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Helmut Stoltenberg
Paradoxer Effekt

NEGATIVES STIMMGEWICHT Nachteile trotz Votums

Da votiert man für eine Partei - und sorgt mit seiner Stimme dafür, dass sie am Ende ein Mandat weniger erhält. Gibt es nicht? Doch, das gibt es sehr wohl - ebenso, wie umgekehrt ein Verlust an Zweitstimmen zu einem Mandatsgewinn für eine Partei führen kann. Wie entsteht dieser Effekt des sogenannten negativen Stimmgewichts?

Dem Bundestag gehören mindestens 598 Mitglieder an, von denen die Hälfte direkt in den 299 Wahlkreisen gewählt wird. Dabei erringt jeweils der Kandidat das Mandat, der in seinem Wahlkreis die meisten Erststimmen der Wähler auf sich vereinigen kann.

Wie stark eine Partei im Bundestag vertreten ist, entscheiden die Wähler dagegen mit ihrer Zweitstimme, mit der sie für eine der Kandidatenlisten votieren können, die die Parteien für jedes Bundesland getrennt aufstellen. Nach dem Verhältnis der bundesweit erzielten Zweitstimmen wird zunächst die Sitzzahl auf die Parteien verteilt, die die Fünf-Prozent-Hürde überwunden haben. Anschließend wird in einer "Unterverteilung" die Gesamtzahl der Mandate einer Partei auf Grundlage ihrer Zweitstimmenergebnisse in den einzelnen Bundesländern auf ihre Landeslisten verteilt. Von der so ermittelten Zahl an Mandaten, die einer Partei in einem Land zustehen, werden dann die von ihr dort errungenen Direktmandate abgerechnet und die restlichen Sitze mit Listenkandidaten besetzt.

Ein Mandat weniger

Hat nun eine Partei in einem Land mehr Direktmandate erworben, als ihr dort nach dem Zweitstimmenergebnis zustehen, vergrößert sich der Bundestag um diese sogenannten Überhangmandate. Diese Mandate verfallen also nicht, weshalb der Partei auch nicht mehr Zweitstimmen in dem betreffenden Land X nutzen würden - jedenfalls nicht, solange das Zweitstimmenergebnis nicht die Höhe übersteigt, die der Zahl der dort errungenen Direktmandate entspricht.

Mehr Zweitstimmen würden der Partei aber in diesem Fall dann schaden, wenn bei der Unterverteilung ein Mandat auf eine andere ihrer Landeslisten entfallen ist, die dieses bei dem besseren Zweitstimmenergebnis im Land X nicht erhalten hätte. Dann erhielte die Partei wegen des besseren Ergebnisses im Land X ein Mandat weniger im anderen Land, ohne in X gestärkt zu werden: Mehr Stimmen führten also unterm Strich zu einem Mandatsverlust.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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