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Annette Sach
Digitale Zeiten

FILMFÖRDERUNG Produktionshilfen allein reichen nicht mehr. Die Branche braucht auch Unterstützung für kleinere Kinos

Wenn man kurz davor ist, die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen, macht man eine Kartoffelparty", erzählt Lial Akkouch auf dem Flur der Berliner Ausländerbehörde lachend in die Kamera. "Kartoffelsalat, Kartoffelpuffer, alles, was man aus Kartoffeln machen kann", fügt ihr Bruder Hassan hinzu. Eine dokumentarische Momentaufnahme im Leben der Geschwister Akkouch. Agostino Imondi und Dietmar Ratsch haben das Leben der libanesischen Familie in ihrem Film "Neukölln unlimited" festgehalten. Darin erzählen sie die Geschichte einer Familie, die 1990 aus dem Libanon nach Deutschland kam, 2003 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgeschoben wurde und kurz darauf wieder nach Deutschland floh. Einer Familie, deren Kinder hier aufgewachsen sind, deren Sprache deutsch und deren Heimat Neukölln ist -und von denen die Mutter und drei Geschwister nur geduldet und weiter permanent von Abschiebung bedroht sind.

Der Film, der am 13. Februar auf der Berlinale Premiere feierte, ist trotz des schwierigen Schicksals der Akkouchs weit davon entfernt, gängige Klischees zu bedienen. Im Gegenteil. Er beobachtet mit viel Witz und Tempo, wie es den älteren Geschwistern - mit Hilfe der Kraft der Musik - gelingt, ihr Leben in die Hand zu nehmen und damit ein Beispiel für Integration zu geben. 2006 haben die beiden Filmemacher die Familie kennen gelernt und sie lange Zeit mit der Kamera begleitet: Aus 140 Stunden digitalem Rohmaterial wurden am Ende 96 Minuten Film. "Ein solcher Film wäre ohne die Filmförderung und die Beteiligung der Fernsehsender nicht finanzierbar", sagt Regisseur Dietmar Ratsch. "Neukölln unlimited" wurde gleich von fünf verschiedenen Filmfördereinrichtungen unterstützt. "Von den 290.000 Euro Produktionskosten sind rund 70 Prozent Fördermittel, etwa ein Fünftel kommt von den Fernsehanstalten und den Rest musste der Produzent aus Eigenmitteln finanzieren", erklärt der Filmemacher. Ratsch und Agostino wünschen sich, dass ihr Film (Kinostart 8. April) ein möglichst breites Publikum findet.

In der Kinowirtschaft wird aber nicht nur die Förderung einzelner Produktionen, sondern die Frage, wie diese Filme später abgespielt werden - analog oder digital - immer wichtiger. "Es wäre schön, wenn man mit Hilfe der digitalen Technik einen solchen Film flächendeckender in vielen Kinos zeigen könnte. Wir als Filmemacher wünschen uns, dass auch in kleinen Kinos die digitale Projektion weiter vorangetrieben wird", sagt Ratsch. Denn die digitale Technik ist in der Produktion und im Vertrieb eines Filmes weitaus kostengünstiger als der klassische 35 mm-Film. Während die Kosten einer analogen Filmkopie bei rund 1.000 Euro liegen, schlägt ein Kinofilm im Digitalformat nur mit rund 150 Euro zu Buche.

Hohe Investitionskosten

Dennoch ist für die meisten kleinen Kinos in Deutschland die digitale Projektion bislang schlichtweg zu teuer. "Um ein Kino für die digitale Projektion umzurüsten, muss man pro Leinwand mit Kosten in Höhe von ungefähr 60.000 Euro rechnen", weiß Iris Praefke. Sie betreibt in Kreuzberg, nur einen Steinwurf von Neukölln entfernt, mit zwei anderen Gesellschaftern das Kino "Moviemento" - Deutschlands ältestes Kino. Gezeigt werden hier anspruchsvolle, deutsche und europäische Arthouse-Filme. Um die Zukunft ihres Kinos sorgt sich die studierte Politikwissenschaftlerin momentan noch nicht: "Seit 2007 haben sich unsere Zuschauerzahlen mit mehr als 50.000 Zuschauern mehr als verdoppelt", sagt sie zufrieden - und bestätigt damit den positiven Trend der Branche: Denn trotz Wirtschaftskrise erzielt die Kinowirtschaft 2009 mit einem Umsatz von 976 Millionen Euro nach Angaben der Filmförderungsanstalt (FFA) eines der besten Ergebnisse ihrer Geschichte.

Schaut man jedoch genauer hin, sieht es nicht für alle in der Branche so rosig aus. Ein Großteil der Umsatzsteigerung ist allein auf neue 3D-Produktionen zurückzuführen. Filme wie "Ice Age 3", "Avatar" und "Oben" lockten mehr als 15 Millionen Zuschauer in die mit digitaler Technik ausgestatteten Kinosäle der großen Kinoketten. Doch trotz gestiegener Umsätze und Zuschauerzahlen sinkt die Zahl der Kinos, gerade in Orten mit wenig Einwohnern, kontinuierlich. Gab es in Deutschland im Jahr 2008 noch 1.001 Kinos, reduzierte sich ihre Zahl im vergangenen Jahr auf 976. "Das Überleben unserer vielfältigen deutschen Kinolandschaft hängt davon ab, ob die Digitalisierung auch in der Fläche gelingt", betont auch Angelika Krüger-Leißner, filmpolitische Sprecherin der SPD. Viele der aktuellen großen Produktionen würden von den Verleihern nur noch digital angeboten. Filmtheater, die sich das Umrüsten nicht leisten können, verlören damit ihre Zuschauer.

Verdrängungswettbewerb

Darin wittern vor allem große Multiplex-Kinos ihre Chance, warnt die Grünen-Abgeordnete Claudia Roth: "Es scheint so, dass einige Kinoanbieter die Digitalisierung der Filmtheater für eine Marktbereinigung im Sinne des rein kommerziellen Mainstreamkinos nutzen wollen." Filme wie "Neukölln unlimited" könnten es dann noch schwerer haben. FDP und CDU betonen weniger die Risiken als die Chancen der neuen Technik - sowohl für einzelne Kinos als auch für die gesamte Filmwirtschaft: "Das Kino wurde schon oft totgesagt, dann gab es immer wieder Innovationen und jetzt stehen wir wieder an einer solchen Schwelle", sagt Claudia Winterstein, die sich in der FDP um die Filmpolitik kümmert. Ihr Kollege im Ausschuss für Kultur und Medien, Johannes Selle (CDU), war selbst für die Mitteldeutsche Filmförderung tätig und kennt die Probleme der Branche. "Die digitale Projektion gehört zum technischen Fortschritt, aber wir dürfen nicht durch eine technische Entwicklung bestimmte Kinos ausschließen", sagt er. Auch Kathrin Sänger-Schäfer von der Linken gibt zu bedenken: "Kinos in kleineren Städten dürfen nicht vom Fortschritt abgeschnitten und ihrer Existenz beraubt werden." Über Fraktionsgrenzen hinweg herrscht zwar Einigkeit, dass den Kinos bei der Digitalisierung geholfen werden muss. Bislang hat Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) dafür nur 3 Millionen Euro in den Haushalt 2010 eingestellt - ein Tropfen auf den heißen Stein, meint die Opposition.

Klage in Karlsruhe

Im vergangenen Jahr hatte Neumann noch angekündigt, dass der Bund für die Digitalisierung aller Kinos 40 Millionen Euro zur Verfügung stellen wolle. Die Länder sollten das Vorhaben nochmals mit 60 Millionen Euro unterstützen. Diese Summe hatte er jedoch an eine Bedingung geknüpft: Die großen Kinobetreiber sollten sich verpflichten, ihre Klage beim Bundesverwaltungsgericht gegen die gesetzlich verankerte Abgabe an die Filmförderungsanstalt (FFA) fallen zu lassen.

Den großen Kinobetreibern ist schon lange ein Dorn im Auge, dass sie - ebenso wie die Videowirtschaft - nach dem Filmfördergesetz (FFG) festgelegte Abgaben zahlen, während die Fernsehanstalten nur pauschale Leistungen erbringen müssen. Das Bundesverwaltungsgericht hält diese Abgabe in Teilen für verfassungswidrig und hat die Klage im Februar 2009 nach Karlsruhe weitergeleitet. Wann der Fall dort verhandelt wird, ist noch offen. Bis dahin zahlt ein Großteil der Kinobesitzer die Abgabe nur "unter Vorbehalt" ein. Nach über dreijährigen, ergebnislosen Verhandlungen mit den Kinobesitzern riss dem Kulturstaatsminister im November der Geduldsfaden. Er zog seinen Kompromissvorschlag für eine flächendeckende Digitalisierung aller Kinos zurück. Ende Januar legte Neumann im Kabinett eine kleine Novelle zum FFG vor, mit dem die Abgabesätze jetzt neu geregelt werden sollen. Claudia Winterstein vom Koalitionspartner FDP hofft, dass "die Filmförderung damit nicht weiter unter juristischen Scharmützeln leidet". Der Entwurf bilde "eine gute Grundlage für die Beratungen, die wir bis zur Sommerpause abschließen wollen", sagt sie. Auch Johannes Selle ist optimistisch: "Ich gehe davon aus, dass die Kinos ihre Klage zurückziehen", hofft er. Weniger positiv sieht Kathrin Senger-Schäfer die Situation: "Bereits jetzt ist zu hören, dass die Forderungen bei den Fernsehsendern auf wenig Gegenliebe stoßen", warnt sie.

Groteske Situation

Claudia Roth geht die Novelle hingegen nicht weit genug: "Wichtig ist, dass die FFA auf Dauer gesichert wird. Dazu wäre eine größere FFG-Novelle nötig, die die sich verändernde mediale Realität besser abbildet und die Kreativen stärkt", fordert sie. Angelika Krüger-Leißner hofft, dass die Novelle jetzt so schnell wie möglich verabschiedet wird. Nach ihrer Meinung befindet sich der Film in einer "grotesken Situation": "Die Lage des deutschen Films war 2009 mit einem Rekord-Marktanteil von 27,4 Prozent noch nie so gut. Aber zur gleichen Zeit erleben wir eine Aufkündigung der Solidarität von Seiten der großen Kinoketten. Damit wird alles aufs Spiel gesetzt." Die finanziellen Folgen für die Filmwirtschaft könnten dramatisch sein, warnt sie.

Davon war auf der 60. Berlinale wenig zu spüren. Die Branche feierte sich, ihre Filme und ihre Protagonisten wie Hassan Akkouch. Der hat für die Zukunft ganz besondere Pläne. Bei der Premiere befragt, was er in zehn Jahren machen möchte, sagte er stolz: "Ich mache in wenigen Tagen die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule." Vielleicht sieht man ihn dann auf der Berlinale 2020 auf dem roten Teppich wieder. Ein guter Beweis, dass "Neukölln unlimited" wörtlich zu nehmen ist - im Leben wie im Film.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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