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Michaela Hoffmann
»Links, liberal, konservativ«

JOACHIM GAUCK Ex-Bürgerrechtler will ein »Ermutiger« sein

Joachim Gauck ist einer, für den das Glas eher halb voll als halb leer ist. Egal, wie die Wahl am Ende ausgeht: "Ich werde dastehen und mich freuen, so wird es sein", sagte der Präsidentschaftskandidat von SPD und Grünen, als er sich am vergangenen Freitag der Presse vorstellte, mit Blick auf die Wahl am 30. Juni. Die schwarz-gelbe Mehrheit in der Bundesversammlung ist dem ehemaligen Chef der Stasi-Unterlagenbehörde sehr wohl bewusst. Dennoch will Gauck, der sich selbst als "linken liberalen Konservativen" bezeichnet, in den nächsten dreieinhalb Wochen bis zum Wahltag um Stimmen aus allen Parteien werben. "Ich habe in meinem Leben Ereignisse erlebt, die lange als unwahrscheinlich galten", sagt der 70-Jährige gelassen und präsentierte sich den Berliner Journalisten selbstbewusst als "Freiheitsbotschafter" ohne "parteiliche Zwänge".

Die Stasi im Nacken

Joachim Gauck ist in den vergangenen Jahren immer wieder für das höchste Amt im Staate gehandelt worden. Der Lebensweg des 1940 in Rostock geborenen Theologen ist von den Machenschaften der DDR und ihres Geheimdienstes geprägt. Als evangelischer Pfarrer, der schon vor 1989 durch kritische Predigten aufgefallen war, erlebte er, wie er selbst zum Objekt von Ausspähungs- und Disziplinierungsmaßnahmen wurde.

Die Wendezeit nutzte Gauck für die Aufarbeitung des Stasi-Erbes: Als Vorsitzender des Sonderausschusses zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR-Volkskammer gelang es ihm, im Sommer 1990 eine breite Mehrheit für ein Gesetz zur Öffnung der Stasi-Akten zu gewinnen, trotz Vorbehalten ausgerechnet im Westen.

Am 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung, übernahm Gauck dann die Leitung der bald nach ihm benannten Behörde. Der prominente Ex-DDR-Bürgerrechtler mahnte unablässig davor, einen Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit dem Stasi-Erbe zu ziehen. Gauck spricht vom "wunderbaren Glück, Teilnehmer einer Freiheitsrevolution" gewesen zu sein.

Das Thema "Freiheit" setzte der Vater von vier erwachsenen Kindern bei Vorträgen, Publikationen und Interviews immer wieder auf die Agenda, auch nachdem er im Jahr 2000 aus dem Amt ausschied. "Europa hat eine wunderbare Freiheitsgeschichte, aber sie darf nicht verkommen in Bequemlichkeit", sagte Gauck, der den Satz "Vor der Einheit kam die Freiheit" zu seinen Lieblingssätzen zählt. "Im Miteinander von Ermutigten sehe ich die Zukunftsperspektiven für mein Land", empfahl sich der über alle Parteigrenzen hinweg anerkannte Vordenker, den auch die Bundeskanzlerin sehr schätzt. In dieser Gewissheit geht Gauck auf die Wahl zu - und zwar in "fröhlicher Gelassenheit".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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