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Knut Teske
»Europäer haben Uhren, wir die Zeit.«

Prinz Asfa-WoSSEN Asserate hält Europa den Spiegel vor. Das Versprechen, den Demokratisierungsprozess in Afrika zu unterstützen, wurde konterkariert durch die Unterstützung von Diktatoren.

Lost-Kontinent beim Blick auf die politische Karte; Rich-Kontinent beim Wissen um die Bodenschätze. Warum setzt sich in der Öffentlichkeit schonungslos der erste Eindruck durch?

Tut er das? Hörte Afrika nicht Anfang der 90er Jahre auf, ein Lost-Kontinent zu sein? Damals, als viele Despoten vertrieben und demokratische Ansätze sichtbar wurden, als die Europäer alles taten für eine gute Regierungsführung als Bestandteil von Politik. Es war die Abkehr Europas von der Realpolitik, zu der es 2008 leider wieder zurückkehrte. Motto: "Wir können Afrika doch nicht den Chinesen überlassen".

Haben denn die Zwischenjahre, die Sie ansprechen - also die von 1990 bis 2008 - wirklich etwas verändert?

Viele afrikanische Wirtschaften fingen an zu erblühen, sie hatten die Planwirtschaft ad acta gelegt und Formen der freien Marktwirtschaft als Bestandteil ihrer Politik aufgenommen.

Zum Beispiel?

Mein eigenes Land Äthiopien litt 17 Jahre lang unter kommunistischer Herrschaft. Danach konnte die Regierung von einem jährlichen Wachstum bis zu acht Prozent sprechen. Botswana, ein Land mit zwei Millionen Einwohnern, könnte für ganz Afrika beispielhaft sein oder Ruanda, wo man (nach dem Völkermord an den Tutsi 1994) gewaltige wirtschaftliche Neuerungen sieht. Angola besitzt so viel Öl, dass Luanda bereits zur teuersten Hauptstadt der Welt avancierte. Es gibt einen Rush nach Afrika wegen der Bodenschätze, vor allem wegen des für Handys wichtigen Coltans.

Nutzt Afrika denn diesen Vorteil? Beispiel Coltan?

China kontrolliert bereits Zweidrittel des Welthandels; sie haben sich in der daran reichen Demokratischen Republik Kongo in Milliardenhöhe eingekauft. Gleich für die nächsten 25 Jahre.

Und wo liegt für Afrikaner der Vorteil?

In erster Linie profitieren Regierungen und Reiche. Andererseits: Die Investitionen der Chinesen haben die 120 Milliarden-Grenze überschritten. Das ist so gewaltig, dass ich dies erst mal positiv sehe. Wir haben lange nach Investitionen aus Europa gerufen, aber niemand wollte hören. Wie hoch der Preis fürs Ganze endlich ist, wird man sehen.

Neokolonialismus in neuem Gewand?

Die Chinesen sind nicht als Wohltätigkeitsorganisation gekommen. Sie wollen ihren Bedarf an Rohstoffen decken und suchen Absatzmärkte für ihre Produkte. China hat Afrika mit Haushaltsgegenständen, Töpfen, Glas und Stoffen ausgestattet...

Glas wie einst Glasperlen?

Glas ( er lächelt): Bei der Sicherung der afrikanischen Ressourcen für ihre eigene dynamische Wirtschaftsentwicklung kennen die Chinesen keine Tabus. Chinesische Staatsunternehmen können dabei auf Finanzierungen zurückgreifen, die europäische Finanzinstitute nicht anbieten.

In Afrika lebt eine Milliarde Menschen. Wenn nur ein Bruchteil zufriedengestellt wird, bleibt es der Lost-Kontinent.

Nicht zuletzt durch die europäischen Mächte. Sie behaupten zwar immer wieder, sie möchten den Demokratisierungsprozess mit allen Mitteln unterstützten. Aber was tun sie? Sie unterstützten die Diktatoren, zum Beispiel in Tunesien, in Ägypten, näherten sich ihnen auf Knien, beteten sie an - solange diese an der Macht waren, um sie dann fallen zu lassen.

Also stagnierte der Kontinent auf leicht höherer Basis?

Wirtschaftlich nicht, schon weil Afrika weiterhin mit Milliarden von EU, Weltmarkt und anderen Institutionen unterstützt wird. Die Frage ist: Gibt es eine Entwicklung ohne Ethik? Man kann nicht alle Menschen von heute auf morgen zu Demokraten erziehen. Man könnte aber gewisse Standards bei den Menschenrechten erwarten. Die Staaten sind alle Mitglieder der UNO und haben die entsprechende Deklaration von 1948 unterschrieben. Was wir brauchen, sind freiheitliche Rechtsstaaten.

Ist das Werden einer Demokratie ohne funktionierenden Mittelstand möglich?

Ein Mittelstand entsteht langsam in etlichen afrikanischen Ländern. Die meisten Wirtschaftsführer haben in Europa oder Amerika studiert und gehen neue Wege; einige schwimmen im Geld. Zum Beispiel im ölreichen Nigeria; dort existiert eine Mittelschicht, leider auch Korruption. Doch demokratisch ist es trotz des Ölsegens auch nicht geworden.

Sie sprechen von zunächst nötigen Grundwerten wie Rechtsstaatlichkeit. Ist Rechtsstaatlichkeit von Demokratie zu trennen?

Rechtsstaatlichkeit ist das Fundament einer bald vollziehbaren demokratischen Ordnung. Wenn ich eines Tages sagen könnte, in ganz Afrika herrschten Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit, wäre ich der glücklichste Mensch.

Wo in einer Nicht-Demokratie gibt es unabhängige Richter?

Zum Beispiel in Deutschland vor 1920. Es wurde nicht demokratisch regiert, aber es gab trotzdem eine Gewaltenteilung. Ich weiß nicht, wie man Demokratie in Afrika praktizieren soll, wenn man sieht, dass die Demokraten zuhause (in der westlichen Welt, die Red.) ihre Demokratie für sich in Anspruch nehmen, in ihrer Außenpolitik jedoch nicht anwenden. Wenn der Westen kein positives Beispiel gibt, wirkt er auch im Ausland nicht überzeugend. Afrikaner brauchen das Gefühl der Ehrlichkeit: dass Europäer meinen, was sie sagen.

Gehört der nicht-demokratische Tribalismus zu Afrikas größten Problemen?

Ja - Ethnozentrizität und religiöser Fanatismus gehören dazu. Doch Tribalismus wurde Jahrzehnte von Europa geschürt. Denken Sie an die 70iger Jahre, an die Parolen linksorientierter Organisationen. "Small Is Beautiful". Afrika galt als schön, wenn die Menschen tagsüber auf Feldern arbeiteten und abends am Lagerfeuer alte Geschichten erzählten und tanzten. Das kleine Afrika war das gute Afrika. Hat sich irgend jemand mal die Frage gestellt, für wen Kleinsein gut ist. Die Zeiten, da sezessionistische Aktivitäten unterstützt wurden, haben in den 70er und 80er Jahren zu katastrophalen Situationen geführt. Warum haben die Staatschefs 1963 zur Gründung der Organisation der Afrikanischen Einheit in Addis Abeba gesagt: Wir akzeptieren die kolonialen Grenzen. Wussten Sie nicht, dass dies unechte Grenzen waren? Natürlich wussten sie es. Aber sie wussten auch, dass der Tribalismus der Tod Afrikas sein würde. Nur durch den Tribalismus sinddie Europäer nach Afrika gekommen.Es galt damals Nationalidentitäten aufzubauen: Du bist kein Kikoyu, du bist Kenianer. Du bist kein Ibo, du bist Nigerianer. Du bist kein Berber, du bist Marokkaner.

Klingt eigentlich vernünftig.

Aber es misslingt, weil wir in Afrika zentralistische Strukturen aufbauten statt föderalistische. Einheit in Verschiedenheit und Verschiedenheit in Einheit. Das hat Deutschland groß gemacht und uns klein gehalten.

Halten Sie das denn jetzt für eine zukunftsfähige Lösung?

Durchaus! Die Geschichte hat uns gezeigt, dass kleinere Einheiten gerade im 21. Jahrhundert nicht existieren können, schon von der Wirtschaftskraft her. Zum Beispiel Eritrea. Wieso haben wir täglich 100 bis 200 eritreischer Flüchtlinge an der äthiopischen Grenze? Wieso ist ist dort keine musterhafte Demokratie etabliert worden, wie sich einige europäische Parteien erträumt haben?

Und nun Südsudan?

Wir werden sehen, was kommt. Dort wiederum spielten sich seit 30 Jahren solche Grausamkeiten ab, dass es unmöglich war, das Land zusammenzuhalten. Die Südsudanesen müssen von Eriteas Fehlern lernen.

Armut, Hunger, Umweltbedingungen, Kämpfe - die Summe dessen vertreibt viele Afrikaner. Auch nach Europa. Wie kann diese Entwicklung gestoppt werden?

Die größten Verursacher von Migration sind korrupte afrikanische Regierungen. Armut allein reicht nicht aus für die Migration. Niemand verlässt nur deshalb seine Heimat, vor allem jetzt, da jeder Afrikaner dank Internet weiß, dass die Straßen Europas nicht mit Gold gepflastert sind. Selbst die Analphabeten kennen die Zustände in den Asylantenheimen genau. Und trotzdem ist dieses Leben für sie paradiesisch im Vergleich zu dem unterdrückten, das sie zuhause führen. Weniger Gewaltherrscher - weniger Migrationsprobleme.

Was vereint Afrika? Kann es - angesichts der Babylonischen Sprachverwirrung von 2000 Sprachen ein panafrikanisches Gefühl geben?

Ja, das hat man während der Tage der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr gesehen. Das war nicht nur ein südafrikanisches Ereignis. Es war ein afrikanisches. Jeder Afrikaner war mit Leib und Seele dort unten. Der panafrikanische Gedanke, der tot zu sein schien, wurde neu belebt.

Und Sprachverwirrung?

Mit Englisch, Französisch oder Arabisch kommt man gut zurecht. Das ist ja das Unglaubliche an der Globalisierung. Diese Uniformität: die gleichen Jeans, dieselbe Musik…

Was verbessert sich dadurch im Hinblick auf die unmittelbare Gegenwart?

Zur Verbesserung gehört für einen Afrikaner, ganz wichtig - wichtiger als für Europäer - die Stabilisierung seiner Identität. Dass er sich als Afrikaner sieht. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum so viele Afrikaner immer noch nicht mit Robert Mugabe (Simbabwe) brechen. Oder mit al-Baschir, dem mit Haftbefehl gesuchten Präsidenten von Sudan. Weil sie meinen: Wir können ihn aus Solidarität mit uns selbst nicht den Europäern zum Fraß vorwerfen. Vielleicht die falsche Art von Solidarität, aber sie ist da.

Ist das zugleich eine Abgrenzung gegenüber den "Weißen"?

Gegenüber Europa vielleicht, gegenüber Amerika auf jeden Fall. Im Falle Mugabe ist es auch Dankbarkeit, weil er in den 70iger Jahren Freiheitskämpfer unterstützte und ihnen Asyl gewährte.

Eine Frage zur Wirtschaft: Wir wollen die Freie, Soziale Marktwirtschaft, einen gesunden Mittelstand, die Großindustrie; wir wollen exportieren und Gewinne machen. Was wollen die afrikanischen Staaten?

Die meisten Afrikaner wollen das auch. Nur, um mit Afrika zu handeln, ein Joint Venture einzurichten, müssen die Afrikaner sich auch nach den europäischen Gesetzen richten. Von den 53 afrikanischen Ländern haben zur Zeit lediglich ein Dutzend das Anrecht auf eine Hermes-Bürgschaft. Wie soll ich als Unternehmensberater einen Mittelständler dazu bringen, seine Gelder in Afrika zu investieren?

Kämpft denn jeder afrikanische Staat für sich allein?

Jedenfalls gibt es nur wenig regionale Zusammenarbeit. Wieso importiert Äthiopien Orangensaft aus Saudi-Arabien und nicht aus Kenia? Weil es einfacher und billiger ist in der globalisierten Welt. Eine Flasche Whisky kostet in Addis-Abeba ein Drittel weniger als dort, wo er gebrannt wird.

Die Afrikanische Union spielt keine Rolle?

Eine viel zu weiche. Die Organisation müsste eine Armee von 100.000 Mann befehligen, um Putsche zu verhindern. Aber: Man kriegt noch nicht einmal für die Befriedung Somalias genügend Soldaten aus der AU.

Ist Afrikas Zeitrechnung eine andere?

Viele Afrikaner sehen es so: Europäer haben Uhren, wir die Zeit.

Hilft Entwicklungshilfe noch?

Ja. Nur in anderer Form. Trotz der Milliarden geht es Afrika nicht besser. Wir brauchen keine Almosen sondern eine Entwicklungshilfe auf Augenhöhe, wie es Herr Minister Niebel auch vorhat. Wir können viel von dem deutschen Wirtschaftssystem lernen: Die soziale Marktwirtschaft ist vielleicht das größte Geschenk der Deutschen an die Welt.

Wie sollte Hilfe organisiert werden?

Als Erstes müssen wir die Ernährung Afrikas in Angriff nehmen, statt Flächen für Biodiesel zu vergeuden. Warum wird Äthiopien, das durchaus in der Lage wäre, ganz Afrika mit Weizen zu versorgen, heute als Hungerland gesehen? Weil versäumt wurde, den Bauern Landbesitz zu gestatten. 36 Jahre nach der Revolution sind die Bauern weiterhin Pächter. Gestern für die Feudalherren, heute für die Regierung.

Hat Afrika überhaupt eine Chance im Konkurrenzkampf zwischen Europa, Amerika und China?

Wir Afrikaner haben von den Chancen der Globalisierung keinen Gebrauch gemacht. Wir produzieren keine billigen Geräte, Fahrräder und Stoffe, um in Konkurrenz mit China und Indien zu treten, sondern konzentrieren uns auf den Export von Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten.

Was würde ein versinkender Kontinent Afrika für Europa bedeuten?

Sie würden eines Tages im Radio Folgendes hören: Soeben erreicht uns die Nachricht aus Gibraltar, dass sieben Millionen Afrikaner auf dem Weg zu uns sind.

Was ist Afrika für Sie? "Herz der Finsternis" (Joseph Conrad) oder "Dunkel lockende Welt" (Tania Blixen)?

Afrika ist für mich der Kontinent der Zukunft und der Hoffnung.

Und was fasziniert so an ihm?

Wer einmal afrikanische Luft gerochen oder afrikanisches Flusswasser getrunken hat, kommt von Afrika nicht los.

Das Interview führten Knut Teske und Sibylle Ahlers

Aus Politik und Zeitgeschichte

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