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Gemma Pörzgen
Die Säkularen in Geiselhaft der Radikalen

ISRAEL Der Historiker Moshe Zimmermann über die Kräfteverschiebung in der Gesellschaft

Wer das neue Buch des israelischen Historikers Moshe Zimmermann aufschlägt, stolpert zunächst über dessen berührende Widmung: "Michael und Itamar, meinen Enkeln, um deren Zukunft ich bange." Diese wenigen Zeilen verraten bereits, dass der Autor mit echter Sorge nicht nur auf den Stillstand im Nahost-Konflikt blickt, sondern auch auf die innenpolitische Entwicklung in seinem eigenen Land. Zimmermann gehörte immer schon zu einer Minderheit von israelischen Historikern, die gegen verbreitete Geschichtsmythen ankämpften. Auch diesmal bildet die kritische Analyse der israelischen Geschichtskonstruktion den Ausgangspunkt seiner Betrachtung.

Der Titel des Buches "Angst vor dem Frieden. Das israelische Dilemma" ist klug gewählt, um zu beschreiben, wie stark sich das innenpolitische Klima in Israel in den vergangenen Jahren gewandelt hat. "Da die Mehrheit der Israelis rechts denkt und rechts wählt, ist das Resultat eindeutig: man hat Angst - auch vor dem Frieden", schreibt Zimmermann und erläutert schlüssig, wie diese Angst um die eigene Existenz quasi zur Brille geworden ist, durch die alle Ereignisse und Strömungen in der Region gesehen werden - selbst unter Ausblendung von Fakten. Zimmermann zeigt, wie seit den Terroranschlägen des 11. Septembers eine vorbehaltlose Unterstützung der US-Regierung unter Präsident George W. Bush für die israelische Politik den Aufstieg der dortigen Rechten begünstigte und dafür sorgte, dass der Friedensprozess mit den Palästinensern zum völligen Stillstand kam.

Die Stärke des Buches liegt in der Darstellung wichtiger Verschiebungen in der israelischen Gesellschaft, auf die sich Zimmermann bewusst beschränkt. Sein Thema ist der wachsende Einfluss nationalistischer und national-religiöser Kräfte im eigenen Land, die dessen demokratische Verfasstheit elementar bedrohen. Anhand von Einzelkapiteln legt er einleuchtend dar, wie sich "undemokratische Denk- und Handlungsmuster" aus den besetzten palästinensischen Gebieten in das Kernland Israel fortpflanzen. Die Kapitel über die Siedlerbewegung, die radikale Hügeljugend und den wachsenden Einfluss der Orthodoxie schildern sehr anschaulich den Fanatismus dieser radikalen Kräfte und wie es ihnen gelingt, die säkulare israelische Gesellschaft immer stärker in Geiselhaft zu nehmen.

Liebermanns Rolle

An anderer Stelle, wo es um die "Araber-Hasser" wie den amtierenden Außenminister Avigdor Liebermann oder um Medien und Bildung als "Angstmacher" geht, bleibt Zimmermanns Darstellung leider sehr oberflächlich. "Für Liebermann, der selbst in einer Siedlung lebt, und für seine Anhänger sind Araber einfach Lügner und deswegen keine Partner für eventuelle Friedensgespräche", charakterisiert Zimmermann den Außenminister. Er versäumt es aber, Liebermanns ungewöhnlichen Werdegang vom moldawischen Einwanderer bis zum israelischen Spitzenpolitiker nachzuzeichnen. Der Autor schreibt sehr richtig, dass Liebermann keinesfalls ein "isolierter Exzentriker sei", geht aber auf dessen Anhängerschaft nicht genauer ein. Die Leser erfahren an dieser Stelle nichts darüber, dass Liebermann gerade aus den Kreisen der mehr als eine Million Einwanderer aus der früheren Sowjetunion große Unterstützung erfährt. Es hätte zur Analyse unbedingt dazu gehört, deren Rolle stärker in Augenschein zu nehmen.

Oft setzt Zimmermann jedoch zu viel Expertenwissen voraus. Eine verständlichere Erläuterung der Sachverhalte für deutsche Leser wäre wünschenswert gewesen. Unverständlich bleibt auch, warum Zimmermann die Kriegsvorbereitungen gegenüber Iran ausspart. "Wenn man Angst vor dem Frieden hat, bereitet man sich auf den Krieg vor - diesmal gegen Iran", schreibt der Autor, drückt sich aber davor, weitere Prognosen zu wagen. So entsteht ein zwiespältiger Eindruck von einem Buch, das zwar wichtige Fragen aufgreift, aber bei deren Analyse nur halbwegs Antwort gibt.

Moshe Zimmermann:

Die Angst vor dem Frieden. Das israelische Dilemma.

Aufbau Verlag, Berlin 2010, 152 S., 14,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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