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GIBT ES NOCH DIE MAUER IN DEN KÖPFEN?
Regine Sylvester
Misstrauen wirkt noch

PRO

Es ist nur menschlich, sich mit anderen zu vergleichen, und was fordert dazu mehr heraus als das Geld, das einer verdient? Der Osten sieht nach dem Westen und fühlt sich benachteiligt. Das Leben kostet überall etwa gleich, aber die Leute in den neuen Bundesländern verdienen im Schnitt 17 Prozent weniger, es können in einigen Branchen und Gegenden auch bis zu 33 Prozent weniger sein. Ein Drittel der Bürger in den alten Bundesländern findet diese Unterschiede gerechtfertigt. Warum eigentlich? Warum immer noch? Ein Taxifahrer in Hamburg erzählt mir, dass er noch nie im Osten war und da auch niemals hinwolle. Knapp 60 Prozent der Westdeutschen kennen die neuen Bundesländer nicht aus eigener Anschauung. Statt der Gemeinsamkeiten betonen die Ostler und die Westler vor allem die Unterschiede. Darin sind sie sich einig.

Die Mauer gibt es noch. Manchmal steht da ein verwitterter Klotz, verbreiteter sind wandernde Elemente, die sich plötzlich vor einem Menschen aus dem Osten aufbauen und am Haken des Misstrauens hängen: Staatstragend gewesen? Partei-Mitglied? Sonst wie privilegiert? Ich bin ziemlich sicher, dass westdeutsche Bürger selten so scharf befragt werden, so unvermittelt. Bei einem Urlaub in Fuerteventura sitze ich mit einem Ehepaar aus Regensburg am Abendbrottisch. Man redet, irgendwann erzähle ich, dass ich aus dem Osten komme. "Aus dem Osten?" Der Mann richtet sich jetzt auf und sieht mich forschend an: "Da waren sie doch alle bei der Stasi!" "Zwei bis fünf Prozent", sage ich, er antwortet: "Glaube ich nicht." Das Zusammenwachsen ist mühsam. Die Generation meiner Tochter - eine Bundesdeutsche, seit sie zwölf ist - wird das glücklicherweise anders erleben. Sie hat anderes im Kopf, heute schon.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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