Inhalt


Sischä in die Zukunft

VON JÖRG BIALLAS

Früher war die Sache einfach. Was immer passieren möge: "Die Rende is sischä", pflegte Norbert Blüm bei jeder Gelegenheit zu betonen. Und die Menschen im Land haben dem CDU-Sozialpolitiker und Arbeitsminister geglaubt. Bis eines Tages offensichtlich wurde: Die staatliche Rente ist eben doch nicht so sicher, dass sie ein sorgenfreies Dasein nach dem Erwerbsleben garantieren kann.

Private Altersvorsorge hieß fortan das Zauberwort. Wer es mit seinen Einkommensverhältnissen irgendwie vereinbaren konnte, versuchte Geld zurückzulegen: Immobilien, Lebensversicherungen, Aktienfonds.

Staatliche Förderprogramme schufen Anreize, einer finanziellen Notsituation im Alter vorzubeugen. Bis dann die weltweite Wirtschaftskrise mit grausamer Wucht das Gefühl der Sicherheit zerschlug und die prognostizierten Renditen zusammenschmelzen ließ.

Geblieben ist die Sorge um die Zukunft. Die regelmäßige persönliche Prognose des staatlichen Rentenversicherers wird in den meisten Fällen nicht mit dem aktuellen Lebensstandard in Einklang zu bringen sein. Wenn dann auch noch die individuelle Vorsorge vor den Gesetzen der Finanzmärkte kapituliert, ist die Versuchung groß, das Rentensystem in Bausch und Bogen zu verdammen.

Das wäre fatal. Vielmehr geht es darum, den Solidarvertrag der Generationen dauerhaft zukunftsfähig zu machen. Dafür müssen allerdings Fragen erlaubt sein.

Etwa die: Wie hilfreich ist es, das Eintrittsalter auf 67 Jahre zu erhöhen, wenn derzeit viele Erwerbstätige vorfristig ausscheiden, weil der Arbeitsmarkt ihnen bis zur Rente keinen Job bietet? Jedoch: Warum sollte eine Gesellschaft, die immer gesünder immer älter wird, nicht länger arbeiten?

Auch: Ist es gerecht, bei den Rentenzahlungen weiterhin zwischen Ost und West zu unterscheiden? Obwohl: Wäre es nicht ebenso ungerecht, in Kenntnis der enormen Aufwendungen für Senioren in den neuen Ländern und deren Einkommenssicherung seit der Wende noch mehr Geld einzusetzen?

Darüber wird, darüber muss die Politik im Gespräch bleiben. Weil es eine der vorrangigen Aufgaben des Staates ist, jedem Bürger das Altwerden in Würde zu ermöglichen.

Das meinte Norbert Blüm, als er sagte: "Die Rende is sischä."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag