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Gerd Höhler
Faules Obst für Abgeordnete

GRiECHENLAND

Auf diese "Werbung" hätte der Abgeordnete Giorgos Dolios gern verzichtet: In seinem Wahlkreis in der Provinz Evros hängen Plakate von ihm. "Gesucht wegen Verbrechen gegen das Volk" steht in roten Buchstaben über seinem Gesicht. Auch seine Parlamentskolleginnen Olga Rentari und Eleni Tsiaousi finden sich auf solchen Steckbriefen wieder. Alle drei gehören der regierenden Pasok-Partei an. Sie haben Ende Juni im Parlament für das Sparpaket gestimmt, mit dem Ministerpräsident Giorgos Papandreou seinem Land neue Hilfskredite sichern und den drohenden Staatsbankrott ersparen will.

Seit Wochen protestieren Zehntausende Griechen gegen den Sparkurs der Regierung. Abgeordnete werden mit faulem Obst und Joghurt beworfen oder direkt attackiert. So zum Beispiel in der Stadt Chalkida, wo aufgebrachte Bürger auf die Pasok-Abgeordnete Katerina Sifunaki losgingen. In Nafplion hingen Plakate mit dem Konterfei der konservativen Abgeordneten Elsa Papadimitriou. Sie hatte als einzige Oppositionspolitikerin für das Sparprogramm der sozialistischen Regierung gestimmt. Auf den Plakaten wird sie zur "unerwünschten Person" erklärt. "Manche trauen sich in ihrem Wahlkreis gar nicht mehr auf die Straße, so viel Hass schlägt ihnen da entgegen", sagt ein Regierungspolitiker, der anonym bleiben möchte.

Die Eskalation zeigt, was auch Umfragen bestätigen: Viele Griechen haben das Vertrauen in ihre Politiker und Parteien verloren. Die Auseinandersetzung wird aus dem Parlament auf die Straßen getragen. Thanos Veremis, Professor für politische Geschichte, gibt zu bedenken: "Viele verdrängen, dass sie selbst diese Politiker wieder und wieder gewählt haben, dass sie die Wahlgeschenke gern angenommen und die Parteien damit zu immer neuen Versprechungen verführt haben, die nur auf Pump zu finanzieren waren."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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