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Christoph Birnbaum
Kleiner Hebel, große Wirkung

DEVISENMARKT Wie das Spiel der Spekulanten funktioniert und warum wir letztlich fast alle Geschädigte und Nutznießer zugleich sind

Der Euro ist in Gefahr und die Politik hat die Schuldigen ausgemacht: Internationale Währungsspekulanten. Doch wer nach dem Gesicht dieser Spekulanten sucht, wird nicht so schnell fündig, wie es die markigen Worte von Politikern vermuten lassen. Kämpft die Politik gegen eine Chimäre?

Der bekannteste Devisenmarkt-Spekulant ist der Hedgefonds-Manager George Soros. 1992 zwang er die Bank von England in die Knie, als er massiv gegen das britische Pfund spekulierte. Er bediente sich damals so genannter Leerverkäufe, indem er sich am Devisenmarkt etliche Milliarden Pfund lieh. Diese verkaufte er sofort wieder in der Hoffnung, sich vor dem festgelegten Rückgabetermin wieder mit neuen Pfund zu einem niedrigeren Preis eindecken zu können. Die Rechnung ging auf, weil die milliardenschweren Verkäufe den Kurs des britischen Pfunds in den Keller drückten. Soros profitierte also von dem Kursverfall, den er selbst mitverursacht hatte. Großbritannien musste das Europäische Währungssystem, eine Vorstufe zur Eurozone, verlassen.

Was Soros damals unternahm, dient auch heute wieder als Blaupause für Spekulationen gegen den Euro. Nur ist es nicht mehr Soros, der den Bösewicht spielt, sondern zum Beispiel John Taylor, Gründer des weltweit größten Devisen-Hedgefonds "FX-Concepts LLC" in New York. Er verwaltet ein Vermögen von rund neun Milliarden Dollar. Taylor ist davon überzeugt, dass der Euro bis August dieses Jahres auf 1,20 Dollar fallen wird, am vergangenen Freitag stand er bei 1,2492 Dollar.

Topp, die Wette gilt

Neben Taylor taucht auch immer wieder der Name von John Paulson auf. Paulsen verdiente mit Wetten auf einen Zusammenbruch des US-Immobilienmarkts Milliarden. Spekulationen gegen Währungen laufen dabei vor allem über spezielle Terminmärkte, wie zum Beispiel die "Chicago Mercantile Exchange (CME)". Hier kann mit geringem Einsatz ein großes Rad gedreht werden. Die neuen synthetischen Finanzprodukte ermöglichen es, dass man mit dem Einsatz geringer Eigenmittel Produkte bewegen kann, die für ein riesiges Volumen stehen. Kleiner Hebel, große Wirkungen, nicht umsonst bezeichnet man diese Art von Geschäften auch als "Hebelgeschäfte".

Statistiken der amerikanischen Terminmarkt-Aufsichtsbehörde CFTC zeigen, dass in den vergangenen Wochen an der CME so viele Short-Positionen gegen den Euro aufgebaut wurden, wie nie zuvor. Von Short-Positionen spricht man, wenn man auf sinkende Kurse setzt. Anfang Dezember 2009 wurden rund 44 Millionen dieser Kontrakte gehandelt, Ende April 2010 waren es schon mehr als 120 Millionen. Einfacher ist es, direkt gegen Länder wie Griechenland, Portugal, Italien oder Spanien zu spekulieren, was ebenfalls den Euro schwächt. Dazu haben Spekulanten in den letzten Wochen Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) benutzt. Sie garantieren dem Besitzer eine Entschädigung, wenn ein Land seine Schulden nicht zurückzahlt. Steigt der Wert dieser CDS stark an, weil Hedgefonds mit ihnen spekulieren, wird dies als Zeichen gewertet, dass ein Staatsbankrott wahrscheinlicher wird. Die Folgen: Die Nachfrage nach CDS steigt - und Schuldenländer müssen auf neue Anleihen immer höhere Zinsen zahlen.

Aber sind Spekulanten die einzigen Profiteure der Euro-Krise? Nein, denn Banken, Investmentfonds, Pensions- und Staatsfonds gehören ebenfalls dazu. Sie alle investieren genauso in Hedgefonds wie Privatanleger. Und dann sind da noch die Lebensversicherungen, die ebenfalls ihr Geld in Hedgefonds anlegen, um eine gute Rendite zu erwirtschaften. Und deren Kunden sind wir alle.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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