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AUFGEKEHRT
Susanne Kailitz
Belgien ist überall

Ja, die Lage ist verdammt ernst. Da tritt der beliebteste Politiker des Landes, vielleicht des ganzen Planeten, zurück und keiner ist da, der die riesige Lücke füllen und dem Volk den Glauben an das Gute in der Politik zurückgeben könnte. Muss Deutschland jetzt dichtmachen?

Ein Blick nach Belgien verrät: Es geht offenkundig auch anders. Immerhin leben unsere Nachbarn im Westen nun seit rund einem Jahr ohne Regierung - ein Weltrekord. Selbst im Irak konnten sich Kurden, Schiiten und Sunniten nach immerhin 249 Tagen auf eine Zusammenarbeit verständigen. Aber zwischen Flamen und Wallonen sind die Fronten so sehr verhärtet, dass in Belgien nichts mehr geht.

Allen Demonstrationen zum Trotz, ungeachtet der Ankündigung einer Fritten-Revolution oder der Überlegung, die belgischen Frauen könnten in einen Sex-Streik treten, um die Verhandlungen zu beschleunigen, im Land des Kirschbiers bleibt die Regierungsbank vorerst nur geschäftsführend besetzt. Dennoch laufen die Geschäfte - einer gut funktionierenden Bürokratie sei Dank.

Zugegeben: Politische Initiativen, große Vorhaben und Reformen sind momentan nicht drin, aber das muss ja nicht nur Nachteile haben. Dass viele Stellen aktuell nicht besetzt werden können, mag störend sein - eine große Steuererhöhung ist aber ebenso wenig zu erwarten wie die Einführung einer Ökosteuer aufs Frittierfett. Und ein Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde ist mit dem regierungslosen Weltrekord ja ohnehin ausgemachte Sache.

Gute Nachrichten also für all jene, die nun hierzulande in tiefer Ministertrauer versinken: Im Zweifel geht es offensichtlich auch ohne. Und mit den Erfahrungen der deutschen Bürokratie könnte ein gouvernaler Totalausfall hierzulande noch leichter zu stemmen sein als irgendwo anders in der Welt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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