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Monika Pilath
Im anderen Leben

DEMENZ In den Niederlanden erkunden Abgeordnete, wie die Pflege der Zukunft aussehen könnte

In "Hogewey" gibt es das richtige Leben im falschen. Das Viertel der niederländischen Stadt Weesp, eine halbe Stunde mit dem Auto von Amsterdam entfernt, bietet alles, was man zum täglichen Leben in seiner Umgebung braucht: Supermarkt, Arzt, Frisör, Restaurant, ein Theater. Die Grünanlagen sind gepflegt, die Bedienung im Café ist freundlich. Doch der Stadtteil ist kein gewöhnlicher Ort, denn "Hogewey" ist, auch wenn es nicht so aussieht, ein Pflegeheim für Patienten mit schwerer Demenz. Selbst die Kassiererin an der Supermarktkasse ist eine Pflegekraft.

Die Illusion des normalen Alltags ist hier Programm. "Unsere 152 Bewohner sollen so viel von ihrem bisherigen Leben bewahren können wie möglich", erklärt Jannette Spiering, Direktorin der Einrichtung, die Philosophie des Hauses. Es gehe darum, den Demenz-Kranken ein Leben in Würde zu ermöglichen. Ebenso wichtig wie eine fachgerechte Pflege sei ihr Wohlbefinden. Dazu gehöre, dass der Tagesablauf gewohnten Mustern folgt, das Leben vertraut bleibt. Einige Bewohner gingen täglich in den Laden, um einzukaufen, berichtet Yvonne van Amerongen, eine der "Hogewey"-Initiatorinnen. Was von den Lebensmitteln in den sechs- bis siebenköpfigen Wohngruppen nicht gebraucht werde, wandere einfach wieder zurück in den Supermarkt.

Pilotprojekt

Ihre Gäste, eine Delegation des Bundestags-Gesundheitsausschusses, hören ihr bei einem Rundgang über das Gelände aufmerksam zu. Die vier Abgeordneten Carola Reimann, Hilde Matheis (beide SPD), Willy Zylajew (CDU) und Kathrin Senger-Schäfer (Die Linke) sind Ende Mai in die Niederlande gereist, um sich das mit Preisen ausgezeichnete Pilotprojekt anzuschauen und Anregungen für den künftigen Umgang mit Alzheimer-Patienten zu holen, wie die Ausschussvorsitzende Reimann sagt.

Spiering erklärt, die an Demenz Erkrankten hätten ihre früheren Wünsche in Bezug auf die Gestaltung ihres Lebens nicht gänzlich verloren. Deshalb seien die 23 Wohnungen sieben gesellschaftlichen Lebensstilen zugeordnet, die von einem Meinungsforschungsinstitut ermittelt wurden: "städtisch, häuslich, handwerklich, kulturell, christlich, indonesisch und gehoben". Die Einrichtung der Wohnungen, die Speisen und Getränke, selbst die Musik entsprechen diesen Stilen. Die "Upper Class" etwa bevorzuge Wein zum Essen, bei den "Handwerklichen" gebe es Bier, erzählt Spiering.

Die Abgeordneten schauen in einigen Wohngruppen vorbei. Bei den "Kulturellen" hängt ein Van-Gogh-Plakat an der Wand, bei den "Häuslichen" liegt eine geblümte Plastikdecke auf dem Tisch, leise Schlagermusik ist zu hören. Eine Betreuerin, wie alle Pflegekräfte ohne weißen Kittel, bügelt. Eine Bewohnerin hilft beim Wäschefalten. Ein Effekt des ungewöhnlichen Pflegebetriebs sei, dass "deutlich weniger Psychopharmaka und Schlafmittel" benötigt würden, antwortet Amerongen auf eine Frage von Kathrin Senger-Schäfer. Im Vergleich zu anderen Pflegeeinrichtungen falle in "Hogewey" die "sehr friedliche Stimmung" auf, bemerkt Hilde Mattheis. In der Tat beobachteten sie bei ihren Bewohnern wenig Aggressivität, pflichtet ihr Amerongen bei.

Mit Blick auf die für diese Legislaturperiode geplante Pflegereform interessieren sich die deutschen Parlamentarier für die Finanzierung des Projektes. Wohnen dürften in "Hogewey" nur Patienten mit der höchsten Pflegestufe und einem Betreuungsaufwand von 24 Stunden pro Tag, erläutert Spiering. 5.000 Euro monatlich bekomme die von einer Stiftung getragene Einrichtung für einen Patienten von der Sozialversicherung. Zudem gebe es einen Investitionszuschuss. Im Vergleich zu Deutschland sei dies komfortabel, sagt Willy Zylajew. Allerdings werde bei den Nachbarn die ambulante Pflege weniger unterstützt. Für einen "Leuchtturm der Pflege" hält aber auch der CDU-Abgeordnete "Hogewey".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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