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Verena Renneberg
Weisheit statt Kontroverse

STAATSBESUCH Papst Benedikt XVI. überrascht mit universalen Gedanken und lobt das Grundgesetz

In "Zeiten der Globalisierung, einer von Kriegen und Krisen erschütterten Welt" sind viele Menschen auf der Suche nach "Halt und Orientierung". Bundestagspräsident Norbert Lammert formuliert bei seiner feierlichen Begrüßung des "Heiligen Vaters" die Bedürfnisse der Menschen - und die Erwartungen an Kirche, Religion und Papst.

"Noch nie in der Geschichte hat ein Papst vor einem gewählten deutschen Parlament gesprochen", betont der Präsident des Hohen Hauses die Bedeutung dieses Tages und heißt das Oberhaupt der katholischen Kirche herzlich willkommen, "in Deutschland, Ihrem Heimatland" und "ganz besonders hier im Deutschen Bundestag". Und Benedikt XVI. wird die Erwartungen erfüllen. Er überrascht das Parlament und die ganze Nation - mit einer Rede von universeller Bedeutung. Es ist 15 Uhr, eineinhalb Stunden vor Beginn, die Presse- und Besuchertribünen in den oberen Rängen sind schon gut gefüllt. "Hätten wir uns auf die gegenüberliegende Seite gesetzt, hätten wir einen besseren Blick auf die Grünen gehabt", nörgelt ein Journalist. Der vorauseilende Frust erweist sich als unberechtigt.

Drei üppige Blumenbouquets stehen vor dem Rednerpult auf den Plätzen der Stenografen. Weiß und gelb sind die Blüten - die Farben des Vatikans. Um kurz vor halb fünf kommen Abgeordnete, Ministerpräsidenten und Kabinettsmitglieder. Es wird ruhiger, dann leise. Die Vorsitzenden der Fraktionen betreten den Raum. Dann der Gong. Alle erheben sich. Stille. Der Papst betritt den Plenarsaal. Blitzlichtgewitter. Minuten langer Applaus. Alle wissen: Es kann Jahrhunderte dauern, bis ein solches Ereignis wiederkehrt. Wohl keiner der Anwesenden wird derartiges ein zweites Mal erleben.

Wie auf ein Regiekommando hin fällt goldenes Licht durch das Hauptportal des Reichstags; ein blauer Himmel steht über der Reichstagskuppel von Sir Norman Foster, die Transparenz und Offenheit des deutschen Parlaments verkörpert.

Bedeutung des Grundgesetzes

Bundestagspräsident Norbert Lammert verweist auf die Verankerung der "christlichen Glaubenstradition" in der deutschen Verfassung. "Im Bewusstsein unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen", heißt es in der Präambel des Grundgesetzes. Das, wie es im Geleitwort Lammerts geschrieben steht, "das wichtigste Dokument unseres demokratischen Selbstverständnisses" ist. Das "Recht auf Leben" ist gleich im zweiten Artikel des deutschen Grundgesetzes verankert. Und hier setzt ein zentraler Punkt der Rede des Papstes an: Dürfen wir alles, was wir können? Die Frage nach dem, was rechtens ist, ist, so Benedikt, "heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden". Denn die Erkenntnisse der Wissenschaften haben dazu geführt, dass der Mensch "sich selbst manipulieren" kann. "Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen". Der Papst appelliert in diesem Kontext an das Parlament: "Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren, ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers."

Liebe zur Weisheit

Nicht umschifft hat der Papst die spitzen Klippen konfliktbelasteter Einzelfragen, er ist über sie hinausgegangen, hat sich und das Welt- und Selbstverständnis seiner Kirche ganz grundsätzlich erklärt. Sein Werkzeug trug er im Kopf mit sich: die Philosophie. "Philopsophia", die "Liebe zur Weisheit", zum Wissen, zur Wahrheit - sie ist beim Papst so unverkennbar ausgeprägt wie bei wenigen. Vielerorts in Vergessenheit geraten, an ihre Stelle sind die Naturwissenschaften getreten. Die eigentlich auf der Philosophie gründen, nicht diese ersetzen. Denn die Philosophie bildet das Fundament unserer modernen Zivilisation. Ohne sie ist alles nichts. Diese Erinnerung hat Benedikt XVI. uns mitgegeben.

Ursprung des Seins

Vor langer Zeit, im antiken Griechenland, als Naturphänomene wie Blitz und Donner noch als Eigenschaften zorniger Götter interpretiert wurden und die Menschen sich vor der Natur fürchteten, nahm das Fragen nach dem Sein und dem Dasein des Menschen ihren Ursprung. Dass es eine erste Ursache allen Seins geben müsse, war die Schlussfolgerung, die als aristotelischer Gottesbeweis in die Geschichte einging.

Es waren die geistigen Vorgänger Benedikts XVI., die die Liebe zur Weisheit vor mehr als zwei Jahrtausenden zu erweitern begannen. So entstanden Grundzüge des modernen Rechts, die Mathematik, die Geografie. Die Vereinzelung der Wissenschaften ist eine moderne Entwicklung; noch vor wenigen Jahrhunderten konnte ein Mensch problemlos alle wichtigen Werke der Menschheit in einer Lebensspanne studieren.

Glaube und Vernunft

Als im Mittelalter die Logik der griechischen Antike auf den christlichen Glauben trifft, entsteht dadurch für die Kirchenväter kein Widerspruch, sondern eine Symbiose von Glaube und Vernunft. Ihre These ist: Ein Gott als erste Ursache allen Daseins muss vollkommen sein. Und wer vollkommen ist und etwas schafft, der kann dies nur aus Liebe tun. So begründet die christliche Philosophie auch das angeborene Gewissen und die Verantwortung vor Gott, Recht und Gutes zu tun. Hier setzte Benedikt XVI. in seiner Rede vor dem deutschen Parlament an. Er spricht über das Recht, und zwar in aller Deutlichkeit: "Wir haben erlebt, dass Macht von Recht getrennt wurde", mahnt der Papst aus Deutschland. Macht müsse immer mit dem Bewusstsein um Verantwortung, um wahres Recht einhergehen, sagt er. Nur ethisch und moralisch rechtes Handeln könne Bestand haben. Und recht zu handeln, sei nur möglich im Wissen um die Verantwortung vor Gott und der Schöpfung.

Wohl der Bundesrepublik

Eine Konkurrenz zwischen Demokratie und Kirche lässt Benedikt nicht aufkommen. Offensiv begrüßt er das demokratische System der Bundesrepublik und die Institution des Deutschen Bundestags als "demokratisch gewählte Volksvertretung", die "zum Wohl der Bundesrepublik" arbeiten. Wer von seinen Kritikern anwesend ist, kann nicht anders, als ihm zuzustimmen. Doch Benedikt mahnt zugleich: vor einem Missbrauch des Prinzips der Mehrheit. Demokratische Abstimmungen, sie seien nur dann ein genügendes Kriterium der "rechtlich zu regelnden Materien", wenn die Grundlage stimme, in der die "Würde des Menschen" als "unantastbar" festgeschrieben ist. Benedikt schlägt die Brücke zwischen kirchlicher Lehre und Demokratie.

Ökumene

Auch dem Wunsch "vieler Menschen in Deutschland", den Norbert Lammert eingangs formuliert, das im Pontifikat des ersten deutschen Papstes nach der Reformation "nicht nur ein weiteres Bekenntnis zur Ökumene, sondern ein unübersehbarer Schritt zur Überwindung der Kirchenspaltung" erfolgt, kommt der Papst entgegen. "Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom - aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft Europas und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas." Hier findet sich auch das Denken Benedikts wieder, dass Ökumene und den Dialog zwischen den Religionen begründet.

Lob für Umweltschützer

Und dann überrascht Papst Benedikt, noch einmal, seine langjährigen Kritiker: Die Ökologiebewegung der 1970er Jahre habe "frischen Wind hereingelassen". Aber, so bemerkt er, "Propaganda für eine politische Partei" wolle er keine machen. Doch sei "Materie nicht nur Material für unser Machen", sondern "dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt". Katholische Lehrmeinung und Öko-Bewegung - noch nie schienen sie so sehr Streiter für dieselbe Sache zu sein. Spontaner Applaus kommt von allen Seiten. Es ist zehn nach fünf, der Papst schließt seine Rede mit dem Appell, der Gerechtigkeit und dem Frieden zu dienen. Stehende Ovationen. Bundestagspräsident Norbert Lammert dankt Benedikt für die Rede, die er einen "wichtigen Beitrag zur notwendigen öffentlichen Auseinandersetzung zu ethischen Grundlagen" und "zum notwendigen Dialog zu Kulturen, Religionen und Weltanschauungen" nennt. Um 17.17 Uhr ist dieses denkwürdige Kapitel abgeschlossen und im Geschichtsbuch des Deutschen Bundestages festgeschrieben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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