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Yvonne Scheller
Start frei zum Logistik-Boom

KONJUNKTUR Die Talsohle scheint durchschritten - die Transportbranche bietet neue Jobs selbst für Geringqualifizerte. Aber auch die Spezialisierung schreitet voran

Die Weltwirtschaftskrise sitzt uns noch im Nacken. Logistikunternehmen spüren dies besonders, weil ihre Branche höchst empfindlich auf die Situation des Weltwirtschaftssystems reagiert. "Wenn das Weltwirtschaftssystem einen Schnupfen hat, bekommt die Logistik eine Lungenentzündung", beschreibt etwa Arno Schaefer, Geschäftsführer des Hamburger Logistik Instituts (HLI) scherzhaft und setzt hinzu: "Deutschland als stark exportabhängiges Land hat unter dieser Entwicklung besonders zu leiden."

Andererseits ist Deutschland in einer starken Position, sobald es in der Weltwirtschaft wieder aufwärts geht. Laut einer aktuellen Studie der Weltbank "Connecting to Compete 2010" nimmt die Bundesrepublik die Spitzenposition als leistungsfähigster Logistikstandort weltweit ein - und verdrängt damit Singapur auf Platz zwei, gefolgt von Schweden und den Niederlanden. Optimistische Einschätzungen, die in der Logistik nach wie vor eine relevante Zukunftsbranche sehen und deren baldige Erholung erwarten, erhalten somit Auftrieb. So betont etwa der Münchner TU-Professor und Geschäftsführer der TCW Unternehmensberatung Horst Wildemann: "Wir haben diese Thematik soeben auf dem Münchner Management Kolloquium mit zahlreichen Wirtschaftsführern diskutiert. Der Tiefpunkt der Krise scheint überwunden, es geht aufwärts. Die Logistikbranche wird daher schon bald am Aufschwung partizipieren." Einschränkend fügt Wildemann, der seit 2004 Mitglied der ,Logistik Hall of Fame' ist, jedoch hinzu: "Aktuell müssen noch Transportkapazitäten, die in Krisenzeiten stillgelegt worden sind, wieder hochgefahren werden. Daher sind wir vom neuen Boom in der Logistik noch etwas entfernt."

Leichte Erholung

Die Zeitspanne, bis die Branche wieder das Niveau von 2008 erreicht haben wird, schätzt Gernot Lobenberg, Geschäftsführer der Logistik-Initiative Hamburg, auf drei bis vier Jahre. "Aber eine erste leichte Erholung zeichnet sich bereits ab und ich bin sicher die Kurzarbeit wird uns helfen, die Zeit bis zum Aufschwung weiter überbrücken zu können." Das arbeitswirtschaftliche Instrument hat sich seiner Meinung nach bewährt, gerade in der Hansestadt. "Hamburg als Logistikdrehscheibe für Nordeuropa ist eng mit der Weltwirtschaft verknüpft. Wir haben von dieser Situation lange überproportional profitiert, im Zuge der Weltwirtschaftskrise jedoch auch überproportional verloren." Dank der Kurzarbeit seien jedoch nur wenige Arbeitsplätze wirklich weggefallen. Und das obwohl der Hamburger Hafen, jahrelang verwöhnt von saftigen Zuwachsraten, jüngst seine Position als zweitgrößter europäischer Containerumschlagplatz an Antwerpen abgeben musste.

Neueinstellungen in Sicht

Keine gute Nachricht, gilt doch die Containerschifffahrt als Konjunkturindikator für die Weltwirtschaft. Besonders stark hat Hamburg im Bereich des Feederverkehrs verloren, also dem Umladen der Container von großen Frachtern auf kleinere Zulieferschiffe, die anschließend vor allem nach Osteuropa fahren. Doch Lobenberg gibt sich zuversichtlich: "Hamburgs geostrategische Lage wird uns auch in Zukunft wieder nach vorn bringen." Grund zum Optimismus gibt auch die Auswertung der aktuellen Mitgliederbefragung in Zusammenarbeit mit dem SCI/Logistikbarometer: "Danach überlegen knapp 40 Prozent der Unternehmen in 2010 erneut einzustellen, nur etwa 11 Prozent wollen Mitarbeiter freistellen", unterstreicht Lobenberg.

Gute Berufsaussichten bieten sich seiner Meinung nach vor allem im Bereich des mittleren Managements, "etwa für Projektleiter, die komplexe Sachverhalte analysieren und Lösungen anbieten können, aber auch für qualifizierte Sachbearbeiter, etwa Speditions- und Logistikkaufleute".

Was die gewerblichen Arbeitsplätze anbelangt, ist Lobenberg weniger zuversichtlich, da gerade die stark vom Umschlagvolumen abhängen. "Aber auch hier gilt: Wenn der Umschlag wieder zunimmt, wirkt sich das auch positiv auf die gewerblichen Arbeitsplätze aus" - und immerhin sei gerade die Logistik eine der wenigen Branchen, die Geringqualifizierten ein großes Potential an Arbeitsplätzen biete.

Beste Aussichten für Akademiker

Dem stimmt auch Arno Schaefer grundsätzlich zu, die besten Berufsaussichten sieht er jedoch für Akademiker. "Vor der Krise gab einen großen Bedarf an qualifizierten LKW-Fahrern, der aus heutiger Sicht jedoch inzwischen gedeckt ist. Dagegen schreitet die Spezialisierung stetig voran und qualifizierte Fachkräfte etwa im Bereich IT und Logistikmanagement sind gefragt." Schaefer weiß wovon er spricht, das HLI sieht sich als Bindeglied zwischen Forschung und Praxis. Die Public-Private-Partnership (Verbund von staatlichen und privaten Partnern) hat sich die Förderung von Innovationen zum Ziel gesetzt. "Wir forschen hier etwa wie sich RFID (Radio Frequency Identification) entlang der gesamten Supply Chaine (Lieferkette) mit deren vielen Beteiligten weiter in der Praxis verankern lässt", erklärt Schaefer.

Simulation der Praxis

Dabei sind die HLI-Experten keineswegs nur im hauseigenen Forschungslabor aktiv, sie führen beispielsweise auch interessierten Spediteuren in einer Praxissimulation vor, wie sich die Einführung von RFID, den kleinen, an Waren oder Containern angebrachten Funkchips, in ihrem Unternehmen auswirken würde, "immerhin ist damit oft eine nicht unerhebliche Investition verbunden". Stimmen die Rahmenbedingungen, sei dies jedoch eine Investition, die sich lohnt, ist Schaefer überzeugt.

Denn eine effiziente Versorgungskette und perfekt aufeinander abgestimmte interne und externe Logistikprozesse gelten über alle Branchen hinweg inzwischen als entscheidender Wettbewerbsvorteil. Und hier kommt RFID ins Spiel: Die Voraussetzung für die Optimierung von Materialflüssen ist eine möglichst hohe Transparenz in der Prozesskette und mit RFID lassen sich mehrere Objekte nahezu gleichzeitig und automatisch über relativ große Entfernungen erfassen. Ein entscheidender Aspekt, denn "die Vernetzung der Welt lässt sich nicht zurück drehen", ist Schaefer überzeugt.

Auch das "LogistikNetz Berlin-Brandenburg" hat mehr oder weniger die ganze Welt im Auge - vor allem hinsichtlich noch brachliegenden Potentials der Region. So erklärte etwa Professor Herbert Sonntag in seinem Vortrag "Zukunftsperspektiven der Logistikregion Berlin-Brandenburg" Ende Februar in der Berliner Industrie- und Handelskammer: "Die Chancen der jetzt zentralen europäischen Standortlage für überregionale und internationale Logistikaktivitäten sind noch nicht angemessen ausgeschöpft und entwickelt." Dies zu ändern hat sich die Initiative zum Ziel gesetzt. "Bis 2020 wollen wir zur Champions League der Logistik-Standorte in Europa gehören", erklärte Netzwerkkoordinator Norbert Wagener bereits kurz nachdem die Initiative 2006 ihre Arbeit aufgenommen hatte und er sieht sich heute auf einem guten Wege: "Inzwischen stehen wir auf Platz zehn." Der Grund liegt für ihn vor allem in der günstigen geografischen Lage seiner Region. "Über 300 Millionen Kunden in Europa können in einer LKW-Tagesfahrt erreicht werden."

Berlin steigt auf

Eine ausgezeichnete Infrastruktur, eine großzügige Investitionsförderung sowie niedrige Arbeitskosten für hoch qualifizierte Arbeitnehmer sprächen ebenfalls für den Standort Berlin und Brandenburg. Und schließlich sorge zudem die Hauptstadtregion schon allein für eine erhebliche Nachfrage. "Berlin-Brandenburgs 6,5 Millionen Einwohner müssen schließlich täglich mit Verbrauchsgütern versorgt werden - das schafft eine ganze Menge krisensicherer Arbeitsplätze."

Die Autorin ist

freie Journalistin in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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