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ORTSTERMIN: BEIM REINIGUNGSDIENST

»Spülmittel eignet sich am besten«

6 Uhr morgens, Reichstagsgebäude: Im Plenarsaal herrscht hektischer Betrieb. Doch nicht die Abgeordneten oder Saaldiener sind die Ersten vor Ort, sondern die Reinigungskräfte. Vor jeder Sitzung wird der Teppich gesaugt, die Tische gewischt, die Mikrophone entstaubt. Im Foyer der Osthalle säubert eine elektrische Wischmaschine lautstark den Boden. Täglich starten die Reinigungskräfte von hier ihre Runden durch das Haus. Sie sind überall und doch fast unsichtbar.

Mehrere Millionen Menschen pro Jahr besuchen das Reichstagsgebäude, rund 6.000 Menschen arbeiten hier. Und sie alle hinterlassen eines: Schmutz - Fußabdrücke, Abfall und Staub. 400.000 Quadratmeter Boden- und 340.000 Quadratmeter Glasflächen, hunderte Toiletten, Spiegel, Tische und Monitore müssen jeden Tag geputzt werden. Mülleimer müssen entleert, Sofas und Lampen entstaubt werden. Insgesamt sind mehr als 480 Putzkräfte mit dieser Mammutaufgabe betraut, jeden Tag. Ein Aufgabe, die umso besser verrichtet wird, je weniger sie auffällt.

Dieser Meinung ist jedenfalls Ilona Bakies (Foto), eine der 25 hauseigenen Reinigungskräfte. Mitte 50, 1,67 Meter groß, Berliner Dialekt. Sie ist gut gelaunt, das frühe Aufstehen macht ihr keine Probleme. Sie brauche nicht einmal mehr einen Wecker. Meist sei sie schon um 3 Uhr auf den Beinen, erzählt sie. Das Foyer der Westhalle, zwischen Plenarsaal und Besuchereingang, ist ihr Bereich, ihr "Revier", wie sie es nennt.

Sie ist in Eile, es ist Sitzungswoche, es muss schnell gehen. Heute sogar noch schneller, eine Sonderveranstaltung ist geplant. Und bis sich die Tore öffnen, ist noch einiges zu tun. Bakies wischt die Glastische. "Spülmittel eignet sich am besten. Sehen Sie, keine Streifen", sagt sie. Als nächstes greift sie sich das Staubtuch und wendet sich dem Kunstwerk von Joseph Beuys im Westfoyer zu. "Wir haben eine große Verantwortung", sagt Bakies. "Es kommen so viele Besucher aus aller Welt, da darf man keinen schlechten Eindruck machen."

Diese Woche ist sie exakt zehn Jahre im Dienst des Bundestags. "An meinem ersten Tag war ich natürlich total überwältigt", sagt sie. Auch heute noch ist sie stolz darauf, im Bundestag zu arbeiten. Es sei ein schönes Gefühl erzählen zu können, wo man jeden Morgen hingeht.

Die hauseigenen Angestellten werden von externen Firmen unterstützt. Die Sicherheitsanforderungen sind hoch, jeder wird genauestens überprüft. Das ist notwendig, schließlich haben die Reinigungskräfte Zugang zu quasi allen Bereichen des Bundestages. Beispielsweise zum Plenarsaal. Zu diesem haben selbst die wenigsten festangestellten Mitarbeiter des Parlaments Zutritt. Ilona Bakies darf rein, doch im Moment denkt sie nicht daran. Stattdessen schiebt sie ihren unhandlichen Wagen energisch die Flure entlang, ein Dutzend Flaschen Putzmittel klappert leise. Die Wassereimer haben verschiedene Farben - aus praktischen Gründen. "Jede Farbe steht für den Bereich, den man damit säubert. So achten wir darauf, zum Beispiel nicht mit dem Bodentuch die Tische abzuwischen", erklärt Bakies. Auch mache es die farbige Kennzeichnung einfacher für die Mitarbeiter, die nicht so gut Deutsch sprechen.

Gegen 7 Uhr nehmen die ersten Saaldiener ihre Plätze ein, Bakies ist mit ihrer Runde fast fertig. Doch das bedeutet noch lange nicht Dienstende für die Reinigungskräfte. "Solange hier jemand im Haus ist, sind wir auch da", sagt Bakies. Für sie selbst ist allerdings schon um 10 Uhr Schluss. Dann macht sie sich auf den Weg zu ihrer zweiten Arbeitsstelle; auch dort ist sie als Reinigungskraft tätig. Müsste sie sich entscheiden, sie würde dem Bundestag immer den Vorrang geben.

In den zehn Jahren Tätigkeit für das Parlament hat sich ihre Einstellung zur Politik verändert. Früher sei ihr das politische Geschehen nicht besonders wichtig gewesen, gibt Bakies zu. Dagegen verfolge sie die Nachrichten heute mit wesentlich größerem Interesse.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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