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Clemens Bomsdorf
Blutiger Anschlag auf die liberale Gesellschaft

NORWEGEN Skandinavien gilt als ein Modell für Weltoffenheit. Es wird sich zeigen, ob dieses Bild erhalten bleibt

"Er ist Norweger" - diese drei Worte waren wohl die wichtigsten von Justizminister Knut Stroberget, als er gemeinsam mit Ministerpräsident Jens Stoltenberg am 22. Juli vor die Presse trat und mitteilte, dass der Attentäter von Oslo und Utøya gefasst worden sei. In den Stunden zuvor hatte der 32-jährige Anders Behring Breivik erst eine Bombe im Regierungsviertel gezündet und dann in einem Sommerlager ein Massaker angerichtet. Über 70 Menschen, die meisten von ihnen bei den Jusos engagierte Jugendliche, hatte er ermordet. Bis zur Bekanntgabe der Nationalität des Täters gingen viele davon aus, dass es sich um einen islamistischen Anschlag gehandelt habe. "Die Verhaftung zwingt die norwegische Gesellschaft, sich neue, schmerzvolle Fragen zu stellen", schrieb der Kommentator Per Anders Madsen von "Aftenposten", der führenden Zeitung des Landes. Es gibt viele Fragen: Ist der rechte Terror unterschätzt worden? Was hat es zu bedeuten, dass reflexartig gleich an die Tat von Islamisten gedacht wurde? Wie konnte es geschehen, dass ein junger Mann aus ganz gewöhnlichen Verhältnissen zum Massenmörder wurde, noch dazu, ohne dass jemand etwas ahnte?

Auch eine Woche nach der Greueltat bleibt vieles unklar. Doch weil der Täter in einem 1.500 Seiten umfassenden Dokument seine Gedanken und Pläne beschrieb, werden seine Beweggründe deutlich. Breivik gehört zu denen, die den Islam komplett ablehnen und meinen, jegliche Person muslimischen Glaubens habe in Europa nichts zu suchen. Er ist sich sicher, dass die Machtübernahme durch Muslime nur eine Frage der Zeit sei, dass diese den liberalen europäischen Rechtsstaat zerstören wollen und das diese Entwicklung unvermeidlich ist - es sei denn Menschen wie er greifen zu den Waffen.

Täterprofil

"Er ist ein einsamer Wolf und ein Konspirationstheoretiker", heißt es beim norwegischen Geheimdienst PST. Einsamer Wolf, weil die Tat wohl komplett alleine geplant worden war, niemand schien davon gewusst zu haben. Kern seiner Konspirationstheorie ist, dass die europäischen Politiker im Grunde schon beschlossen hätten, ihr Land an Muslime zu übergeben. Solche Theorien werden im Internet auf einschlägigen Seiten zuhauf diskutiert. Doch aus Konspirationstheoretikern waren bis zum 22. Juli keine Täter geworden. Die Tat hat Norwegen schockiert. Die Trauer ist riesig, davon zeugen die Blumenmeere in der Osloer Innenstadt und die Anteilnahme großer Teile der Bevölkerung.

Trotzdem ist auffallend, dass vor allem in den ausländischen Medien nun diskutiert wird, ob die Polizei Fehler gemacht hat. In Norwegen ist diese Kritik nur sehr verhalten zu vernehmen. In dem nordeuropäischen Land möchte man keine vorschnellen Urteile fällen, sondern erst warten, bis wirklich ganz genau bekannt ist, wie dieser schreckliche Freitagnachmittag verlaufen ist. Nach allem, was bis jetzt bekannt ist, dauerte es exakt eine Stunde von dem Zeitpunkt an, als bei der Polizei der Alarm einging, bis der Täter gefasst wurde. Er ergab sich widerstandlos. Die Polizei sagt, sie habe so schnell gehandelt wie nur möglich. Bekannt sind aber bereits jetzt zwei Probleme: Zum einen hat Norwegen zwar eine spezielle Eingreiftruppe, die Polizei aber keinen Helikopter, um diese mit ihrer schweren Ausrüstung sofort losfliegen zu lassen. Der Polizeihelikopter ist nur zur Beobachtung geeignet und war wegen der Sommerferien auch nicht besetzt. Es hätte ein Militärhubschrauber zur Verfügung gestanden, doch der hätte erst angefordert und zum Einsatzort geflogen werden müssen. Die Polizei fuhr schließlich mit Dienstwagen in Richtung Tatort - unter den gegebenen Umständen die schnellste Lösung.

Unterschätzte Gefahr

Da die Schießerei aber auf einer Insel war, wurde ein Boot benötigt. Dieses zu beschaffen, kostete Zeit. Zu allem Übel hatte das Boot einen Motorschaden, so dass zehn Minuten verloren gingen, die benötigt wurden, ein neues Boot zu organisieren. Nun fragen sich in Norwegen einige, ob das Land die Gefahr eines Terroranschlages unterschätzt habe.

Nordeuropa gilt auf dem restlichen Kontinent als Leitbild: das wohlhabende, egalitäre und friedliche Gegenstück zu Zentral-, Süd- und Osteuropa mit seinen gesellschaftlichen Konflikten. Skandinavien gilt bisher als vorbildhaftes Modell für Weltoffenheit, für eine heile Welt. Genau die wurde so plötzlich erschüttert. Es wird sich zeigen müssen, ob sie trotzdem erhalten bleibt oder nicht mehr mit der Realität übereinstimmt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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