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Parlamentarisches Profil
Tatjana Heid
Stringente Pazifistin: Kathrin Vogler

Das Bild zeigt ein Haus im Grünen, umgeben von Bäumen und Feldern. Blauer Himmel, Sonne. Eine Idylle für jedermann. Die Tochter von Kathrin Vogler hat es gemalt, es hängt über der Couch im Büro der Abgeordneten der Linksfraktion. Ihre Meinung zur Präimplantationsdiagnostik, sagt Vogler, wird auch von ihrer Situation als Mutter beeinflusst. "In der Schwangerschaft habe ich den Druck erlebt, jede Untersuchung machen lassen zu müssen, die man machen kann." Durch die Zulassung von Gentests an Embryonen, befürchtet sie, könnte der Druck auf Eltern weiter zunehmen, ein gesundes Kind bekommen zu müssen.

Vogler ist eine der Initiatoren des interfraktionellen Gesetzentwurfs, der PID strikt verbieten soll. Insgesamt unterstützen 18 Abgeordnete der Linksfraktion den Antrag. Damit ist Vogler zwar nicht allein in ihrer Fraktion, in der Unterzahl sind die Gegner der PID trotzdem. Doch in dieser Frage zählt keine Fraktionsdisziplin, sagt Vogler, da zählt allein die eigene Haltung, das eigene Gewissen. Die eigene Vorstellung von richtig und falsch. "Natürlich lehne ich PID aus einer anderen Grundhaltung heraus ab als beispielsweise ein katholischer CSU'ler", sagt sie. Sie blickt nachdenklich aus dem Fenster.

Seit dieser Legislaturperiode ist Vogler für die Linksfraktion im Bundestag, gewählt über die Landesliste Nordrhein-Westfalen. Angetreten war sie für den Wahlkreis Steinfurt III. Im Bundestag ist sie nun stellvertretende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, stellvertretendes Mitglied im Verteidigungsausschuss und Mitglied im Unterausschuss "Zivile Krisenprävention und vernetzte Sicherheit".

Ihre Gründe, PID abzulehnen, sind nicht kirchlich orientiert, Vogler hat keinerlei religiöse Bindung. Ihre Haltung hat sich über die Jahre aus einer anderen Richtung heraus entwickelt: Die 47-Jährige war aktiv in der Friedensbewegung, in der Anti-AKW-Bewegung, im Kampf für den Erhalt des Asylrechts. Als die SPD Anfang der 1980er Jahre aus dem Nato-Doppelbeschluss ausstieg, trat Vogler der Partei bei. Als Gerhard Schröder den USA nach dem 11. September 2001 uneingeschränkte Solidarität versprach und deutsche Soldaten kurz darauf in Afghanistan standen, trat Vogler wieder aus.

"Damals dachte ich, das war's. Die Parteiarbeit hat sich für mich erledigt", sagt sie und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Erledigt hatte es sich dann doch nicht. 2005 trat sie der WASG bei, war später Kreisvorstandsmitglied der Linken im münsterländischen Steinfurt. "Natürlich weiß ich, dass es keine pazifistische Partei gibt", sagt sie. Doch damit könne sie leben, so lange Die Linke eine "klare Antikriegspolitik" betreibe. Gegenüber dem gemalten Bild der Tochter hängt ein Plakat, schwarz-weiß, ein Mensch reckt kämpferisch die Hand in die Höhe. Sein Mund ist zum Protest geöffnet, darüber steht "Nie wieder Krieg".

Ihr Engagement in der Friedensbewegung hat sie auch von einem "gewissen Wissenschaftsoptimismus" weggetragen, wie sie es nennt. Bei ihrer Tätigkeit habe sie die zerstörerische Kraft von Wissenschaft - von Waffen und anderem Kriegsgerät - kennengelernt. Die Auswirkungen von Atomkraft lässt sie ebenfalls an der Wissenschaft als "Heilsbringer" zweifeln. Dieses mangelnde Vertrauen ist ein weiterer Grund für Skepsis gegenüber der PID.

"Ablehnung von Gewalt und die Wertschätzung jedes Individuums sind für mich miteinander verbunden", sagt Vogler. Das deutsche Recht kenne keine Grenze, ab wann Leben nicht lebenswert sei, sagt sie. Dieser Rechtsgrundsatz dürfe nicht aufgelöst werden, dafür stehe der Antrag. Dann erzählt sie von der Arbeit in ihrem Wahlkreis, von den Gesprächen mit Behindertenverbänden und Eltern behinderter Kinder. Die meisten haben sich ihr gegenüber gegen PID geäußert. "Mir wird zu viel über die Belastungen geredet, die behinderte Menschen darstellen", sagt sie. Das verzerre das Bild. Vogler selbst kümmert sich um ihre Mutter, die schwer behindert ist. "Sie redet immer davon, was für eine Belastung sie ist. Das finde ich schlimm", sagt Vogler. "Wir haben doch nur die eine Chance auf Leben."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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