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Jörg von Bilavsky
Staatlich beglaubigter Kult

NATIONALSOZIALISMUS Daniel Siemens entlarvt die Heroisierung Horst Wessels als wirkungsvolle Propaganda

Ein paar Klicks genügen und schon erwacht er wieder zum Leben. Der Horst-Wessel-Mythos. Wer bei YouTube vorbei schaut, findet nicht nur den neuesten Clip von Lady Gaga oder den letzten Auftritt von KISS bei "Wetten Dass". Ewiggestrige können dort in voller Länge die von ihm komponierte Parteihymne der NSDAP anhören. Unterlegt mit Fotos des 1930 von Kommunisten niedergeschossenen Parteisoldaten, umrahmt von seinen stramm marschierenden SA-Kumpanen. Seit Jahren missbrauchen Neonazis das beliebte Videoportal, um weltweit ihre braunen Botschaften zu verbreiten. Gerne greifen sie dabei auf bewährte NS-Mythen zurück, um die Vergangenheit zu verharmlosen und sie in die Zukunft zu retten. Besonders beliebt ist bis heute der Mythos vom zweiundzwanzigjährigen Horst Wessel, den Goebbels schon wenige Tage nach dem Attentat zum "neuen Märtyrer für das Dritte Reich" ausrief.

Verklärung

Unter dem Suchbegriff "Horst Wessel" findet sich bei YouTube zum Glück auch der 3sat-Beitrag zu der neuen Wessel-Biographie von Daniel Siemens. Dem Bielefelder Historiker verdanken wir nun die umfassendste Aufklärungsschrift über Leben, Tod und Verklärung des SA-Sturmführers. Auch wenn Siemens in seiner ebenso klar strukturierten wie glänzend geschriebenen Studie dem heutigen Missbrauch des Mythos nicht weiter nachspürt, trägt sein aus neuen Quellen gespeistes Porträt entscheidend zur Entmythologisierung des einstigen NS-Nationalhelden bei. Eingefleischte Rechtsextremisten werden nicht gerne lesen, dass ihr Idol eher schmächtig als stark gebaut war, eher im Saal agitierte als in der Saalschlacht agierte. Als sein Bruder 1929 tragisch ums Leben kam, kämpfte er mehr mit Depressionen als mit den politischen Gegnern. Siemens berichtet auch, dass Wessles seine Freundin im Rotlichtviertel rund um den Berliner Alexanderplatz kennen lernte und Melodie und Text der späteren Parteihymne bloß aus früheren Volks- und Kampfliedern zusammengeschustert hat.

Mit solch wunden Punkten in Wessels wahrer Biografie demontiert der Autor nicht allein die Legende vom aufrechten und ehrbaren Kämpfer für die Bewegung. Er zeigt vor allem, was den Berliner Pfarrerssohn an der NS-Ideologie faszinierte und was die Nazis an dem Kameraden bewunderten. Zweifelsohne hinterließ die nationalprotestantische Erziehung des Vaters tiefe Spuren im Weltbild eines Jungen, der früh die Nähe zu ebenso christlich wie vaterländisch gesinnten Jugendbewegungen suchte. Aus diesem Milieu führte natürlich kein Weg in die kommunistischen Jugendverbände. Woher allerdings der Einsatz des Bürgersohns für die Arbeiterschaft und radikalsozialistische Ideen rührte, kann auch Siemens nicht restlos aufklären. Er stellt aber überzeugend dar, welch sozialpsychologische Relevanz die SA für viele erwerbslose junge Männer besaß - und zwar als soziales Netzwerk, das "Züge einer Ersatzfamilie annehmen konnte und in dem die Ausübung von Gewalt nicht nur Mittel zum politischen Zweck, sondern vor allem gemeinschaftsstiftende Praxis war". So erklärt sich auch der Zusammenhalt und die Attraktivität der rechtsextremen Verbände von heute. Der Studienabbrecher konnte aber dank seiner intellektuellen wie rhetorischen Fähigkeiten innerhalb der SA auch sein Bedürfnis nach Anerkennung und Führerschaft befriedigen.

Konkurrierende Mythen

Insofern übte Wessel tatsächlich schon zu Lebzeiten so etwas wie eine Vorbildfunktion für seine Kameraden aus. Dass er nach seinem Tod im Februar 1930, vor allem aber seit der Machtübernahme der Nazis, zum Leitbild für Schüler, Studenten und Soldaten, praktisch für die gesamte Volksgemeinschaft wurde, war keineswegs Resultat seiner Taten oder Ideen, sondern allein des Kultes um ihn: "Eine kunstvoll arrangierte Hülle, die dem Nationalsozialismus und seiner Ideologie ein Gesicht verlieh, ohne sich bezüglich der damit verbundenen Inhalte festzulegen." Siemens entlarvt den staatlich beglaubigten Kult um Horst Wessel als hohle, aber wegen ihrer sakralen und patriotischen Grundierung bei vielen Deutschen äußerst wirkungsvolle Propaganda. Mit Mahnmalen und seinem Marschlied wurden nicht nur Opferbereitschaft und Idealismus geweckt, sondern auch Geschäfte gemacht. Gleichwohl stellt sich die Frage, wie Hitler- und Wessel-Mythos sich miteinander vertrugen oder ob sie nicht gelegentlich miteinander konkurrierten. Im Gegensatz zu Goebbels führte Hitler öffentlich wesentlich seltener den Namen Wessel im Munde und schob dem ein oder anderen Denkmalsprojekt schon einmal den Riegel vor.

Auch wenn Siemens diesen für die Herrschaftslegitimierung wichtigen Aspekt nicht näher beleuchtet, besticht seine Studie auf ganzer Linie durch detektivischen Spürsinn und analytische Tiefenschärfe. Die von ihm 2008 in der Birthler-Behörde aufgefundenen und sorgfältig ausgewerteten Ermittlungsakten von 1930 belegen nahezu zweifelsfrei, dass es sich beim Tod Wessels um einen politischen Mord und keinesfalls um ein tödliches Eifersuchtsdrama handelte. Andere bezeugen wiederum, dass Wessel nicht nur Opfer, sondern gemeinsam mit seinen Schlägertrupps immer auch Täter war. Dass Siemens am Ende das harte Schicksal der kommunistischen Täter und das relativ harmlose der nationalsozialistischen Rächer beleuchtet, beweist die moralisch wie wissenschaftliche Integrität des Autors. Dieses Buch auch den Rechten eine Lehre sein.

Daniel Siemens:

Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten.

Siedler Verlag, München 2009; 352 S., 19,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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