Inhalt

Christoph Birnbaum
Am Ende zahlen die Bürger

StaatsInsolvenzen Pleiten von Ländern kommen immer wieder vor. Auch reiche Nationen sind davor nicht gefeit

Kann Griechenland gerettet werden? Die Zweifel wachsen. Angesichts der jüngsten Rückstufung Griechenlands durch die Rating-Agentur Fitch auf die schlechteste Note vor einem Zahlungsausfall scheint das bis vor kurzem noch Undenkbare immer wahrscheinlicher zu werden - der drohende Staatsbankrott. Die Folgen für die Griechen wären katastrophal, für den Rest der Euro-Zone nur schwer zu kalkulieren. Denn eins zeigt ein Blick in die Staatengeschichte: Staatspleiten kommen öfters vor, als man denkt. Und sie sind zumeist keine singulären Ereignisse. Der Pleite des einen Landes schließt sich zumeist die Zahlungsunfähigkeit anderer Länder sehr schnell an.

Argentinienkrise

Mit einem Schuldenschnitt von über 53 Prozent für private Gläubiger, die auf mehr als 100 Milliarden Euro verzichten, stellt dabei die griechische Schuldenkrise den bis heute größten staatlichen Zahlungsausfall in der Welt dar. Größer noch als die Staatspleite Argentiniens im Jahr 2002. Mehr als 100 Milliarden Dollar Anleiheschulden waren damals betroffen, als Übergangspräsident Adolfo Rodríguez Saá am 3. Januar 2002 im Parlament in Buenos Aires die Einstellung der Schuldenzahlungen verkündete - unter tosendem Beifall der Abgeordneten. Die Ursache der Argentinienkrise reichte dabei bis 1989 zurück. Der damalige Präsident Carlos Menem hatte den Wechselkurs des heimischen Peso im Verhältnis 1:1 an den Dollar gekoppelt. Das ging so lange gut, bis der Nachbar Brasilien 1999 seinen Real abwertete. Die Folge: Investoren bekamen dort für ihre Dollar weitaus mehr zu kaufen als in Argentinien, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den reichsten Ländern der Welt gehört hatte. Die ausländischen Investitionen und die Exporte wurden immer weniger. Daraufhin verschuldete sich die Menem-Regierung im In- und Ausland stark, die heimischen Zinsen stiegen - und die Unternehmen konnten Investitionen nicht mehr finanzieren. Schließlich setzte eine allgemeine Pleitewelle ein.

Währung abgewertet

Als der Internationale Währungsfonds sich daraufhin weigerte, einen bereits vereinbarten Kredit vorzuziehen, folgte Ende 2001 ein Ansturm auf die Banken. Die Kunden wollten ihre Einlagen 1:1 in Dollar tauschen, Argentinien konnte seine Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Mit harten, heute noch zu spürenden Folgen für das Land: eine schwere Rezession folgte, die Inflation ging durch die Decke, 27 Prozent der Bevölkerung wurde arbeitslos, 57 Prozent fielen unter die Armutsgrenze. Eine Blaupause für Athen? Vielleicht. Aber anders als Griechenland heute kam Argentinien damals ohne neue Kredite aus der Überschuldung heraus, denn es konnte das machen, was Athen heute in der Eurozone verwehrt ist: Die kräftige Abwertung der Landeswährung in den Folgejahren machte die Warenproduktion im Inland wieder konkurrenzfähig. Der Preis hierfür aber war hoch, denn die Gehälter sanken dramatisch.

Der Fall Thailand

Für die Gläubiger bedeutet eine Staatspleite in der Regel einen herben Kapitalverlust. Die Ausmaße unterscheiden sich allerdings erheblich: Kreditgeber der Dominikanischen Republik etwa kamen im Jahr 2005 beim Staatsbankrott des heute beliebten Urlaubslandes in der Karibik mit einem Minus von fünf Prozent glimpflich davon. Mitunter mussten Anleger auch gar keine Abstriche machen, sondern benötigten nur ein wenig Geduld, so bei Thailand 1997. Hier floss das Geld nach einem halben Jahr wieder. Auch solche Fälle gelten aber schon formal als Staatsbankrott.

Ölpreis-Verfall

Schmerzhaft war der Verlust für Zeichner von Staatsanleihen Ugandas in den 80er Jahren. Dort mussten Anleger auf bis zu 90 Prozent der Einlagen verzichten. Auch Käufern russischer Anleihen erging es schlecht. Sie mussten 1998 auf 82 Prozent ihres Geldes verzichten: Russland war pleite - zum fünften Mal in seiner Geschichte. Grund war zum einen der Verfall des Ölpreises 1997. Die Staatseinnahmen brachen wegen sinkender Exporterlöse drastisch ein. Dazu kam die Asienkrise von 1997. Nervöse Anleger hatten befürchtet, die Lage in Russland würde sich ähnlich wie in den wirtschaftlich gebeutelten Ländern Thailand, Malaysia, Indonesien und den Philippinen entwickeln - und zogen ihr Kapital zurück. Parallel dazu hatte die russische Regierung viele kurzfristige Kredite aufgenommen, um Haushaltslücken zu schließen. Schließlich konnte Russland mehr als 40 Milliarden Dollar Schulden nicht mehr begleichen, und die Notenbank musste den Rubel um 71 Prozent abwerten. Die damalige Dollar-Bindung wurde beendet.

Beispiel Russland

Russland ist aber auch ein Beispiel dafür, wie schnell es einem Land, das zudem über wertvolle Rohstoffe verfügt, gelingen kann, wieder aus der Krise herauszukommen, denn das Land erholte sich in der Folge schneller als zunächst erwartet. Grund dafür war einerseits die abwertungsbedingte Verbilligung der inländischen Produktionskosten. Auch steigende Erdöl- und Gaspreise brachten den Rubel schnell wieder nach oben. Und weil die staatliche Finanzpolitik im Unterschied zu den Vorjahren darauf verzichtete, mit den wieder höheren Steuereinnahmen Ausgabenprogramme zu finanzieren, konnten Staatsschulden beglichen und eine weitere Zinsbelastung des Haushaltsbudgets geschmälert werden. Von 2006 an war das Land wieder schuldenfrei.

90 Staatspleiten seit 1980

Die beginnende Industrialisierung ließ die Zahl der Staatsbankrotte dabei nicht zurückgehen. Im Gegenteil: In den vergangenen 200 Jahren konnten allein 237 Länder ihre Gläubiger nicht fristgerecht bedienen. Seit 1980, so hat der Wissenschaftler Mark Wright errechnet, wurden 90 Staatspleiten gezählt. Im Durchschnitt erlitten die Anleger dabei Verluste von 40 Prozent. Allein zehn Staatspleiten machten die beiden US-Wirtschaftswissenschaftler Charima Reinhart und Kenneth Rogoff dabei zwischen 1800 und 2008 etwa in Venezuela aus. Insgesamt acht Staatspleiten erlebte Mexiko seit seiner Unabhängigkeit 1810/1821. Das letzte Mal musste das Land seinen Schuldendienst vor 29 Jahren einstellen - Finanzminister Jesus Silva-Herzog erklärte im August 1982 den teilweisen Staatsbankrott. Die Mexikaner hatten 80 Milliarden Dollar Auslandsschulden angehäuft.

Insolvenz als Tradition

Bei den aktuellen Pleitekandidaten hat die Insolvenz fast schon Tradition: Portugal war sechs- und Spanien achtmal zahlungsunfähig. Und seit 1800 war Griechenland fünfmal pleite. Unterm Strich verbrachten die Griechen damit gut die Hälfte der Zeit seit ihrer Unabhängigkeit im Jahre 1829 im Stadium der Zahlungsunfähigkeit. Zuletzt 1893. Die entscheidende Rolle damals spielte übrigens das wichtigste Exportprodukt der Griechen: die Korinthen. Zunächst war der Preis für die Weinbeeren stark gestiegen, vor allem weil die französischen Weinberge vom Mehltau befallen waren. Dann kam die Wende: Die Franzosen erhoben Schutzzölle, ihre Weinberge erholten sich - dagegen stürzte der Weltmarktpreis für Korinthen auf ein Sechstel, die Griechen gingen pleite. 1876 musste zudem auch der große Nachbar, das Osmanische Reich, den Staatsbankrott erklären. Bei der Herstellung von Seide und Wolle konnten die Osmanen nicht mehr mit der Massenproduktion der europäischen Textilfabriken mithalten. Zudem verschlang die Bürokratie immer mehr Geld - und Steuererhöhungen erwiesen sich als falscher Weg, weil die Bauern deswegen reihenweise flüchteten und so die Ernten ausfielen.

Englands Schulden

Sogar große "etablierte" europäische Volkswirtschaften wie Frankreich, Italien oder die Niederlande gingen immer mal wieder bankrott. Und selbst eine so "reiche" Weltmacht wie Großbritannien war nicht vor einer Zahlungsunfähigkeit gefeit: Im "zweiten hundertjährigen Krieg" zwischen England und Frankreich (1688-1815) um die Hegemonie auf dem Kontinent und die Herrschaft über Indien und Nordamerika wuchsen die britischen Schulden auf sagenhafte 215 Prozent des Volkseinkommens 1815 an. In den Jahren nach dem Sieg über Napoleon erreichte die Verschuldung mit 268 Prozent sogar einen neuen traurigen Höhepunkt. Doch anders als Frankreich gelang es England immer wieder, Zahlungsausfälle zu vermeiden. Nicht zuletzt, weil seine Kriege mit Ausnahme des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges Ende des 18. Jahrhunderts siegreich ausgingen. Zu den Spitzenreitern in der historischen Schuldnerliste gehört Österreich-Ungarn, das mit seinen Nachfolgestaaten neunmal Konkurs anmelden musste. Und auch ein Riesenland wie China, heute Hauptgläubiger der tief verschuldeten Supermacht Amerika mit dem größten Dollar-Auslandsvermögen, war bereits mehrfach in seiner Geschichte pleite - zuletzt 1921 und 1939.

Trauma in Deutschland

Und Deutschland? Rechnet man die Einzelstaaten mit, erlebten die Deutschen in den vergangenen 200 Jahren siebenmal einen Staatsbankrott. Vor allem die Hyperinflation von 1923, bei der es zu Preissteigerungsraten von mehr als 30.000 Prozent pro Monat kam, hat tiefe Spuren im Gedächtnis der Menschen hinterlassen. Noch heute gehört deshalb die Sorge vor einer Geldentwertung zu den größten Ängsten der Bundesbürger. Die Ursachen für diese Währungskatastrophe reichen bis zum Ersten Weltkrieg zurück. Deutschland finanzierte die gewaltigen Kosten durch Kriegsanleihen, die vor allem die Bürger zeichneten. Die Schuldenlast stieg von fünf Milliarden auf 156 Milliarden Reichsmark. Nach 1918 belasteten die riesigen Reparationszahlungen des Versailler Vertrags die maroden Haushalte zusätzlich und nach der Besetzung des Rheinlands durch die Franzosen im Januar 1923 brachen auch die Steuereinnahmen ein.

Auf dem Höhepunkt der Geldentwertung kostete ein Dollar 4,2 Billionen Reichsmark. Viel härter aber machte den Menschen der Verfall ihres Geldes im täglichen Leben zu schaffen: Wer den Wochenlohn ausbezahlt bekam, musste sich mit dem Einkauf beeilen, um für sein Geld noch etwas zu bekommen. Kunden brachten taschenweise Millionenscheine in die Geschäfte, denn innerhalb von Stunden konnten sich die Preise für eine Tasse Kaffee oder ein Brot verdoppeln. Nur ein radikaler Währungsschnitt konnte noch helfen. Der kam im November 1923 mit der Rentenmark, die die alte Reichsmark ersetzte. Damit war vor allem der Staat seine Schulden über Nacht los. Hauptverlierer waren die Besitzer von Geldvermögen. Millionen Bürger aus der Mittelschicht verloren die Ersparnisse vieler Jahre. Inflationsszenarien sind auch heute wieder denkbar. Länder, die wie Japan vorwiegend bei den eigenen Bürgern oder wie die USA in der eigenen Währung verschuldet sind, könnten versucht sein, den Bankrott durch Anwerfen der Notenpresse abzuwenden. Die US-Notenbank hat dies jedenfalls wiederholt getan.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag