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Kai Portmann
Spielball fremder Interessen

GESCHICHTE Vor allem China hat Koreas Entwicklung geprägt. Anfänge datieren zurück bis 2333 vor Christus

Schon der Blick auf Koreas geografische Lage lässt erahnen, welche Mächte die Geschicke des Landes entscheidend geprägt haben. Die Halbinsel liegt im Brennpunkt zwischen China, Japan und Russland. Alle drei haben die Entwicklung Koreas wesentlich beeinflusst und Korea dabei oft zu einem Spielball ihrer Interessen gemacht.

Am Anfang der koreanischen Geschichtsschreibung steht die Gründung des legendären Reiches Choson, datiert auf 2333 vor Christus. Bereits im Laufe der nächsten Jahrhunderte gewann China Einfluss auf den nördlichen Teil der Halbinsel. Um 194 vor Christus floh der chinesische General Wei Man nach einem erfolglosen Aufstand aus seiner Heimat nach Korea und übernahm die Macht. China baute seine Position in Korea weiter aus und hatte dort schon bald vier Kommandanturen. Der Einfluss dieser Kolonien war enorm. Schon früh wurde die Gesellschaft geprägt vom Konfuzianismus und vom Buddhismus, die die Vorposten des großen Nachbarn ins Land brachten. Als Chinas Kolonien in der Bedeutungslosigkeit versanken und im ersten nachchristlichen Jahrhundert aus Stammesgemeinschaften die ersten Reiche rein koreanischen Ursprungs entstanden, war Chinas Einfluss auf die Kultur Koreas damit keineswegs gebrochen. Im Gegenteil, die drei konkurrierenden Reiche auf der koreanischen Halbinsel nahmen in der Hoffnung, die einheimischen Rivalen auszustechen, begierig alles auf, was chinesische Flüchtlinge nach dem Zusammenbruch der Han-Dynastie im Jahr 220 nach Christus in ihrer Heimat mit ins Land brachten. Neben dem Konfuzianismus und dem Buddhismus gewannen so auch Chinas Staatslehre und Bürokratie an Popularität in Korea.

Chinesen wurden verdrängt

Das Reich Silla am südöstlichen Zipfel Koreas behielt schließlich um das Jahr 660 die Oberhand, nachdem es sich mit der chinesischen Tang-Dynastie verbündet und Koguryo und Paeckche unterworfen hatte. Silla etablierte sich im Jahr 668 als eigenständiger Staat, der weite Teile Koreas unter sich vereinte. Dem neuen Königreich gelang es sogar, die Chinesen zu verdrängen, die sich nur zu gern wieder als Kolonialmacht breit gemacht hätten. Silla blieb dem starken Nachbarn aber tributpflichtig und die jährlichen Reisen von Tribut-Delegationen nach China verstärkten die Anlehnung Koreas an das Reich der Mitte. "Silla wurde zu einem durch und durch buddhistischen Land, und politisch wurde es in eine kleine Tang-Dynastie umgeformt - es wahr wohl die originalgetreueste der vielen Nachbildungen des großen chinesischen Staates", meinte einmal der US-Diplomat und Asien-Experte Edwin O. Reischauer.

Ende des 8. Jahrhunderts aber zeigte Silla Auflösungserscheinungen, als Machtkämpfe in der Regierung ausbrachen, denen die Institutionen nichts entgegenzusetzen hatten. Aufstände flammten auf, das Reich Silla zersplitterte. Der Feldherr Wang Kon schließlich brachte 935 ganz Korea unter seine Hoheit und gründete den Staat Koryo, aus dem sich die heutige Bezeichnung Korea ableitet. Das neue Reich, das bis 1392 hielt, stützte sich auf chinesische Staatsstrukturen. Doch die koreanische Gesellschaft war deutlich stärker strukturiert nach Erbklassen als die chinesische, ein Umstand, der mit zum Untergang von Koryo beitrug. Denn wachsende Spannungen zwischen Landbesitzern und der militärischen Aristokratie untergruben zunehmend die zentrale Gewalt der Regierung. Zudem mussten sich die Koreaner immer wieder schon im 10. Jahrhundert Angriffen des Kitan-Volkes aus dem Norden erwehren. Im frühen 13. Jahrhundert verbreiteten dann die Mongolen Angst und Schrecken in Asien. 1231 brachten sie Korea unter ihre Gewalt. Koryo unterwarf sich den Eroberern und richtete sich als Protektorat unter deren Herrschaft ein. Die Mongolen zwangen die Koreaner zur Waffenhilfe im Kampf gegen die Japaner, ein Umstand, unter dem vor allem das gemeine Volk zu leiden hatte. Der mongolische Einfluss schwand mit dem Untergang der Mongolen-Herrschaft in China. Chinesische Rebellen drangen in den Norden Koreas ein. Den Streit im Herrscherhaus, auf wessen Seite sich Korea nun stellen sollte, auf die chinesische oder die mongolische, entschied dann ein General namens Yi Songyue. Ausgesandt, gegen die Chinesen zu kämpfen, gab er das hoffnungslose Unterfangen auf, setzte den König ab und übernahm selber 1392 den Thron als Herrscher der neuen Yi- oder Joseon-Dynastie.

Kulturelle Eigenheiten bewahrt

Unter seiner Ägide begann eine Zeit der noch engeren Anlehnung an China, ausgedrückt durch Koreas Status als tributpflichtiger Staat für das Reich der Mitte. Nicht nur der Konfuzianismus erlebte eine Blüte, auch die politischen Strukturen - inklusive des Prüfungssystems zur Auswahl der Staatsbeamten - wurden unter der Yi-Dynastie noch stärker dem chinesischen Vorbild angepasst. Dennoch bewahrte sich Korea, das dem mächtigen Nachbarn in der wirtschaftlichen Entwicklung weit hinterher hinkte, kulturelle und gesellschaftliche Eigenheiten, angefangen von Baustilen über die Kleidung bis hin zur nationalen Küche. Doch auch in der Yi-Dynastie begannen nach einer kulturellen Blüte des Landes bald Fraktionskämpfe in der herrschenden Klasse.

Das wiedererstarkte Japan schließlich brachte den koreanischen Staat ins Wanken. Als Korea sich weigerte, Japan bei einer Invasion Chinas zu unterstützen, eroberten japanische Truppen kurzerhand die koreanische Halbinsel. Chinas Ming-Herrscher aber kamen den Koreanern zu Hilfe, und die Japaner zogen sich 1606 zurück. Doch nur zwei Jahrzehnte später fielen die Mandschus in Korea ein und unterwarfen die Koreaner ihrer in China errichteten Qing-Dynastie. Die Fremdherrschaften schwächten den koreanischen Staat, das System zeigte zunehmend Auflösungserscheinungen, Aufstände flackerten überall im Lande auf. Eine Politik der Abschottung auch gegenüber westlichen Mächten, die zunehmend in China Fuß fassten und deren Kriegschiffe auch vor der Küste Koreas Scharmützel provozierten, blieb erfolglos. Japan war es letztendlich, das Korea zur Öffnung zwang. Unter dem Druck japanischer Kriegschiffe unterzeichnete Korea im Februar 1876 einen ungleichen Vertrag und gab drei Häfen - Pusan, Inchon und Wonsan - für den Handel mit den Japanern frei. In den folgenden Jahrzehnten sah sich Korea konfrontiert mit einer Welle ausländischer Einflüsse - eine Situation, auf die das Land nicht vorbereitet war, denn zu lange hatten sich die Herrscher der Halbinsel unter der Schutzherrschaft Chinas abgekapselt. Nun aber rangen im Inneren verschiedene Reformer-Fraktionen miteinander, während von außen Truppen aus Japan und China, Diplomaten aus Russland, Großbritannien und den USA sowie christliche Missionare eindrangen. Korea reagierte hilflos auf die Herausforderungen. Als Japan im russisch-japanischen Krieg 1904/05 die Oberhand behielt, machte es Korea zunächst zu einem Protektorat, um es dann sechs Jahre später komplett zu annektieren. Korea wurde eine japanische Kolonie. Japan beutete Korea wirtschaftlich aus und unterdrückte nationale koreanische Strömungen, die 1919 in einer "Unabhängigkeitserklärung" hunderttausender Demonstranten gipfelten, mit brutaler Gewalt. Der Druck nahm zu, je näher der Zweite Weltkrieg rückte. Koreaner mussten schließlich sogar in der japanischen Armee dienen, ihre eigene Muttersprache wurde verboten. Nach der Niederlage und der Kapitulation Japans im August 1945 besetzten sowjetische Truppen den Norden Koreas, während die USA den Süden übernahmen. Getrennt durch den 38. Breitengrad entwickelten sich zwei Staaten, deren Wiedervereinigung bis heute nicht abzusehen ist.

Der Autor ist Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur in Singapur.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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