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Camilla Landbö
Schwulen wird der Wunsch nach Ehe und Kindern erfüllt

ARGENTINIEN Nach 14-stündiger leidenschaftlicher Debatte grünes Licht vom Senat: Gaucho-Staat als Vorreiter in Amerika

Müde Gesichter sehnten die Abstimmung herbei. Seit rund 14 Stunden debattierten die Senatoren über eine besonders schwierige Frage im stark katholisch geprägten Argentinien: Soll die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert werden, ja oder nein? In einem Saal daneben verfolgten soziale Bewegungen und Homosexuelle die Ausführungen der Parlamentarier, jubelten oder buhten, je nach Beitrag. Draußen auf dem Platz vor dem Kongresshaus in Buenos Aires warteten am 14. Juli bei Eiseskälte tausende Befürworter auf "den historischen Moment", wie sie ihn später nannten. Kurz nach vier Uhr in der Früh war es soweit: 33 Senatoren stimmten für die Legalisierung, 27 dagegen, zwölf waren entweder nicht erschienen oder enthielten sich. Vor dem Kongress brachen Jubel und Tränen aus.

Erste Hochzeiten

Argentinien ist damit das erste Land auf dem amerikanischen Kontinent, das eine standesamtliche Trauung von Homosexuellen erlaubt. Im Zivilgesetzbuch werden künftig die Wörter "Mann und Frau" durch das Wort "Ehepartner" ersetzt. Sie dürfen künftig im Falle des Todes ihres Partners erben und gemeinsam ein Kind adoptieren. Vor der Zustimmung des Senats hatte im Mai schon die Abgeordnetenkammer grünes Licht gegeben.

Bereits im vergangenen halben Jahr kam es in Argentinien zu neun gleichgeschlechtlichen Eheschließungen. Alle Paare verheirateten sich aufgrund richterlichen Beschlusses. Das Glück währte jedoch nicht lange: Andere Richter erklärten die Trauungen für "verfassungswidrig".

Die Kirche sprach von einem "Krieg Gottes" gegen den "Neid des Teufels". Die Familie müsse vor einem "destruktiven Streben" beschützt werden, sagte etwa Erzbischof Jorge Bergoglio. Eltern sammelten an katholischen Schulen mehr als 600.000 Unterschriften gegen das Gesetz, die Kirche forderte eine Volksabstimmung. Zu einer "Ehe zwischen Mann und Frau" riefen nicht nur die Katholiken auf, auch Evangelikale und Muslime marschierten protestierend vors Parlament. Mehrmals appellierte Bergoglio an die Senatoren, gegen die Homo-Ehe zu stimmen. Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner dagegen nannte die Gleichstellung ein Menschenrecht. Gesetzes-Befürworter und Fraktionschef der regierenden Partei Frente para la Victoria, Miguel Pichetto, beschimpfte in der Debatte die erzkonservative Senatorin Liliana Negre de Alonso als Nazi. Der Oppositionelle Luis Juez beteuerte in seiner Rede, dass er zwar ein Anhänger der Jungfrau Maria sei, dennoch aber für die "Homo-Ehe" stimme: "Ich habe in der Bibel keinen einzigen Paragraphen gefunden, worin sich Christus über Homosexuelle erzürnt", begründete er sein Votum.

Das Hauptargument der Gegner war "die natürliche Ordnung", die eingehalten werden müsse. Die Ehe und Familiengründung beschränke sich nunmal auf Mann und Frau. Anhänger und Gegner fanden sich in allen politischen Lagern.

Nach der Abstimmung wurde sowohl von Seiten der Kirche als auch seitens der Regierung Kritik laut: Im Vorfeld sei auf die Senatoren viel Druck ausgeübt worden, hieß es.

Präsidentin Kirchner zeigte sich indes "sehr zufrieden" über das Abstimmungsresultat. Und ihr Ehemann, Argentiniens Ex-Präsident Néstor Kirchner, erteilte der Kirche noch am selben Tag einen Rat: Sie solle sich "modernisieren und die alten Sünden nicht wiederholen".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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