Inhalt

Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

"Wetten, dass ich eine Million Leute finde, die gegen Ahmadinedschad sind?" Tatsächlich bringt es diese Facebook-Initiative nur auf 26.000 Fans. Demgegenüber verfügt Mir Hossein Mousawi, der innenpolitische Gegner des iranischen Präsidenten, immerhin über 43.000 Unterstützer. Doch von einer "Facebook-" oder "Twitter"-Revolution kann kaum die Rede sein, wenn sich im Iran - immerhin das am stärksten vernetzte Land des Nahen und Mittleren Ostens - nur wenige Zehntausend Internet-Nutzer aktiv für ihre politischen Ziele einsetzen.

Die Überbewertung der Rolle der sozialen Netzwerke, über die 2009 die Massenproteste im Iran organisiert wurden, hat zwei zentrale Ursache: zum einen die Bedeutung, die dem Internet für die politische Kommunikation in den westlichen Staaten zukommt; zum anderen der Umstand, dass den westlichen Journalisten oft nur die sozialen Netzwerke als Informationsquelle zur Verfügung stehen, weil eine freie Berichterstattung aus dem Iran nicht möglich ist.

Dass diese Quellen nur eingeschränkt aussagekräftig sind, belegen folgende Zahlen: Lediglich 100 Personen twitterten auf Englisch über die Unruhen im Iran nach der Präsidentschaftswahl 2009. Über die Wahl selbst wurden zwar mehr als zwei Millionen der sogenannten "Tweets" veröffentlicht, allerdings twitterten 60 Prozent der Nutzer nur ein einziges Mal. Unklar ist zudem, "wie viele der Leser im Iran selbst leben", betonen die in London lehrenden Wisenschaftlerinnen Annabelle Sreberny und Cholam Khibany.

In ihrer herausragenden Studie "Blogistan" halten die Autorinnen überraschende Informationen über die Bedeutung des Internets und der sozialen Netzwerke in der Auseinandersetzung zwischen "Konservativen", "Reformern" und Mullahs bereit. So würden sich die iranischen Blogger all zu sehr dafür interessieren, was gerade populär ist, und zu wenig für die politischen Inhalte selbst. Allerdings muss man die Einschätzung der beiden Wissenschaftlerinnen, dass das politische Regime im Iran nicht "totalitär" sei, durchaus kritisch hinterfragen.

Annabelle Sreberny, Cholam Khibany:

Blogistan. Politik und Internet im Iran.

Hamburger Edition, Hamburg 2011; 285 S., 22 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag