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Ulrich Krökel
»Engel« auf Stimmenfang

POLEN

Vier Jahre ist es her, da drehte der heutige polnische Premier Donald Tusk den Wahlkampf an einem einzigen Abend. Im TV-Duell fragte der Liberale den damaligen Regierungschef Jaroslaw Kaczynski, ob er wisse, was ein Kilo Kartoffeln koste. Und siehe da: Der nationalkonservative Volkstribun wusste es nicht und war entzaubert.

Am 9. Oktober steht in Polen erneut eine Parlamentswahl an. Diesmal aber entwickeln sich die Dinge in umgekehrter Richtung. Tusk ging als Favorit in den Wahlkampf. Umfragen sagten seiner Bürgerplattform (PO), die in einer Koalition mit der Bauernpartei (PSL) regiert, eine klare Mehrheit im Sejm voraus. Doch inzwischen hat Kaczynskis Partei Recht und Gerechtigkeit (PIS) den Rückstand von zwölf auf fünf Prozentpunkte auf die PO mehr als halbiert - eine spektakuläre Wende.

"Tusk ist in die Falle gegangen", analysiert der Politologe Jaroslaw Zbieranek vom Warschauer Institut für Öffentliche Angelegenheiten. Die PO habe einen polarisierenden Wahlkampf erwartet. "Aber Kaczynski fährt eine weiche Strategie, und Tusk fällt dazu nichts ein." Die PIS, die sich ihrer konservativen Stammklientel sicher sein kann, umwirbt Frauen und die Jugend, die traditionell der PO zuneigen. Auf Plakaten locken Nachwuchspolitikerinnen der PIS: "Kommt mit uns!" Medien haben die attraktiven Damen "Kaczynskis Engel" getauft.

Politischen Aussagen dagegen "verweigert sich die PIS", wie Zbieranek sagt. Die inhaltlichen Debatten sind zum Erliegen gekommen. Weder die Euro-Krise noch Tusks Pläne für den Bau eines polnischen Atomkraftwerks oder die Situation im krisengeschüttelten Gesundheitssystem sorgen für Streit. Darunter leidet nicht nur die PO. Auch die sozialistische SLD taumelt. Ihr werden derzeit zwölf statt der erhofften 20 Prozent vorausgesagt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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