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Steinerne Urkunde des Neubeginns

Reichstagsgebäude Das nach der Einheit umgebaute Parlament demonstriert die Öffnung der Politik hin zur Moderne

Über den Reichstag ist alles gesagt. Und gerade deshalb erscheint die Erfolgsbilanz dieses Gebäudes so außergewöhnlich. Dass ein Bauwerk nur wegen seines Aussehens und seiner Architektur überhaupt Besucher anzieht, ist ja alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Mit 15 Millionen Besuchern seit der Wiedervereinigung zählt das Gebäude heute zu den populärsten Bauwerken Deutschlands schlechthin. Eine solche Karriere hätte dem ruinösen, zerschossenen, ausgebrannten Steinkoloss kein Politiker, erst recht kein Architekt 1990 vorausgesagt. Was ist es, dass ein allein der Politik gewidmeter Bau in einem Land, in dem große Teile der Bevölkerung die Politik geringschätzen und sich weigern, ihr an Wahltagen mit ihrer Stimme Reverenz zu erweisen, so über alle Maßen beliebt macht?

Aufgesetzter Pomp

Alles an diesem Bau scheint ja gegen seine Verherrlichung zu sprechen, denn volkstümlich war er, trotz der Inschrift "Dem Deutschen Volke", nie. Schon allein die Wucht, die Masse und der aufgesetzte Pomp, mit dem er in die Berliner Stadtlandschaft tritt, widerspricht den sich eher in Bescheidenheit übenden Traditionen deutscher Staatsbaukunst. Niemals seit Karl dem Großen - außer in Nazizeiten - haben sich hierzulande großmaßstäbliche, prunkbeladene Staatsbauten durchzusetzen vermocht. Obwohl das Heilige Reich fast ein Jahrtausend lang die bestimmende Macht in Zentraleuropa blieb, reicht die Prachtentfaltung seiner Architektur höchst selten an jene der Fürstensitze in den Nachbarländern heran.

Empörter Kaiser

Nicht einmal Kaiser Wilhelm II. konnte sich mit dem (fälschlich nach ihm benannten) Stil des "Wilhelminismus" anfreunden. Seine architektonischen Vorbilder waren die sparsam dekorierten Pfalzen der staufischen Kaiserzeit. Der auftrumpfende Gestus des Reichstages war ihm ebenso wenig geheuer wie der des Berliner Doms. Er sah im Bau von Paul Wallot einen "Gipfel der Geschmacklosigkeit". Im Verlauf von 100 Jahren sind noch ganz andere Erfahrungen hinzugekommen, die den Deutschen das massige Parlamentsbauwerk hätten verleiden können. Hier wurde selten glückliche Politik gemacht. Die Friedenszeit, für die es gebaut war, währte nach Fertigstellung und Weihe des Hauses nur noch 20 Jahre. In den 51 Jahren zwischen der Vollendung 1894 und dem Kriegsende 1945 wurde es kaum 40 Jahre im Sinne seiner Bestimmung genutzt. Zwölf weitere Jahre war es Ruine. In den Jahrzehnten der deutschen Teilung stand es hart an der Grenze zur DDR und damit fast in einer Demarkationszone. Selbst in den 18 Jahren nach dem Wiederaufbau 1971 konnte es trotz Gastrollen des Bundestages nie zu seiner eigentlichen Sinngebung zurückfinden.

Symbolische Bedeutung

Ein anderer Bau hätte eine solche Zeitspanne des Leerstands und der Unternutzung kaum überstanden. Doch der Reichstag gelangte gerade in dieser Zeit für viele Deutsche zu Symbolbedeutung. War er mit der im Winde rollenden Fahne Schwarz-Rot-Gold nicht ein Bürge der Einheit über Mauer und Stacheldraht hinweg gewesen, als die Deutschen die Einheit beinahe schon aufgegeben hatten? Hatte er, der gleich zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 in Schutt und Asche gefallen war, Deutschlands Schicksal nicht in Untergang, in Schändung und langdauernder Lähmung demütig und doch standfest mit durchlitten?

Touristenmagnet

Man wird die Faszination, die von dem wiederaufgebauten Reichstag ausgeht, nicht ergründen können, wenn man den Mythos Reichstag ausklammert. Wenn der Bau heute ein Wallfahrtsort in- und ausländischer Besuchergruppen ist, dann nicht zuerst wegen seiner Architektur oder der Nutzung durch das Parlament (beides hätte ja dem Bonner Bundestag zu ebensolchen Besuchermassen verhelfen müssen), sondern wegen seines Beitrags zu deutscher Identität. Die architektonische Moderne - die ebenfalls einmal von Berlin ihren Ausgang genommen hat - bildete sich viel darauf ein, dass sie das Bauen seiner symbolischen Gehalte entkleidet und es auf Technik, nackte Funktion und pure Zweckerfüllung reduziert hatte. Sie vermeinte, so dem Geist der Zeit und den Bedürfnissen des modernen Menschen am besten gerecht zu werden. Das Reichstagsgebäude kann als Beleg dafür gelten, wie irrig diese Vorstellung war. Erst in ihrer Symbolik wird Architektur bedeutend, wächst sie über die Elementarzwecke hinaus.

Ahnungen des Baumeisters

Paul Wallot, der Reichstagsbaumeister, hatte mit einer Architektur von Palastcharakter der Erwartung vorgearbeitet, dass es nun das Volk selbst sei, das sich Schlösser erbaut. In der Berliner Wirklichkeit sah er sich von Missgunst, Unverständnis und Unkenntnis umstellt. Wie der Reichstagsforscher Michael S. Cullen herausgefunden hat, knüpfte er an das abfällige Urteil des Kaisers düstere Ahnungen. In privaten Briefen scholt er den Monarchen einen "gewöhnlichen, niederträchtigen Hund, für den auf anderem Gebiet Deutschland die Zeche wird bezahlen müssen". Dass die Geschichte auch der Majestät der Baumassen seines Reichstagsgebäudes zusetzen würde, hat der 1912 verstorbene Architekt nicht mehr erlebt. Ein Paradox auch dies: Ohne den ihm lange angelasteten Festungscharakter hätte der Reichstag die Schicksalsschläge, die ihm beschieden sein sollten, wohl niemals überdauert. Nur weil sich die Feuer der Diktatur und des Krieges an ihm abgearbeitet haben und dies bis heute an Veränderungen ablesbar ist, die dem Steinmassiv auch noch beim zweiten Wiederaufbau zugefügt worden sind, kann der monumentale Bau in unseren Tagen den Trumpf ausspielen, ein physisch geschundener, moralisch aber unbefleckter, zu neuem Leben erweckter Zeuge für Überhebung, Fall und Wiederaufstieg der europäischen Mittelmacht zu sein.

Öffnung der Politik

Dem englischen Architekten Sir Norman Foster ist bei der neuen Sinngebung des Bauwerks etwas Wesentliches gelungen: Er hat ihm durch das Herausreißen der Wand zum Platz der Republik eine innere Weite gegeben, die der Besucher als zeitgemäß für die Öffnung der Politik, die europäische Perspektive und die Sicht auf globale Herausforderungen empfindet. Der Blick reicht aus dem Plenarsaal nach oben bis in die Kuppel und durch sie in den bestirnten Himmel, den Immanuel Kant mit dem "moralischen Gesetz in mir" als die beiden Dinge bezeichnet hat, die "das Gemüth mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht" erfüllen. Eine Politik, die auf solchen Maßstab vereidigt ist, löst die Berechtigung des massiven Charakters ihrer zentralen Heimstätte ganz neu ein. Sie illuminiert den Bau von innen heraus - so wie es ja an dunklen Sitzungstagen im Winterhalbjahr auch sinnlich erlebbar ist.

Krönung mit der Kuppel

Es darf vergessen werden, dass an dieser Gestaltung das oft zitierte "Volk" selbst bedeutenden Anteil hat. Foster hatte zunächst an eine sonderbare platte Überdachung des gesamten Reichstags mit einer Art Tischplatte gedacht. Das Parlamentsgebäude wäre dadurch zu einer Art Ausstellungsstück in einer offenen Vitrine geworden, womit - wohl ganz im Sinne moderner Architekturauffassungen - seine "Musealität" unterstrichen worden wäre. Erst eine breite Protestwelle, an deren Spitze sich der zu dieser Zeit amtierende Bundesbauminister Oscar Schneider (CSU) setzte, fegte diesen Plan hinweg und erzwang die Krönung des Bauwerks mit einer Kuppel. Denjenigen Gebäudeteil, der heute die eigentliche Attraktion für die Besucher bildet und der den Souverän der Demokratie, den Staatsbürger, auf einem Spiralgang über seine gewählten Vertreter, die Abgeordneten, physisch und sinnbildlich emporhebt, hat sich das Volk als Hausherr des Reichstags selbst geschenkt. Foster war dafür nur der Konstrukteur.

Sichtschutz zum Volk

Es ist die Eigenart der Symbolik, dass sie sich niemals aufpfropfen lässt, sondern sich der Architektur und ihrem Gebrauch von selbst anheftet, völlig unabhängig vom Architekten und seinen Intentionen. So ist die Entscheidung des Bundestages, bei Sitzungen Jalousien unter die Kuppel und damit einen Sichtschutz zwischen die Volksvertreter, die Besucher in der Kuppel und den Himmel zu ziehen, von ungewollter Doppeldeutigkeit. Die Ironie der Geschichte will es, dass auch schon die Originalkuppel von Paul Wallot eines nicht beabsichtigten Doppelsinns bezichtigt wurde, als sich nämlich der Reichstagsabgeordnete Reichensperger am 9. Juni 1883 ereiferte: "Die Kuppeln, meine Herren, sind kein germanisches Stylprodukt; sie wurzeln in Konstantinopel." Dass einmal eine Zeit kommen würde, in der sich der vermeintliche Bezug auf die Türkei in Berlin aus ganz anderen Gründen als hintersinnig deuten lassen könnte, vermochten weder Reichensperger noch Wallot vorauszusehen.

Steingebirge

Angefangen von der frühesten, so lange und hartnäckig missverstandenen Baugeschichte dieses mächtig sich aus dem Spreesand emporreckenden Steingebirges bis auf unsere Tage wurde das Reichstagsgebäude mit soviel Symbolik und Geschichte aufgeladen, dass es mit vollem Recht - wenn auch politisch unkorrekt - noch immer seinen alten Namen führt. Zu diesem Nimbus trägt nicht wenig zuletzt auch das bei, was im Erscheinungsbild des Hauses gar nicht mehr sichtbar, sondern im Sturm der Zeiten verloren gegangen ist, und doch Erinnerungsbedeutung hat: der herrliche Figurenschmuck der Zinnen und der alten, nicht wieder hergerichteten, teilweise vergoldeten Kuppel, die Eleganz und Pracht der Wandelhallen, die dem Haus des Volkes einst Palastcharakter verliehen und vom Formwillen einer Zeit und Gesellschaft zeugten, die in zwei Weltkriegen untergegangen ist. Im Reichstagsgebäude lebt weiter, nicht nur was diesem Bauwerk eingebrannt, sondern auch was ihm genommen und an mutwilligen Zerstörungen zugefügt worden ist. Es ist diese Präsenz selbst noch des Versunkenen in den meterdicken Mauern, im Schall und Nachhallen der Tritte auf den Stufen und im Geschmack der Luft, die durch die Säle und Flure weht, was diesen Bau über Tag und Stunde hinaus zum Überbringer von Botschaften macht, die sich in keinem Geschichtsbuch finden. Wer nach der Gründungsurkunde des neu vereinigten Deutschlands sucht: Hier ist sie Stein geworden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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