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Jörg von Bilavsky
Launige Lobeshymne

Hörbuch Eine Hommage an Richard von Weizsäcker

So hat man Richard von Weizsäcker selten gehört. Wie er mit jungenhaft-schelmischen Lachen über seine Pflichten als Redner und seine verborgenen Talente als Opernsänger spricht. Die Deutschen haben vor allem die abgewogen und klaren politischen Botschaften des ehemaligen Bundespräsidenten im Ohr. In dem gut einstündigen Hörporträt von Detlef Michelers lässt der fast 90-Jährige bisweilen auch persönlichere Töne anklingen, die Grenze zu seinem Privatleben jedoch wahrt er stets. An diesen Verhaltenskodex halten sich auch Tochter Beatrice, ehemalige Mitarbeiter und politische Weggefährten wie Heiner Geißler oder Kontrahenten wie Hans-Jochen Vogel.

Mit ihren gefälligen Statements zeichnen sie aber nur jenes Bild nach, das sich in der öffentlichen Erinnerung längst etabliert hat. Das Porträt eines integeren, pflichtbewussten und fairen Politikers, wie ihn die Bundesrepublik Deutschland bis heute kein zweites Mal hervorgebracht hat. Anlässlich seines 90. Geburtstages sind solche Lobeshymnen legitim und sicher auch angemessen. Dem eigentlichen Wesen des Privatmanns und Politikers werden sie nur bedingt gerecht.

Weizsäcker hätte sich selbst differenzierter in den Blick genommen als sein Hörbiograf. Vermutlich hätte er sogar die kritische Gegenstimme von Helmut Kohl eingeholt, um Freund wie "Feind" zu Wort kommen zu lassen. Wahrscheinlich hätte er sich auch offener zu seinen Erlebnissen als Offizier an der Ostfront und seiner Rolle als Verteidiger seines Vaters Ernst von Weizsäcker bei den Nürnberger Prozessen geäußert. Obgleich diese Schlüsselerlebnisse sein moralisches Denken, Reden und Handeln bis heute prägen, versucht der Radioautor diese Lebensstationen nicht näher zu ergründen. Statt den geistig-moralischen Werdegang Weizsäckers sinnlich und intellektuell erfahrbar zu machen, betont der Feature-Spezialist das allseits bekannte charakterliche Format des Ausnahmepolitikers. Untermalt mit klassischer Musik, die von Weizsäcker liebt und beglaubigt durch aphoristische Sentenzen des französischen Historikers Ernest Renan, den von Weizsäcker wegen seines Nationsverständnis gerne zitiert.

Hätte sich Michelers stärker am historischen Credo des von ihm bewunderten Staatsmanns orientiert, wäre statt eines pauschalen ein pointiertes Porträt entstanden. So aber ist es nur eine nette Hommage an eine ebenso nette, aber wesentlich komplexere Persönlichkeit der deutschen Zeitgeschichte.

Detlef Michelers:

Richard von Weizsäcker.

Audiobuch Verlag, Freiburg 2010; 1 CD, 61 Min., 14,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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