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Wolfgang Bauer
Erloschene Schlote bis zum Horizont

HAMHUNG Eine Reportage aus der »Stadt der Deutschen« in Nordkorea

Die Frau reißt ihren Mund auf, hebt ihren Arm und schreit. Inmitten des Menschenstroms drehen sich Passanten nach ihr um, wenden ihre Köpfe und sehen, auf wen sie zeigt. Entdecken den Ausländer auf der Straße und seine Kamera. Wie er die Stadtbewohner fotografiert, die in Kolonnen zu Fuß von den Feldern zurückkehren. Die ausgemergelt auf den Ladeflächen der wenigen Lastwagen stehen, Bauch an Bauch, aneinander geklammert, damit sie bei Bremsmanövern nicht herausfallen. Den Tag über haben alle auf den Äckern gegen die Hungersnot gekämpft. Die ganze Bevölkerung ist zum Ernteeinsatz aufs Land abkommandiert. Fabrikarbeiter, Lehrer, Ärzte. Es ist zweifelhaft, ob sie erfolgreich sein werden. Es droht wieder ein Massensterben, glauben internationale Hilfsorganisationen. "Wir sind glücklich!" steht auf riesigen Schriftzügen an der Straße. "Es gibt kein glücklicheres Volk!" Die Frau rennt auf den Fotografen zu, voller Wut, und in Jahrzehnten angestauter Hass droht sich zu entladen.

Vergessenes Kapitel

Der abgeschottetste Staat der Welt hat ein deutsches Reporter-Team einreisen lassen, als Geste des guten Willens, zur Verbesserung der zwischenstaatlichen Beziehungen. Eine Ausnahme, die selten gemacht wird. Nordkorea öffnet sich uns, einen kurzen Moment lang, misstrauisch und mit vielen Auflagen. Hier, wo man es am wenigsten erwartet, im Reich des "geliebten Führers" Kim Jong-il, sind wir unterwegs zu einem vergessenen Kapitel deutscher Geschichte.

Die Genehmigungsschreiben füllen eine Aktentasche, doch nun geraten unsere Betreuer in Schwierigkeiten. Auf Ausländer reagiert die Bevölkerung wie ein Organismus auf Krankheitserreger. Reflexartig jagt er seine Abwehrkräfte auf sie. Zu dritt suchen unsere staatlichen Begleiter die Menschentraube zu beruhigen. Wir setzen die Fahrt fort durch Hamhung, Nordkoreas zweitgrößte Stadt, 700.000 Einwohner, Sperrzone sonst, wichtigster Industriestandort, hermetisch abgeriegelt. Wir gehören zu den ersten Journalisten, die diesen Ort besuchen: Nordkoreas Stadt der Deutschen. Die Entfernung von Deutschland aus beträgt 8.500 Kilometer - im Jahr 1956 bedeutete das sieben Tage Flugzeit von Berlin über Minsk, Moskau, Sibirien und Peking, bis man schließlich in Pjöngjang landete. Im Grunde war es ein irrwitziges Unterfangen, über diese Distanz von der DDR aus den Bau einer Großstadt koordinieren zu wollen. Hamhung steht für das größte entwicklungspolitische Abenteuer Ostberlins. "Wir bauen euch eine Stadt auf!", hatte Ministerpräsident Otto Grotewohl dem sozialistischem Bruderland versprochen. Die Amerikaner hatten 450.000 Tonnen Bomben im Koreakrieg auf die Halbinsel geworfen, 90 Prozent der Siedlungsfläche Nordkoreas waren vernichtet. Die Sowjetunion half der Hauptstadt Pjöngjang wieder auf. Die zweitwichtigste Metropole delegierte sie an die DDR weiter - um ihr im Gegenzug noch ausstehende Reparationszahlungen zu erlassen.

Enttäuschte Hoffnungen

"Ich war begeistert", sagt Wilfried Lübke, 79, heute Ingenieur bei Hannover. "Ich konnte reisen. Mit Mitte 20 kam ich raus aus dem Gefängnis der DDR." Zwischen 1954 und 1962 errichteten er und 450 andere Techniker Wohnviertel, Industriegebiete, Theater, Schulen, Hotels, ein Freibad und Krankenhäuser. Lübke baute das Wasserwerk auf. "Ehrwürdiger Herr des Wassers", nannten ihn die koreanischen Genossen. "In Hamhung dachte ich zum ersten Mal, das kann funktionieren mit dem Kommunismus." Seine Meinung sollte er wenig später wieder revidieren. Hier aber, fernab der Heimat, herrschte unter den Ostdeutschen wenig Parteibonzentum, flache Hierarchien. Die DDR-Bürger hatten den Wunsch, aufzubauen, nachdem Deutschland so viel Zerstörung über die Welt gebracht hatte. Noch heute fährt man vierspurig auf der alten "Wilhelm-Pieck-Allee" in die Stadt. Noch immer ist sie von DDR-Plattenbau-Modellen flankiert.

Die Rektorin Kim Pil Sun bittet uns hinein. Die letzten Deutschen, sagt sie, sind 1988 vorbeigekommen. Zwei DDR-Fahnen stehen in ihrem Büro, ausgebleicht ein wenig, von Motten angefressen. Frau Kim hält sie für Deutschlandflaggen; um uns zu gefallen, lässt sie ihre Schüler damit drapieren. Der Bau der Mittelschule für 1.200 Jungs und Mädchen wurde 1956 durch Spenden der ostdeutschen Bevölkerung finanziert. Es war das erste Gebäude, das die "Deutsche Arbeitsgruppe" zwischen den Bombenkratern wiedererrichtete. Bis in die 80er Jahre unterhielt eine Dresdner Mittelschule eine Partnerschaft, das Kollegium spendete auch den Fahnenschmuck. "Leider haben wir lange schon nichts mehr aus Dresden gehört", bedauert Sun. Sie führt uns durch die Klassenzimmer wie durch einen überdimensionierten Adventskalender. Hinter jeder Tür sind sorgfältig Szenen für uns arrangiert. Die Chemie-Lehrstunde. Der Mathematik-Unterricht. Im Saal wartet ein 60-köpfiges Schulorchester. In Blusen und Röckchen singen die zierlichen Mädchen uns: "Wir hassen unsere Feinde!"

Drei Architekten sitzen in Kaderuniformen im alten Hauptquartier der "Deutschen Arbeitsgruppe", ein zweistöckiges Gebäudekarree, heute das Stadtplanungsamt. Zwischen 70 und 80 Jahre alt sind die Herren und arbeiteten vormals mit den DDR-Planern. "Wir fühlten uns unwohl, als die aus Deutschland kamen", bekennt einer von ihnen. "Die Bräuche sind verschieden. Das Aussehen. Und wir hatten noch nie Europäer gesehen." Man müsse alles mal dringend renovieren, stellt einer fest. "Der Mörtel platzt ab. Die Fensterrahmen verfallen. Der Wind zieht durch die Wohnungen." Die Partei werde sich aber im nächsten Jahr darum kümmern, fügt er noch an, mit Blick auf unsere Aufpasser. In den Gesprächen formen sich die Worte bisweilen unendlich langsam. Die Zunge der Architekten ertastet sie behutsam, prüft sie von allen Seiten, als seien es Klingen, als könne man sich an ihnen den Mund entsetzlich zerschneiden. Die größten Umerziehungslager Nordkoreas sollen im Osten von Hamhung liegen, nicht weit von der Stadt. Nummer 15, 16 und 22. Satellitenaufnahmen zeigen ausgedehnte Barackenareale, am Heimcomputer zu besichtigen bei "Google Earth". Überläufer erzählen viele grausame Details. Eine Sterbequote von angeblich 25 Prozent im Jahr. Die Wahrheit ist schwer zu erfahren, die Überläufer erdulden nach ihrer Flucht oft eine zweite Gehirnwäsche, die des südkoreanischen Sicherheitsapparats. Immer noch mahlen die Propagandamühlen beider Koreas unerbittlich. Es gibt Berichte, wonach in den Chemiebetrieben Hamhungs Kampfstoffe an Häftlingen getestet wurden. Das behauptet der geflohene frühere Leiter des Sicherheitsdienstes des Lagers 22. Er habe Menschen in Gaskammern sterben sehen. Seine Aussagen werden von internationalen Menschenrechtlern angezweifelt.

Ausfallende Zähne

Ein Symposium über Nanotechnologie gab es gestern in der Hochschule der Chemieindustrie. "Ausgesprochen interessant", sagt Direktor Lee Hwa Gyo. "Ich schlage Ihnen auf diesem Feld eine Kooperation mit deutschen Universitäten vor." Die Universität, ganz in weiß, imposante elf Stockwerke hoch, 2.500 Studenten, ist die einzige für Nordkoreas brachliegende Chemieunternehmen. An den Stadträndern von Hamhung erheben sich die Kadaver sozialistischer Ökonomie. Erloschene Schlote bis zum Horizont. Der Zusammenbruch des Comecon, der Wirtschaftsgemeinschaft des Ostblocks, nahm der Industrie alle Märkte, und US-Sanktionen sorgen dafür, dass keine neuen dazukommen. "Hauptstadt der Arbeitslosen", spotten Pjöngjanger über Hamhung, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, weil ja Arbeitslosigkeit offiziell in diesem Staat nicht existiert. "Von unseren Professoren haben viele in der DDR studiert", sagt der Direktor und lässt die Computerarbeitsräume besichtigen. Internetanschlüsse gibt es nicht - im ganzen Land nicht. Es heißt, die Masse der Nordkoreaner hätte keine Ahnung, dass der Mensch bereits auf dem Mond gewesen ist. Weil das Amerika glorifizieren könnte. Zum Abschied wünscht der Direktor mit festem Händedruck: "Betreten wir gemeinsam das Nanozeitalter!"

Den Arbeitern der Chemie-Hochburg fallen die Zähne aus, weil sich ihr Zahnfleisch entzündet. Es blutet und fault. Die Abgase in den Betrieben in Hamhung sind derart toxisch, dass sich selbst der "geliebte Führer" Kim Jong-il bei einer Betriebsbesichtigung der Düngemittelfabrik beeindruckt zeigte. Er löste das Problem vor 29 Jahren auf typisch nordkoreanische Weise. Er ließ nicht etwa die Arbeitsbedingungen verbessern, sondern beschloss den Bau der größten Zahnklinik des Landes. Die große Düngemittelfabrik im Industriegebiet, die Hamhung seit Jahrzehnten die Zähne zieht, produziert nur einen Bruchteil des Notwendigen. Dieser Engpass ist einer der Gründe, warum sieben Prozent der Nordkoreaner laut Uno Hunger leiden und 37 Prozent mangelernährt sind. Der Überlebenskampf der Menschen hat sich der Landschaft tief eingegraben. Bepflanzt wird um Hamhung alles, was Erde ist. Kartoffeln wachsen an Straßenrändern, Mais auf Bahndämmen; Bauern erklettern mit ihren Pflügen alpinistische Abgründe. Überall droht Erosion. Die Hänge rundherum wirken, als hätte man ihnen die Haut abgezogen, um sich an ihrem Eiter zu säugen. Das Wasserwerk des Herrn Lübke ist wie eh und je in Betrieb. Bis vor fünf Jahren liefen sogar noch Wilfried Lübkes alte Apparaturen, dann versagten die endgültig ihren Dienst.

Der Autor arbeitet unter anderem

für das Reportageressort des "Focus".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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