. "Da sollte doch tatsächlich wieder ein Bergmann aufs Dach", ereifert sich der 53-jährige Architekt und Professor für Entwurfs- und Gebäudetechnologie. Petzinka ist einer der Köpfe der Kulturhauptstadt 2010 und steht vor der zu einem schicken gläsernen Büro umgebauten alten Zeche Nordstern in Gelsenkirchen. Der schlanke grauhaarige Mann mit der Nickelbrille wollte etwas neues schaffen. Und so steht ab September auf dem backsteinfarbenen Zechenturm eine 18 Meter hohe Herkules-skulptur des Künstlers Markus Lüpertz.

Lange Zeit tobte in den Leserbriefen der Lokalzeitung ein erbitterter Streit um die Zukunft des Zechendaches. Einige Gelsenkirchener Bürger hätten lieber eine Hirsch-Figur oder eine Bergmann-Skulptur mit Grubenlampe auf der Spitze des alten Gebäudes platziert. Petzinka hat sich dagegen entschieden. Denn die Kulturhauptstadt im Ruhrgebiet ist beides: Sie erinnert an die vergangene Epoche der Schwerindustrie. Sie möchte aber vor allem nach vorne blicken. Und so soll im Förderturm zukünftig in einem gläsernen Kubus-Aufbau Videokunst zu sehen sein.

Singen auf der Autobahn

Der Nordsternpark ist nur ein kleiner Teil eines Mammutprogrammes. Rund 2.500 Veranstaltungen sollen in den 53 Revier-Städten bis Ende des Jahres über die Bühne gehen. Ruhr2010-Chef Fritz Pleitgen will vor allem die Rolle der Kultur für den Strukturwandel eines Industriegebietes herausstellen. "Wir wurden lange unterschätzt. Das soll sich ändern", sagte der gebürtige Duisburger auf der Eröffnungsfeier Anfang Januar.

Viele der Ideen werden jenseits von Konzert- und Theaterbühnen umgesetzt. Zum Beispiel das Wohnraumprojekt von Jochen Gerz. Der Künstler hat 78 Ortsfremde eingeladen, für ein Jahr mietfrei in drei Straßen des Ruhrgebiets in Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr zu wohnen. Im Gegenzug veröffentlichen die Teilnehmer ihre Erfahrungen anschließend in einem Buch. Mehr als 1.500 Menschen aus über 30 Ländern hatten sich dafür beworben.

Auch die Bewerbungen für die längste Tafel des Ruhrgebiets laufen: Am 18. Juli wird die Autobahn 40, die das Ruhrgebiet einmal von Ost nach West durchschneidet, komplett gesperrt. Das sogenannte "Still Leben Ruhrschnellweg" startet. Dann kann auf der einen Seite Rad gefahren werden, auf der anderen können Privatpersonen und Gruppen Tische buchen. Vorausgesetzt wird nur eine kleine Darbietung - das kann ein Flötenspiel oder eine Bastelei sein oder ein besonderes Gericht, das zubereitet wird.

Doch im Ruhrgebiet, dem Landstrich mit der höchsten Arbeitslosenquote in Westdeutschland, ist es sichtlich anstrengend, für alle Projekte genügend Geld zusammen zu kratzen. Die Finanzierung der Eröffnungsfeier für das neue Folkwang-Museum in Essen war ein langer Streitpunkt zwischen Stadt und Land. Und mit rund 62 Millionen Euro ist der Etat der hiesigen Kulturhauptstadt nur ein Zehntel so hoch wie der für die Partnerstadt Istanbul. Verstecken braucht sich das Revier trotzdem nicht. Schon jetzt, im kalten Winter, haben 20 Prozent mehr Touristen das Ruhrgebiet besucht als im Vorjahr.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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