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Helmut Stoltenberg
Manager der Einheit: Wolfgang Schäuble

Von den entscheidenden Protagonisten des Einheitsprozesses 1990 mischt er als einziger noch aktiv im Politbetrieb mit, und das - wieder - in vorderster Reihe. Dabei ist Wolfgang Schäuble nicht nur das Kabinettsmitglied mit den meisten Ministerjahren auf dem Buckel, sondern auch als Volksvertreter Rekordhalter: 1972 erstmals per Direktmandat ins Parlament eingezogen, hat der CDU-Politiker seinen Wahlkreis Offenburg seitdem regelmäßig verteidigt und gehört dem Bundestag damit seit 38 Jahren an - länger als alle anderen 621 Parlamentarier.

Die Karriere des promovierten Juristen ist so bekannt wie erstaunlich, letzteres gerade durch ihre Brüche und die Art, wie der Badener dennoch stets weitergemacht hat: 1981 auf Vorschlag des damaligen Fraktionschefs Helmut Kohl (CDU) Parlamentarischer Fraktionsgeschäftsführer geworden, profiliert sich Schäuble als loyaler Mitstreiter mit eigenständigen Ansichten. 1984 holt ihn Kohl, mittlerweile Regierungschef, als Minister für besondere Aufgaben ins Kanzleramt, wo er unter anderem 1987 den Besuch von DDR-Staatschef Erich Honecker in der Bundesrepublik vorzubereiten hat. Im April 1989 wechselt Schäuble an die Spitze des Bundesinnenministeriums; in dieser Position handelt er 1990 den deutsch-deutschen Einigungsvertrag aus und avanciert so zum "Manager der Einheit", wie er später von zwei Journalisten im Vorwort zu seinem Buch "Der Vertrag" tituliert wird. Nach rund zwei Monaten intensiver Arbeit können er und DDR-Verhandlungsführer Günther Krause den Vertrag in der Nacht zum 31. August kurz nach 02.00 Uhr paraphieren und dann, nach Billigung der Kabinette in Bonn und Ost-Berlin, schließlich um 13.15 Uhr im Berliner Kronprinzenpalais unterzeichnen. "Wir haben einfach geheult, aus Freude, aus Erregung, aus Erschöpfung", erinnerte sich Schäuble vergangene Woche an diesen Tag vor 20 Jahren: "Wir wussten, dass wir das, was Politik leisten kann, zustande gebracht haben."

Wenige Wochen später das Attentat: Nach einer Wahlrede schießt am 12. Oktober 1990 ein geistig Verwirrter auf den Vater von vier Kindern. Schäuble überlebt schwer verletzt; vom dritten Brustwirbel abwärts gelähmt, sitzt er seitdem im Rollstuhl. "Schäuble kann ausführlich und nüchtern von den Folgen dessen erzählen, was er einen Unfall nennt. Bitterkeit zählt nicht dazu, darauf legt er Wert", ist in einem auf seiner Internetseite zu findenden Porträt zu lesen. Schon Ende November 1990 nimmt er die Arbeit wieder auf. "Politik ist ja eine Leidenschaft. Sie hat mir sehr darüber hinweggeholfen", resümiert er später einmal.

Schäubles Stimme hat weiter Gewicht: In der Bonn-Berlin-Debatte 1991 gilt seine Rede vielen als ausschlaggebend für den Umzugsbeschluss des Bundestages. Im November 1991 übernimmt er den Vorsitz der CDU/CSU-Fraktion; im Lande wird er immer mehr als Kohls Kronprinz angesehen. Nach dessen Abwahl 1998 folgt ihm Schäuble im Parteivorsitz der CDU, die im Folgejahr mehrere Wahlerfolge verbuchen kann. Dann führt die CDU-Spendenaffäre zum Bruch mit dem Altkanzler; Mitte Februar 2000 tritt Schäuble als Partei- und Fraktionschef zurück, um "einen Neuanfang einzuleiten und möglich zu machen".

Er bleibt einer der Meinungsführer der Partei; als Fraktionsvize widmet er sich ab 2002 der Außenpolitik. 2004 ist der evangelische Christ als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch, doch entscheiden sich Union und FDP für Horst Köhler als Staatsoberhaupt. Stattdessen kehrt Schäuble nach dem Regierungswechsel 2005 als Ressortchef ins Innenministerium und damit auch in die erste Reihe der Politik zurück. Mit seinen Vorstößen zur Terror-Bekämpfung trifft er immer wieder auf Wiederspruch, auch des sozialdemokratischen Koalitionspartners. 2009 folgt mit Schwarz-Gelb eine neue Herausforderung, als der 67-Jährige mitten in der Wirtschaftskrise das Bundesfinanzministerium übernimmt. In gewisser Weise schließt sich damit für ihn auch ein Kreis: Schließlich hatten Beobachter dem einstigen Regierungsrat beim Finanzamt Freiburg schon in seinen frühen Abgeordnetenjahren attestiert, im Finanzausschuss durch Sachverstand aufzufallen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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