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Susann Kreutzmann
Rousseff will Lulas Erbe antreten

BRASILIEN Die Kandidatin des Präsidenten hat beste Chancen, seine Nachfolgerin zu werden

"Brasilien ist bereit, von einer Frau regiert zu werden." Dilma Rousseff, aussichtsreiche Präsidentschaftskandidatin von Lulas Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) ballt die Faust und versichert: "Ich möchte die erste Präsidentin dieses Landes sein." Die Chancen dafür stehen gut. Die 62-jährige enge Vertraute von Brasiliens Staatschef Lula da Silva führt inzwischen alle Umfragen mit rund 50 Prozent der Stimmen an. Damit liegt die ehemalige Kanzleramtschefin mehr als 20 Prozentpunkte vor ihrem konservativen Herausforderer, dem Gouverneur von São Paulo, José Serra. Für die Grünen tritt die ehemalige Umweltministerin Marina Silva an und kommt in der Wählergunst auf rund zehn Prozent.

Am 3. Oktober wählen die Brasilianer ein neues Staatsoberhaupt und ein neues Parlament. Die heiße Phase des Wahlkampfes hat längst begonnen. Für viele Beobachter ist die Aufholjagd der als Technokratin und "eiserne Lady" titulierten Rousseff ein Phänomen. Vor sechs Monaten war die gestrenge Ministerin nur politischen Insidern bekannt. Damals lag Serra, der 2002 schon einmal als Präsidentschaftskandidat antrat, rund zehn Prozentpunkte vor ihr. "Es gibt keine Wechselstimmung. Die Brasilianer sehnen sich nach Kontinuität", erklärt Marcos Coimbra vom Meinungsforschungsinstitut Vox Populi in Porto Alegre. Lula da Silva ist auch nach acht Regierungsumfragen mit rund 80 Prozent Zustimmung so populär wie keiner seiner Vorgänger. Rousseff schwebt auf dieser Erfolgswelle.

Mit dem Namen Lula verbindet vor allem die arme Bevölkerung zahlreiche Sozialprogramme wie die "bolsa família" für besonders Bedürftige, den staatlich geförderten Wohnungsbau und die Initiative "luz para todos" ("Licht für alle") zur Elektrifizierung des ländlichen Raumes. Unter seiner Präsidentschaft wurde der staatlich verordnete Mindestlohn auf aktuell 510 Reais (221 Euro) verdoppelt.

Insgesamt ist die Armut unter Lula da Silva um 50 Prozent gesunken. 14 Millionen neue Jobs sind seit 2002 entstanden. Aus der Weltwirtschaftskrise kam die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas dank effizientem Krisenmanagement so gut wie kaum ein anderes Land. In diesem Jahr erwartet die Zentralbank ein Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent. Dem kann Oppositionskandidat Serra nicht viel entgegensetzen. "Serra repräsentiert eine Opposition, die abgewählt wurde", meint Coimbra.

Bewegte Biografie

"Was ich an Dilma am meisten bewundere, ist ihre Lebensgeschichte", sagt Präsident Lula immer wieder. Als Studentin schloss sie sich nach dem Militärputsch der linken Guerillabewegung an und beteiligte sich an bewaffneten Überfällen. Fast zwei Jahre verbrachte sie im Gefängnis, wo sie auch gefoltert wurde. Diese Zeit hat die Biografie von Dilma Rousseff bis heute geprägt. "Als ich aus dem Gefängnis kam, wusste ich, der größte Wert ist, in einer Demokratie zu leben", sagt sie rückblickend.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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