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ORTSTERMIN: AUSZEICHNUNG FÜR POLEN-AKTIVISTEN
Tatjana Heid
»Die Druckerpresse allein hätte uns fünf Jahre gebracht«

"Nur mit Wind, mit Zeit und mit Klang" - diese Zeile von Ingeborg Bachmann hängt in einem der Empfangsräume im Bundestag. Sie stammt aus dem Gedicht "Exil". Ein Gedicht mit historischer Bedeutung: Oft gab es in der Geschichte Menschen, die aus ihrem Land flüchteten oder sich in der Heimat so verloren fühlten wie im Exil. So erging es vielleicht auch Bronislaw Komorowski (im Bild ganz rechts), kurz bevor er sich dem Solidarnosc-Aufstand gegen die kommunistische Herrschaft in Polen anschloss. Am vergangenen Freitag führte ihn sein Antrittsbesuch als neugewählter Präsident Polens in den Bundestag, in jenen Raum mit Bachmanns Textzeile.

Zusammen mit Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) verlieh Komorowski dabei zehn Deutschen die Dankbarkeitsmedaille des Europäischen Zentrums der Solidarität in Danzig. Die Auszeichnung wurde zum 30-jährigen Jubiläum der Solidarnosc-Bewegung ins Leben gerufen und geht an Nicht-Polen, die das Land im Kampf um seine Freiheit unterstützten. Die freie Gewerkschaft Solidarnosc entstand 1980 und trug in Polen zur politischen Wende bei.

Für Lammert und Komorowski war es ein Treffen unter Freunden: In seiner dreijährigen Amtszeit als Präsident des polnischen Parlaments besuchte Komorowski Deutschland sechsmal, er nennt den Bundestagspräsidenten seinen "Freund Norbert". Und auch Lammert betont die "langjährige persönliche Freundschaft, die Ausdruck einer stabilen und immer tieferen Verbundenheit zwischen unseren Ländern ist". Bei der Medaillenverleihung standen beide Männer vor der polnischen, der deutschen und der europäischen Flagge: Zeichen des neuen, gemeinsamen Weges. "Es eröffnen sich immer neue Möglichkeiten", sagt Komorowski. Auch wenn Deutschland und Polen eine schwierige Geschichte miteinander teilten, seien sie doch jetzt Teil einer "positiven Schicksalsgemeinschaft". Gemeinsam könne man noch mehr erreichen.

Die Empfänger der Medaille haben es vorgemacht: Da ist Roland Jahn, der 1982 in der DDR verhaftet wurde, weil er auf einem Fahrrad mit der polnischen Fahne und der Aufschrift "Solidarität mit dem polnischen Volk" durch Jena fuhr. Da ist Elisabeth Weber, die der polnische Botschafter "eine Legende" in der Beziehung der beiden Staaten nennt. Sie war Osteuropa-Expertin der Partei Die Grünen und Aktivistin des deutschen Komitees "Solidarität mit der Solidarnosc". Und da ist Wolfgang Templin, der derzeit in Warschau lebt. Als einer der Protagonisten der antikommunistischen Bewegung der DDR veröffentlichte er in der Zeitschrift "Grenzfall" Artikel über Polen. Alle Preisträger haben sich einen weißen Button angeheftet, auf dem der rote Schriftzug der Solidarnosc prangt. Gemeinsam mit Komorowski und Lammert gehen sie nach der Verleihung der Medaillen zu dem Mauerrest der Danziger Lenin-Werft - ein Geschenk des polnischen Seym an den Bundestag. Es steht seitdem an der Nordwest-Ecke des Reichstages.

Als sich der Trubel lichtet, bleibt Wolfgang Stock noch eine Weile neben dem Mauerfragment stehen. Auch er ist Preisträger, hält die Medaille noch in den Händen. In 43 Sprachen steht da das Wort "Danke". Als Student hat Stock Kleidung, Lebensmittel und Medikamente für die Familien polnischer Oppositioneller nach Polen gefahren. Bei der Hinfahrt auch dabei: Druckmaschinen für die Untergrundpresse. Auf dem Rückweg wurden Flugblätter mitgenommen. Ein gefährliches Unterfangen: "Die Druckerpresse allein hätte uns fünf Jahre gebracht", sagt Stock. Doch andere seien wesentlich mutiger gewesen. Er als Wessi habe schließlich darauf hoffen können, dass die Regierung ihn irgendwann herausholt. "Es ging um Freiheit. Wir alle träumten von einem Europa ohne Kommunismus." Ein Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Die Verbindung zu Polen ist geblieben - auch weil Stock seine Ehefrau über die Hilfstransporte kennenlernte. Derzeit beherbergen beide einen Gastschüler: Einen aus Polen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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