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Anne Schneppen
Bilaterale Beziehungen zu dritt

DEUTSCHLAND UND KOREA Die deutsche Wiedervereinigung ist kein Muster, das man kopieren kann. Aber man kann aus Erfolgen und aus Fehlern lernen

Wer von deutsch-koreanischen Beziehungen spricht, sollte bei "Korea" immer im Plural denken. Notgedrungen. Denn anders als bei "normalen" bilateralen Beziehungen sind es im Fall Korea eigentlich trilaterale. Sie sind Folge der unnatürlichen Teilung dieser Nation. Die historische Parallele der deutschen Teilung liegt auf der Hand. Während sich jedoch auf der koreanischen Halbinsel der geteilte Zustand erhalten hat, konnte er im Herzen Europas überwunden werden. Diese Entwicklung hat in Südkorea große Beachtung gefunden, entsprach sie doch dem Ziel der eigenen Politik, die mit Nachdruck die Wiedervereinigung proklamierte. Aber die deutsche Vereinigung und ihre wirtschaftlichen Konsequenzen haben auch Befürchtungen verstärkt, den Folgen einer koreanischen Wiedervereinigung nicht gewachsen zu sein.

Vereinung nicht unkalkulierbar

Sicher ist das deutsche Beispiel kein Muster, das man einfach kopieren könnte. Aber man kann nicht nur aus Erfolgen, sondern auch aus Fehlern anderer lernen. Horst Teltschik, als rechte Hand von Helmut Kohl maßgeblich an dessen Deutschlandpolitik beteiligt, hat 2005 "mögliche Schlussfolgerungen" für Korea formuliert: Die Vereinigung sei nicht kalkulierbar und man müsse sich alle Optionen offen halten. Ziel Südkoreas solle es sein, politisch wie wirtschaftlich zu einem attraktiven Modell für ganz Korea zu werden. Notwendig sei es, dass der Einigungsprozess friedlich verlaufe. Dialog, nicht Konfrontation müsse die Antwort auf die Politik Nordkoreas sein. Politisch warnt Teltschik vor einer sofortigen Systemübertragung - die würde am Ende beide Seiten überfordern. Das aber setzt das Szenario eines gesteuerten Übergangs, nicht eines gewaltsamen Wechsels, voraus. In welcher Form sich schließlich die "Götterdämmerung" des nordkoreanischen Regimes vollzieht, ob durch Evolution oder Revolution, ist schwer zu bestimmen, aber der Wechsel des Regimes wird wohl auch den Weg zur nationalen Einheit ebnen.

Korea kann sich bei diesem Prozess deutscher Sympathien sicher sein. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Korea haben eine historische Dimension. Der Kaufmann Karl Friedrich August Gützlaff betrat 1832 als erster Deutscher koreanischen Boden, ohne jedoch dort Handel treiben zu dürfen. Willkommen war Jahrzehnte später Paul Georg von Möllendorff, der als Berater des koreanischen Königs zwischen 1882 und 1885 wichtige Beiträge zur Modernisierung des Landes leistete. Zur gleichen Zeit (1883) wurde der erste Handels- und Freundschaftsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und dem Königreich Korea abgeschlossen. Aber diese Beziehungen wurden 1910 durch die japanische Annexion Koreas gewaltsam unterbrochen. Erst 1957 wurde eine deutsche Gesandtschaft in Seoul errichtet, die ein Jahr später in eine Botschaft umgewandelt wurde.

Beziehungen zwischen der DDR und Nordkorea waren dagegen schon 1949 aufgenommen worden. Sie führten zu engeren politischen Kontakten, die allerdings durch die Differenzen zwischen China und der Sowjetunion beeinträchtigt wurden. Das Ende der DDR bedeutete auch das Ende der Beziehungen mit Nordkorea. Aber der Errichtung einer Interessenvertretung der Bundesrepublik Deutschland im Gebäude der ehemaligen DDR-Botschaft im Januar 1991 folgte im März 2001 die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Im Rückblick wird man feststellen müssen, dass sich die Erwartungen, die sich mit diesem Schritt verbanden, kaum erfüllt haben. Doch wie anderen Staaten sind auch den Aktivitäten der deutschen Botschaft sehr enge Grenzen gesetzt. "Normale Beziehungen" sehen anders aus.

Dagegen haben sich die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Südkorea sehr positiv entwickelt, auch wenn sie lange Belastungen unterworfen waren. So hat sich die Entwicklung der Bundesrepublik zu Rechtstaat und Demokratie schneller und konsequenter vollzogen. Zeitweise hat die Entführung koreanischer Bürger durch die südkoreanische Geheimpolizei auf deutschem Boden die Beziehungen stark in Mitleidenschaft gezogen. Andererseits konnte die von Kim Dae-jung verkörperte koreanische Opposition in der Bundesrepublik mit Sympathie und Unterstützung rechnen. Die Demokratisierung Südkoreas hat, zwar spät, aber gründlich, das Verhältnis beider Staaten auch politisch normalisiert. Der Staatsbesuch, den Kim Dae-jung als Präsident im Jahr 2000 dem inzwischen wiedervereinigten Deutschland abstattete, war Ausdruck dieser Entwicklung.

Teilungen

Die Politik hatte damit eine Entwicklung nachgeholt, die sich in der Wirtschaft seit längerem vollzogen hatte. Wirtschaftlich war Südkorea mit seinem Beitritt zur OECD bald in die Spitzengruppe der Industriestaaten vorgerückt. Im Handel Koreas mit der EU steht die Bundesrepublik an erster Stelle. Es wird kaum einen deutschen Haushalt geben, der nicht über mindestens ein Gerät "Made in South Korea" verfügt. Ist die wirtschaftliche Bilanz beider Länder annähernd ausgewogen, so wird das kulturelle Verhältnis durch ein großes Ungleichgewicht bestimmt. Anders als in Deutschland ist Korea von einem engen Netz bilateraler Gesellschaften überzogen. Jährlich studieren etwa 5.000 Koreaner an deutschen Universitäten, aber nur wenige Deutsche an koreanischen Hochschulen. Mehr als 30.000 Koreaner leben in Deutschland.

Hier verdienen die vielen "Gastarbeiter" Erwähnung, die seit den 1960er Jahren durch Einsatz und Anpassung zum positiven Koreabild in Deutschland beitragen. Korea ist weiter von Deutschland entfernt als Deutschland von Korea - dies gilt insbesondere für die Kenntnisse, die die Menschen voneinander besitzen. Diese Asymmetrie der Erfahrungen ist eine Herausforderung für beide Seiten. Eine in der Geschichte der Teilungen erwachsene Sympathie ist, trotz Asymmetrien und geografischer Ferne, freilich ein guter Katalysator für die Beziehungen.

Die Autorin war von 1997 bis 2007 als Korrespondentin der "Frankfurter

Allgemeinen Zeitung" zuständig für Japan, Korea und Taiwan. Inzwischen arbeitet sie frei aus Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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