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Sophie Mühlmann
Das ideologische Bollwerk

MAUER Die nordkoreanische Propagandamaschine pflegt das Märchen vom Betonwall

Alle Jahre wieder hat Nordkorea einen großen Neujahrswunsch: "Reißt die Mauer nieder!" Die Staatsführung des stalinistischen Staates beschwört die Zerstörung der massiven Betonwand quer durch die koreanische Halbinsel, einer Art zweiten Berliner Mauer, die den Norden vom Süden trennt; ein letzter Eiserner Vorhang zwischen dem kommunistischen Staat und seinem kapitalistischen Bruderland. Der Wunsch wird niemals Wirklichkeit - vor allem deshalb, weil es so eine Mauer nie gegeben hat.

Zwar werden die beiden Koreas von einer vier Kilometer breiten demilitarisierten Zone getrennt, die von Stacheldrahtzäunen auf beiden Seiten geschützt ist, aber eine massige Betonmauer ist reine Erfindung.

Allerdings hat die Propagandamaschinerie ganze Arbeit geleistet: Jedes Kind in Nordkorea weiß, wie die imaginäre Mauer aussieht, die angeblich von Südkorea und den USA errichtet wurde: Sie sei über 240 Kilometer lang, an der Basis ca. 13 Meter breit, zwischen 5 und 8 Meter hoch und mit Schießscharten ausgestattet.

Krimineller Akt

Und die Erklärung dafür, warum in Südkorea keiner davon weiß, wird auch gleich mitgeliefert: Auf der Nordseite falle die Mauer senkrecht ab, auf der Südseite dagegen habe die Mauer nur eine sanfte Steigung und sei bewachsen - daher sei sie vom Süden aus praktisch nicht zu sehen. Pjöngjangs ehemaliger Botschafter in China, Chu Chang Jun, forderte schon vor über zehn Jahren in einer Pressekonferenz den sofortigen Abriss dieser "verfluchten" Betonmauer, "die unsere Nation, die Generation für Generation in Harmonie gelebt hat, künstlich teilt" und die "in einem niemals zu entschuldigenden kriminellen Akt" als "Brückenkopf für eine Invasion des Nordens" errichtet worden sei. Das nordkoreanische Militär zeigt interessierten Touristen immer wieder gern Stücke dieser angeblichen Mauer. Dabei aber handelt es sich höchstwahrscheinlich um nichts weiter als einzelne Panzersperren aus Beton.

Die Reiseführer aus Pjöngjang können sehr überzeugend sein: Der holländische Dokumentarfilmer Peter Tetteroo hat ihnen geglaubt und zeigt sogar Filmmaterial der angeblichen Mauer gedreht.

Die absurde Neujahrstradition begann bereits zu Lebzeiten des Staatsgründers Kim Il Sung. Der hatte 1989, wenige Wochen nachdem die Berliner Mauer gefallen war, flugs ein neues ideologisches Bollwerk erfunden - wohl um so schnell wie möglich kommunistische Verbündete auf den Plan zu rufen. Schließlich hatte die Sowjetunion, Nordkoreas alter Gönner, gerade diplomatische Verhandlungen mit Seoul aufgenommen.

Die Behauptung wurde von Nordkoreas Propagandabeamten brav aufrecht erhalten. Bis heute wagt es nämlich niemand, den wie einen Gott verehrten Führer zu korrigieren. Und so werden Nordkoreas Zeitungen auch dieses Jahr, wie zuvor auch wieder schreiben: "Die Mauer muss endlich verschwinden."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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