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PRO: ENTWICKLUNG IN AFGHANISTANGastkommentar
Stephan Löwenstein
Deutsches Interesse

Von Bismarck ist das auf den Balkan bezogene Wort überliefert, Deutschland habe dort keine Interessen, die auch nur die Knochen eines pommerschen Musketiers wert seien. Kann uns also heute Afghanistan die Knochen der Grenadiere und Fallschirmjäger, Sanitäter und Unterstützer wert sein, die am Hindukusch Leben und Gesundheit riskieren?

Die Welt ist heute grundanders als Bismarcks Welt. Dennoch ist das Wort des alten Preußen hier zielführend, es enthält den entscheidenden Hinweis: Es geht um die Interessen Deutschlands.

Es kann nicht Ziel eines Militäreinsatzes sein, ein Land in Zentralasien zu einem Hort der Demokratie zu machen - da hat sich die Staatengemeinschaft lange Illusionen hingegeben. Zwar hat man dort, wo man engagiert ist, eine Verantwortung für Mindeststandards übernommen; das Übrige ist Sache der Afghanen selbst. Interesse Deutschlands und seiner Verbündeten ist es aber, dass das Land nicht Rückzugsraum für Terroristen ist, die von dort aus Anschläge bei uns vorbereiten. Dieses Ziel ist seit dem Sturz der Taliban erreicht (Al-Qaida hat inzwischen andere Basen). Und es liegt in Deutschlands vitalem Sicherheitsinteresse, dass von Afghanistan aus nicht die ganze Region destabilisiert wird, zuvörderst die Atommacht Pakistan. Dieses Ziel ist keineswegs erreicht, es hat vielmehr Rückschläge gegeben. Ist es überhaupt erreichbar? Ja, auch wenn das nicht gewiss ist. Aber wenn, dann ist dafür fortgesetztes militärisches Engagement der Verbündeten unabdingbar. Der inzwischen eingeschlagene Weg, der den Schutz der Bevölkerung und die beschleunigte Übergabe der Verantwortung an afghanische Stellen vorsieht, ist auch holprig, erscheint aber als der bisher am ehesten geeignete.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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