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Christoph Birnbaum
Der Zeitzeuge und Zeitendeuter

90. Geburtstag Drei aktuelle Biografien zeugen von der ungebrochenen Popularität Richard von Weizsäckers

Er ist nicht eingeladen, wenn Helmut Kohl Anfang Mai ganz offiziell seinen 80. Geburtstag in Mainz feiert. Und umgekehrt wird auch Richard von Weizsäcker den Altkanzler, wenn dieser denn aus gesundheitlichen Gründen überhaupt kommen könnte, nicht einladen. Es ist ein mehr als gespanntes Verhältnis zwischen den beiden Jubilaren, die in diesen Tagen ihren runden Geburtstag feiern. Wie nur wenige andere haben sie dabei die Geschicke der Republik maßgeblich geprägt. Dabei stand Richard von Weizsäcker stets für ein populäres, gleichwohl distanziertes Gegenbild zu den regierenden Politikern. Der Aristokrat von Weizsäcker war nicht Bürgerpräsident, sondern Staatspräsident - der erste und wohl auch bisher einzige in der Geschichte der Bundesrepublik. Und er fasziniert die Menschen bis heute.

Dieses "Faszinosum" Richard von Weizsäcker beschreiben mit Blick auf seinen 90. Geburtstag am 15. April gleich drei neue Biografien von langjährigen Weggefährten. Ein Buch, nicht das erste über ihn aus dessen Feder, hat sein früherer Pressesprecher, Friedbert Pflüger, geschrieben. Der war zeitweilig selbst in die Politik gewechselt und hatte zuletzt vergeblich versucht, die Berliner CDU wieder an die Macht zu bringen. Heute lehrt der promovierte Politikwissenschaftler als Professor am renommierten King's College in London Internationale Politik und hat Zeit für's Bücherschreiben.

Pflüger hat dabei gut daran getan, keine neue Biografie im eigentlichen Sinn zu schreiben, sondern sich auf wenige Aspekte und Schlaglichter zu konzentrieren - wie die deutsche Einheit und die Rolle von Weizsäckers, seine Rede zum 8. Mai, seine Parteienkritik und seine Rolle in Europa.

Gunther Hofmanns erneute Annäherung an von Weizsäcker - er war als langjähriger Parlamentskorrespondent der "Zeit" bereits mit einer Biografie über Richard von Weizsäcker und mehreren anderen Büchern über ihn hervorgetreten -, könnte man dagegen als einen assoziativen Gesprächs- und Gedankenspaziergang bezeichnen, einen Streifzug durch die deutsche Geschichte im Spiegel der Vita des Jubilars.

Nur Hermann Rudolph, einer der profiliertesten Journalisten in Deutschland und heutiger Herausgeber des "Tagesspiegels", hat sich an einen mehrheitlich "klassischen" biografischen Zugang gewagt, bei dem ihm mehr als einmal nachdenklich machende Einordnungen gelingen.

Drei Biografien auf einen Schlag - das zeugt nicht nur von der Popularität des Jubilars. Herausgekommen sind dabei auch drei sehr unterschiedliche, lesenswerte Zugänge zu einem Menschen, der wie kaum ein anderer ein Abbild der Wirrnisse des letzten Jahrhunderts symbolisiert. In seiner zehnjährigen Amtszeit als Bundespräsident scheint sich dabei der Widerspruch zwischen Macht und Moral in seiner Person irgendwie aufgehoben zu haben. Leidet Helmut Kohl als "Kanzler der Einheit" heute noch unter dem dunklen Schatten der Parteispendenaffäre, so sonnt sich Richard von Weizsäcker in parteiübergreifender Sympathie. Ja, die Stichworte von der "Machtversessenheit" und "Machtvergessenheit" von Parteien - seine Warnungen vor dem Parteienstaat - scheinen selbst heute mehr als gültig zu sein.

So stehen alle drei Biografen dem Jubilar denn auch mehr als gewogen gegenüber. Aber herausgekommen ist dabei keineswegs eine distanzlose Lobhudelei. Im Gegenteil! Immer wieder schwingt, verkleidet in unscheinbaren Nebensätzen, auch Kritik an einem Politiker durch, der sich mehr als andere seiner Weggefährten scheinbar jeder Kritik zu entziehen vermochte.

Denn Richard von Weizsäcker war und ist - darauf weist besonders Friedbert Pflüger hin - eben nicht nur "Schöngeist und Schönredner", sondern vor allem auch ein durch und durch politisch denkender Mensch. Und er war ein Bundespräsident, der den Konflikt nicht scheute. Besonders dann nicht, wenn es im Verhältnis zwischen ihm und Helmut Kohl um grundsätzlich unterschiedliche Politikzugänge und konzeptionelle Fragen ging. Das betraf ganz besonders die Deutschlandpolitik. Und dabei schneidet Richard von Weizsäcker im Urteil seiner Biografen - allen drei übrigens -nicht unbedingt als jemand ab, der "historisch" immer richtig gelegen hat, dem es aber scheinbar immer mühelos gelang, auf den Wellen der kollektiven Stimmungen und zumeist gegen seine eigene Partei zu reiten, und dabei das "andere" und "bessere" Deutschland zu repräsentieren.

Gegen die Parteilinie

Das liegt sicherlich daran, dass Richard von Weizsäcker immer als Gratwandler, Vermittler, "Brückenschlager" und "Zusammenführer" die richtigen Worte fand. Das galt für seine Zeit als evangelischer Kirchentagspräsident, aber noch mehr für seine Zeit als Bundespräsident. Als Politiker fühlte er sich zudem immer frei genug, abseits der vorgegebenen Parteilinie eigene Wege zu beschreiten. Besonders deutlich zeigte sich dies schon recht frühzeitig in der Deutschlandpolitik und in seiner Unterstützung für die Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) gegen den Widerstand der Union, die sich im Bundestag bei der Abstimmung über den Moskauer- und Warschauer Vertrag enthielt. Ähnlich verhielt es sich in Sachen KSZE - von Weizsäcker unterstützte die Linie Hans-Dietrich Genschers (FDP), die Union war mehrheitlich skeptisch.

Am deutlichsten offenbarte sich dieser Gegensatz zwischen ihm und dem Kanzler aber beim Stichwort "Geschichtspolitik". Während Helmut Kohl trotz erbitterter öffentlicher Debatten historische Museen in Bonn und später auch in Berlin baute und - noch umstrittener - den Händedruck mit Francois Mitterand und Ronald Reagan auf Soldatenfriedhöfen suchte, hielt Richard von Weizsäcker "die" Rede - seine Rede -zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985. In ihr fand er zweifelsohne die richtigen, notwendigen und befreienden Worte.

Richard von Weizsäcker wurde hier, wie sein Biograf Hermann Rudolph zu Recht anmerkt, gleichsam zum "Zeitzeugen und Deuter". Denn die "Weizsäckers kommen anderswo her. Kaum ein Politiker seiner Generation reicht so weit in das alte Deutschland hinein wie Weizsäcker als Sohn eines Diplomaten und Enkel eines königlichen (baden-württembergischen) Ministerpräsidenten". "Die Weizsäckers" sind eine Familie für sich. Eine großbürgerliche deutsche Familie, vielleicht am ehesten vergleichbar mit "den Manns". Deshalb nimmt sowohl bei Rudolph als auch bei Hofmann dieser familiäre Aspekt - besonders das Verhältnis des Sohnes Richard zu seinem Vater Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär und zweiter Mann im Auswärtigen Amt während des "Dritten Reichs" - einen gewichtigen Teil in ihren Büchern ein.

Denn die Frage aller Fragen, die die Generation Kohl/Weizsäcker umtrieb, ist doch die: Gab es ein richtiges Leben im falschen? Weizsäcker wollte dabei stets - wie Kohl auch - zusammenführen. Die Deutschen vorrangig im Westen mit ihrer Geschichte nach 1933. Und die Deutschen in Ost und West in den Tagen vor und nach der Einheit mit der gemeinsamen Geschichte nach 1945. Spätestens hier setzte sich, meint Gunther Hofmann, das Bild vom intellektuellen Weizsäcker durch, das ihn abhob vom anti-intellektuellen Bonner Betrieb im Kanzleramt.

Doch seine Biografen Rudolph und Pflüger melden auch vorsichtige Kritik an. Lag Weizsäcker mit seinen Warnungen vor einem schnellen "Zusammenwuchern" von West und Ost wirklich richtig? Wo er präsidial zum "Lastenausgleich" zwischen Ost und West aufrief und eine Volksabstimmung über eine neue Verfassung forderte, führte Helmut Kohl schnöden Wahlkampf, sprach von "blühenden Landschaften" und schuf Fakten. Dem Zuspruch großer Teile der Öffentlichkeit konnte von Weizsäcker sich dabei in seinem präsidialen Widerstand gegen das Kanzleramt sicher sein. Und auch sein Eintreten als früherer evangelischer Kirchentagspräsident für Manfred Stolpe brachte ihm besonders im Osten viele Sympathien ein.

Die fehlende Rede

Aber auch eine Mehrheit kann irren. Und lag Helmut Kohl aus heutiger Sicht wirklich so falsch? Und wo blieb das gleichzeitige Engagement des Bundespräsidenten, der wie kein anderer seiner Nachfolger "die Entwicklung von Gedanken zu einer Möglichkeit des Einflusses machte" (Hermann Rudolph), für die Opfer und Verfolgten des DDR-Regimes und für die mutigen Bürgerrechtler? Wenn eine große Rede noch fehlt, dann die an die Adresse der DDR-Bürgerrechtler, merkt selbst ein so enger Mitarbeiter wie Friedbert Pflüger nicht zum ersten Mal an.

Machtpolitiker gegen Lichtgestalt? Es ist vor allem die "Hemdsärmeligkeit", die einem Mann wie Richard von Weizsäcker am Ende immer gefehlt hat. Helmut Kohl reüssierte mit dieser Methode nicht zuletzt deshalb, weil er um sich herum eine Riege von Männern und Frauen scharte, die er zuvor gefördert hatte. Richard von Weizsäcker gehörte anfangs zu ihnen. Der spätere Kanzler und rheinland-pfälzische Ministerpräsident hatte ihn in die Bundespolitik geholt. Doch ein von Weizsäcker lässt sich eben nicht in einem "System Kohl" vereinnamen. Und schon gar nicht gegen den politischen Gegner in Stellung bringen - etwas, was ihm der Altkanzler bis heute übel nimmt. Deshalb bilanziert Pflüger nicht zu Unrecht, wurde Helmut Kohl eben auch Bundeskanzler und Richard von Weizsäcker "nur" Bundespräsident. Auf ihn konnten sich alle, parteiübergreifend, einigen.

Ohne Hemdsärmeligkeit ist es in der Politik so eine Sache. Friedbert Pflüger zitiert den verstorbenen Peter Glotz mit dem interessanten Satz, "dass Weizsäcker neben Franz Josef Strauß die einzige wirkliche Alternative gewesen sei, die das konservative Lager in zwanzig Jahren zu Helmut Kohl hervorgebracht hat". Wäre Weizsäcker, so fragt Pflüger, ein guter Kanzler gewesen? Das Zeug dazu hätte er in jedem Fall gehabt. "Aber", schreibt Pflüger, "es liegt eine gewisse Tragik darin, dass ein Mann mit seinem begnadeten Talent vielleicht nie ganz zeigen konnte, was er wirklich kann." Und so feiern die Beiden in diesen Tagen ihre Geburtstage getrennt voneinander, obwohl sie so viel verbindet.

Gunter Hofmann:

Richard von Weizsäcker. Ein deutsches Leben.

Verlag C.H. Beck, München 2010; 295 S., 19,95 €

Hermann Rudolph:

Richard von Weizsäcker. Eine Biographie.

Rowohlt Berlin, Berlin 2010; 288 S., 19,95 €

Friedbert Pflüger:

Richard von Weizsäcker. Mit der Macht der Moral.

Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010; 224 S., 19,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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