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Martin Fritz
»Genosse Kim wird immer bei uns sein«

KIM IL-SUNG Er herrschte fast 50 Jahre über Nordkorea. Noch heute ist er mit 30.000 Statuen im ganzen Land allgegenwärtig

Täglich pilgern Tausende zum gigantischen Mausoleum von Kim Il-sung im grünen Teil der Hauptstadt Pjöngjang. Lange Laufbänder führen die Menschen an das Grab heran, die Männer im besten Anzug, die Frauen im traditionellen Kostüm. In Dreierreihen schreiten sie zu einer zwölf Meter hohen Statue von Kim Il-sung, die in väterlicher Pose auf das Volk herabblickt.

Die nächste Halle ist feucht, kühl und abgedunkelt. Dort wartet der Sarg mit dem präparierten Leichnam unter einem großen Glaskasten. Gesicht und Hände leuchten wächsern im Lampenlicht. Soldaten regulieren das Tempo der Menschen, die um den Sarg schreiten. Auf jeder Seite verbeugen sie sich tief. Frauen schluchzen, Männer trocknen sich die Augen, bewegt von der Begegnung mit dem Leichnam des Mannes, der fast 50 Jahre lang über Nordkorea herrschte. In der nächsten Halle, dem Tränensaal, wird den Besuchergruppen die Bedeutung von Kim Il-sung erläutert. Als Deutscher bekommt man die Erklärung aus einem kleinen Hörgerät: "Präsident Kim Il-sung ist der Gründer des sozialistischen Korea und hat damit eine neue Welt geschaffen, in der das Volk als das Größte betrachtet wird. Er ist die Sonne der Menschheit", heißt es auf der Aufzeichnung. "Er sorgte bis zum letzten Tag seines Lebens für unser Land, erhellte die Zukunft der Revolution, so wie die Sonne scheint und der ganzen Natur Licht und Wärme gibt."

Eltern waren Protestanten

Wer war dieser gottgleich verehrte Kim Il-sung? Die offiziellen Antworten sind voller Anmaßungen und Legenden. Kim Il-sung sei der Sieger zweier Kriege, die persönliche Verkörperung der koreanischen Revolution, der Begründer der Chuch'e-Orientierung der Weltrevolution, der Umformer der Gesellschaft, Natur und Menschen, lobte ein Politbüro-Mitglied von Nordkoreas Kommunistischer Partei den damaligen Staatschef im April 1988. Er habe das Vaterland von den japanischen Kolonialherren befreit und die US-Imperialisten besiegt, zitierte der damalige DDR-Botschafter in Pjöngjang, Hans Maretzki, aus einem Brief an die Parteimitglieder. Historisch gesichert ist, dass der "Große Führer" am 15. April 1912 als Kim Song-chu nahe Heijo im japanischen besetzen Korea geboren wurde. Der Vater war Lehrer und die Eltern gläubige Protestanten. 1920 siedelte die Familie in die Mandschurei um. Dort schloss sich der junge Kim anti-japanischen Partisanen an und gelangte unter seinem Kampfnamen Kim Il-sung ("Sonne") zu einiger Bekanntheit in der Heimat. Während des Weltkrieges lebte Kim mit koreanischen Exilanten im russischen Chabarowsk. Nach der Kapitulation von Japan kam er mit den Sowjets, die gemäß dem Jalta-Abkommen den Norden Koreas besetzten, nach Pjöngjang.

Erster Ministerpräsident

Mit Hilfe seiner sowjetischen Förderer und seinem großen Machtinstinkt wurde Kim Il-sung bald Chef der nordkoreanischen KP, Vorsitzender des Provisorischen Volkskomitees und schließlich erster Regierungschef. Nach Säuberungen in Partei und Verwaltung rief Kim am 9. September 1948 die Demokratische Volksrepublik Korea aus und wurde erster Ministerpräsident von Nordkorea. Nur knapp zwei Jahre später begann er den Korea-Krieg, nachdem er Stalin von dem Angriff überzeugt hatte. Es dauerte aber bis Mitte der fünfziger Jahre, bevor Kim alle innerparteilichen Rivalen ausgeschaltet hatte.

Als Ziele seiner Politik proklamierte Kim Il-sung Autarkie und Unabhängigkeit, auf koreanisch Chuch'e.

Zum einen beutete Kim das große Bedürfnis der Koreaner nach Selbstbehauptung in einer feindlichen Umwelt aus. Wie eine Garnele unter Walen hatten sich die koreanische Reiche zwischen den Riesen China und Japan immer gefühlt. Nach der Befreiung vom japanischen Kolonialjoch standen schon wieder ausländische Mächte auf koreanischem Boden. Im Norden ist die Erinnerung an die vorübergehende brutale Besetzung durch die US-geführten UN-Truppen bis heute lebendig. Die Feindbilder Japan und USA bestimmen daher immer noch die Propaganda.

Zum zweiten spiegelt das Kimsche Herrschaftsystem die konfuzinanischen Traditionen der Königreiche im mittelalterlichen Korea wider. Nordkorea war zwar industrialisert, aber es gab keine Basis für eine proletarische Revolution. Die Kapitalisten und Landbesitzer waren in den Süden geflüchtet. Der Konfuzianismus, der Familie und Hierarchie als Werte hochhält, war viel tiefer verankert als das Klassendenken. "Nordkorea ist einem konfuzinanischen Königreich näher als dem russischen Stalinismus", betont der US-Historiker Bruce Cumings. Diesem Denken nach ist die Nation wie ein lebendiger, in sich harmonischer Organismus. Die Ordnung der Welt hängt von den Tugenden und Weisheiten ihres Führer ab. Hier hatte der Kult um die Person Kim Il-sung seinen Ursprung. Schon in den ersten Monaten nach seiner Machtübernahme tauchten Fotos und Plakate mit Geschichten auf, die Kim Il-sung als "weise, klarsichtig, herrlich" schilderten. Bereits 1947 beschrieben Artikel Kim als "Sonne der Nation" und "schönen roten Stern am Himmel", der alles mit "brillianten, wissenschaftlichen Methoden" anleite.

Heute ist Kim Il-sung mit 30.000 Statuen im ganzen Land allgegenwärtig. Jeder von ihm jemals besuchte Ort ist durch eine Tafel markiert, auf der seine Anweisungen Wort für Wort festgehalten sind. In Kindergärten und Schulen, in Kollektiven und Parteigruppen müssen sich die Menschen täglich mit seinem Leben und seiner Lehre beschäftigen. Jeder Beamte und Genosse trägt sein Bild als Anstecker an der Kleidung. Auf ungezählten Berghängen, Bannern und Schildern lesen die Nordkoreaner in großen Lettern: "Genosse Kim wird immer bei uns sein." Seit 1998 ist Kim auch der "ewige Präsident" von Nordkorea.

In der Rückschau hat Kim tatsächlich einiges erreicht, was über die Indoktrination hinaus die Verehrung zumindest teilweise erklärt. Immerhin gelang Nordkorea nach dem verlorenen Korea-Krieg ein eindrucksvoller Wiederaufbau. Bis in die 1980er Jahre wird Pjöngjang als eine Vorzeigestadt in Asien beschrieben, obwohl dort jedes feste Gebäude von amerikanischen Bombern zerstört worden war. Technisch und wirtschaftlich blieb Nordkorea dem Teilstaat im Süden lange Zeit voraus. Noch 1976 war das Pro-Kopf-Einkommen in beiden Landesteilen ungefähr gleich. Für die meisten Nordkoreaner gab es genug zu essen, Arbeit und eine Wohnung. Es wurde viel in Bildung investiert und die Gleichstellung von Männern und Frauen gefördert.

Doch dieser bescheidene Wohlstand war nicht allein den Leistungen des koreanischen Sozialismus geschuldet, sondern vor allem der geschickten Schaukelaußenpolitik von Kim Il-sung, der China und die Sowjetunion gegeneinander ausspielte, um seine Wirtschaft am Laufen zu halten und seine politische Unabhängigkeit zu bewahren. Nach 1989 und dem Ende des Comecon-Wirtschaftsblocks ging es mit Nordkorea rapide bergab, weil kein bargeldloser Warenhandel mehr möglich war. Niemand ist in Nordkoreas Machtzirkeln daher bis heute so verhasst wie Michail Gorbatschow.

Als Kim Il-sung am 8. Juli 1994 im Alter von 82 Jahren an einem Herzinfarkt starb, erlebte die Welt über die Kameras von CNN in Pjöngjang einen hysterischen Ausbruch an Trauer: Millionen strömten in die Straßen, rissen sich an ihren Haaren, schlugen mit den Fäusten auf den Boden und weinten über den Tod ihres "großen Führers". Erst nach einer dreijährigen Trauerperiode übernahm sein ältester Sohn Kim Jong-il offiziell das Zepter der Macht. Ganz in konfuzianischer Tradition hatte Kim ihn rechtzeitig als Erben eingesetzt.

Der Autor ist Ostasien-Korrespondent u.a. für "die tageszeitung" (taz).

Aus Politik und Zeitgeschichte

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